Zum Spott kommt der Hohn, zum Scheitern die Demütigung: Mit süßsaurer Miene musste Ursula Stenzel vergangene Woche das Wahlplakat jenes Mannes enthüllen, dessen Rolle sie gerne eingenommen hätte. Nicht die ÖVP-Renegatin Stenzel geht jetzt für die Freiheitlichen in den Präsidentschaftswahlkampf, sondern der stellvertretende Parteiobmann Norbert Hofer. Damit war neuerlich die politische Karriere eines Quereinsteigers aus dem Fernsehen in die Brüche gegangen.

Noch im Herbst hatte die ehemalige Moderatorin der ORF-Nachrichtensendung Zeit im Bild frisch belebte Ambitionen aufblitzen lassen, als sie ihren spektakulären Wechsel zur FPÖ verkündete. Zuvor hatte ihre eigene Partei, die ÖVP, die damalige Bezirksvorsteherin der Wiener Innenstadt von der Kandidatenliste für die Gemeinderatswahlen gemobbt und einen jungen Nachfolger installiert. Stenzel stand vor dem Aus. Die Fahnenflucht sollte der Laufbahn der 71-jährigen Politikerin noch einmal späten Schwung verleihen. Zwar wurde sie in ihrer City abgewählt, doch ihr neuer Parteichef Heinz Christian Strache hielt offenbar große Stücke auf sein Beutestück aus dem bürgerlichen Lager, das mit Übereifer seine Loyalität und Seelenverwandtschaft zu den Rechtspopulisten bekundete.

Als Signal für weitere Überläufer wollte sich Stenzel verstanden wissen, was wohl bei der blauen Parteiführung den Gedanken nährte, sie als Anwärterin für das höchste Amt im Staat ins Rennen zu schicken. Erst im letzten Augenblick verhinderte ein parteiinterner Aufstand die Nominierung der Vorzeigedame mit dem näselnden Schönbrunner Deutsch. Zwar hätte die eigenwillige Retrokandidatin keine realistische Chance gehabt, den Sprung in eine Stichwahl zu schaffen, doch wäre eine Österreich-Rundfahrt als Hofburg-Anwärterin der krönende Abschluss ihrer schillernden Karriere gewesen.

Der damalige Parteichef Wolfgang Schüssel hatte die Fernsehjournalistin 1999 als Spitzenkandidatin für die Wahlen zum Europäischen Parlament in die Politik geholt. Einen klingenden Namen, der weit über die Grenzen ihrer Wirkungsstätte hinausreichte, machte sich Stenzel aber erst als Bezirksvorsteherin der Innenstadt, ein Amt, das sie zehn Jahre lang mit ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein ausfüllte. Sie war die Pelzmantelmadonna der Hofratswitwen, die sich mit Trubel und Heiterkeit im belebten Stadtzentrum anlegte und einen zähen Krieg gegen Punschstände und jeglichen Budenzauber führte. Ihre City solle ein Ruhepol von gesitteter Wohlanständigkeit sein, beschaulich wie eine Vedute von Rudolf von Alt.

Für die ehrgeizige und durchaus nach Einfluss strebende Quereinsteigerin war das jähe Ende eine bittere Pille, jetzt muss sie bis an das Ende ihrer Politikertage als Hinterbänklerin im Wiener Gemeinderat versauern. Damit reiht sie sich in die Riege ihrer Kollegen aus dem Nachrichtenstudio, denen alle der Umstieg in die Politik wenig Glück brachte.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 06 vom 04.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Zwanzig Jahre lang hatte Getrude Aubauer die Hauptnachrichten Zeit im Bild 1 und das wöchentliche Parlamentsmagazin Hohes Haus moderiert, als sich die frühere Sozialdemokratin 2006 von Kanzler Schüssel auf die Nationalratswahlliste der ÖVP locken ließ. Sie erhielt ein Mandat auf der Bundeswahlliste – und war es zwei Jahre später wieder los. Nur weil die vor ihr gereihte Christine Marek Staatssekretärin wurde, konnte sie ins Parlament nachrücken, wo sie nun ein wenig beachtetes Volksvertreterleben fristet.

Ähnlich erging es ihrem Kollegen Joseph Broukal (drei Mal zum "beliebtesten Nachrichtenmoderator" gewählt), der 2002 als Geheimwaffe des SPÖ-Herausforders Alfred Gusenbauer kandidierte. Der eher introvertierte Sinnierer wirkte eine Zeit lang als Wissenschaftssprecher der roten Fraktion, provozierte einmal einen Eklat in Nationalrat, blieb in der SPÖ isoliert, und mit dem Abgang seines Mentors Gusenbauer schied er wieder aus.

Der letzte Zeit im Bild-Moderator, welcher der Versuchung nicht widerstehen konnte, die Fronten zu wechseln, ist Eugen Freund, den Kanzler Werner Faymann 2014 zu seinem Favoriten für die Europa-Wahl erkor. Im Wahlkampf redete er sich mitunter in schäumende Gedankenstrudel, aber anschließend wurde es still um den 65-jährigen Spätberufenen. Auch seine Politikerkarriere dürfte ein nahes Ablaufdatum besitzen.

Auffällig, wie wenig Fortune jenen Nachrichtenpräsentatoren widerfährt, die ihr Fernsehgesicht, das allabendlich einem Millionenpublikum das Weltgeschehen näherbringt, gegen ein politisches Mandat einwechseln. Also von heute auf morgen ihr Publikum statt mit einer öffentlich-rechtlichen mit ihrer privaten Agenda konfrontieren. In allen Beispielen führt dieser gefährliche Rollentausch zum Scheitern.

Der Fall Stenzel wirft nun eine brisante Frage auf. Ist es möglicherweise das Nachrichtenformat, das für das Gesetz des Versagens verantwortlich ist? Was macht diese Sendung aus ihren bekanntesten Präsentatoren? Gibt es gar ein Zeit im Bild-Virus des Scheiterns, das erst außerhalb des Medienbiotops seine verhängnisvolle Wirkung entfaltet?