Wer sind die Loser von Iowa? Zwei ideologische Todfeinde antworten wie Zwillinge. Ganz rechts der Republikaner Ted Cruz, der Trump-Bezwinger: Verloren haben "die Medien, das Washington Establishment und die Lobbyisten". Ganz links der Demokrat Bernie Sanders, der fast Hillary Clinton entthront hätte: "das Establishment und die Medien".

Das absonderliche Duett der beiden siegestrunkenen Außenseiter klingt auch in Europa vertraut. Von Spanien über Schweden bis Polen machen sich populistische Protestparteien breit. Sie verkörpern Frust und Ressentiment. In Amerika sind die "Mainstream-Medien" der Feind, hier ist es die "Lügenpresse". Hier wüten sie gegen "die da oben", dort gegen die "Eliten".

Populismus ist die Auflehnung jener, die glauben, die Mächtigen und die Medien hätten ihnen die Stimme geraubt. Ihnen Globalisierung und Überfremdung aufgezwungen, die Jobs und geheiligte Werte vernichten. Was haben denn Cruz, Trump und Sanders im Angebot? Einen Schutzwall gegen den Herrschaftsanspruch des Establishments und den Angriff der Moderne.

Wer in Iowa triumphiert, scheitert oft genug auf dem langen Weg zum Konvent

Der Evangelikale wie der Milliardär wettern wider Waffengesetze, Einwanderung und "Obamacare" gegen den Kultur-Imperialismus des Bundes, der es den Einzelstaaten verbietet, über Homo-Ehen und Abtreibung zu verfügen. Das ist "rechts". Aber Trump will auch eine Reichen- und Vermögensteuer. Er fordert eine nationale Gesundheitsversicherung, nur wie Cruz eine "andere" als "Obamacare". Cruz poltert gegen "Kapitalistenwohlfahrt" – Steuernachlässe und Subventionen für die Konzerne. Das ist so "links" wie die Attacke gegen den Freihandel.

Sanders gibt zwar den "Sozialisten": Bankenzerschlagung, Gratis-Studium, Reichensteuer, Staats-Krankenkasse, doppelter Mindestlohn. Aber aufgepasst: Der Fast-Sieger von Iowa will ebenfalls keinen Freihandel, schon gar nicht mit dem Job-Killer China. Das schätzen auch die Cruz- und Trump-Wähler, genauso wie den Ruf: Raus aus Afghanistan und Irak, America first!

"Sozialisolationismus" ist der gemeinsame Nenner des Links-rechts-Populismus, der sich auch durch Europa frisst. Wir ziehen die Mauern des Nationalstaates hoch, um Güter und Migranten abzuwehren. Wir entmachten den Markt und die Mächtigen. Wir schützen den "kleinen Mann" und stutzen die Medien, die sich selbst "gleichgeschaltet" haben.

Traum oder Albtraum? Weder noch. Ein Blick in die Geschichte der USA zeigt: Der Populismus ist so amerikanisch wie Football und Fast Food. Erfunden hat den Begriff die Populist Party, die ab 1891 gegen den "Ostküsten-Kapitalismus" kämpfte. Ihr Vorfahr war der "Nativismus", der Katholiken, Deutsche, Chinesen und Osteuropäer verfemte. Diese Kräfte wurden allesamt von den zwei Großparteien aufgesogen.

Und jetzt? Es herrscht eine breite Kluft zwischen Amerika und Europa. Hier können Protestparteien im Verhältniswahlrecht überleben. Nicht aber im perfekten Duopol des US-Systems. Der Wutbürger kann nur in den Vorwahlen punkten, wo Dutzende von Kandidaten sich als Sprachrohr anbiedern. Iowa – weiß, protestantisch, ländlich – liefert eine trügerische Glaskugel. Wer hier triumphiert, scheitert oft genug auf dem langen Weg zum Parteikonvent. Verlierer wie Bush sen. und Bill Clinton haben es dennoch ins Weiße Haus geschafft. Am "Super Tuesday", dem 1. März, an dem 15 Staaten abstimmen, wird sich der Dunst lichten.

Cruz oder Trump, Clinton oder Sanders? Die Primaries gehören dem Protest, aber national liegt Clinton mit zwölf Punkten vor Sanders. Cruz hat Trump in Iowa besiegt, aber die nationalen Umfragen geben Trump zehn Punkte Vorsprung. Überraschend gut hat der Mann der Mitte, Senator Marco Rubio, abgeschnitten. Vorige Woche gaben ihm die Iowa-Umfragen gerade mal zehn Prozent; am Wahltag lag er nur eine Haaresbreite hinter dem Favoriten Trump.

Grundsätzlich: Protest ist nicht Präferenz. In der Mitte sieht es trübe für Cruz und Trump aus; dort prallen sie auf heftigen Widerstand. Trump würden fast sechs von zehn "nie und nimmer" wählen. Kaum besser ergeht es dem Iowa-Ersten Cruz. Also siegt doch das Establishment? Nur ein Tor würde Aktienpreise und Wahlausgänge voraussagen. Der Aufschrei, auch hierzulande, kostet nichts; am Wahltag wird abgerechnet. Es gilt die Binse: Wahlen werden in der Mitte gewonnen, wo die Realisten und Wechselwähler wohnen.

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