"Sozialträumer!", haben sie gerufen, "verdammtes Establishment" und "ihr macht euch lächerlich!". Am Ende, als die Leute von der Stadt die Info-Veranstaltung über die geplanten Flüchtlingsunterkünfte in Neugraben-Fischbek für beendet erklärten, pfiffen die rund 700 Zuschauer nur noch. Manche lachten hämisch, applaudierten ironisch.

Sie hatten nicht gehört, was sie hören wollten. Die Stadt will nicht von ihrem Plan abrücken, hier, südlich der Elbe, gut 3000 Flüchtlinge einzuquartieren. Allen Protesten der Bürger zum Trotz. "Jetzt", sagt eine Frau aus der örtlichen Bürgerinitiative, als sie die Halle verlässt, "jetzt hilft wirklich nur noch der Volksentscheid."

Es ist die letzte Hoffnung der Gegner von Großunterkünften wie hier in Harburg: eine Abstimmung unter allen Hamburgern, direkte Demokratie. Aber kann man über die Wirklichkeit abstimmen?

Am Freitag vergangener Woche hat der Dachverband der Bürgerinitiativen gegen die geplanten Flüchtlingsunterkünfte im Hamburger Abendblatt eine Volksabstimmung angekündigt. Es ist ein Votum, das die Regierung nicht gewinnen kann.

Nicht gegen ein politisches Bündnis, hinter dem fast 50 Prozent der Wähler stehen, das von der CDU bis zur Linkspartei reicht und das von der AfD unterstützt wird. Nicht gegen schlagkräftige Initiativen, die ihre Arbeit als Akt der Notwehr sehen, weil sie den Frieden in ihren Nachbarschaften zu verteidigen glauben oder schlicht ihr Eigentum, den Wert ihrer Häuser. Und nicht gegen einen rechten Mob, dessen Unterstützung die Initiativen nicht wollen, der aber dennoch die Gelegenheit nutzen wird, gegen Ausländer, "Gutmenschen" und "die da oben" zu hetzen.

Volksabstimmungen sind emotional, Wut ist die wichtigste Waffe. Wer abwägt, zweifelt oder Unpopuläres verkündet, hat schon verloren.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Das wird die erfolgreichste Volksabstimmung, die es je in Hamburg gegeben hat", sagt Bernd Kroll. Der Winterhuder CDU-Politiker zählte zu den Wortführern der Kampagne gegen die Busbeschleunigung, er kennt sich aus in Sachen Mobilisierung, und auch dieses Mal ist er dabei.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass die Volksinitiative zur Schicksalsfrage für Scholz wird", sagt die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Karin Prien. Sie ist die umtriebigste Gegnerin der Großunterkünfte in der Bürgerschaft, seit Wochen warnt sie vor den "Ghettos", die das Land plane. Die Flüchtlingspolitik ist das Thema dieser Legislatur, eine Niederlage könnte die Regierung ins Schwanken bringen. Bei SPD und Grünen denken sie noch nicht so weit, zumindest nicht öffentlich. In der Opposition offenbar schon.

85 Prozent Zustimmung, damit rechnet Klaus Schomacker, der in der Öffentlichkeit für den Dachverband der Initiativen gegen Großunterkünfte spricht. "Wenn wir 85 Prozent bekommen, kann man davon die 15 Prozent AfD-Stimmen abziehen, und wir haben immer noch 70 Prozent", sagt er.

Das klingt siegesgewiss, das Seltsame ist nur: Die Bürgeriniativen können diese Abstimmung so wenig gewinnen wie die Landesregierung – und Schomacker weiß das.

Sein Bündnis will den Bau von Siedlungen für insgesamt gut 20.000 Menschen verhindern, die das Land im kommenden Jahr errichten will. Seine eigenen Juristen schätzen, dass die Kampagne bis zur Abstimmung mindestens elf Monate dauern werde. Manfred Brandt vom Verein Mehr Demokratie, der die Initiative berät, rechnet mit einem Volksentscheid frühestens zur Bundestagswahl 2017. Egal, wer recht hat, fast sicher ist: Wenn die Hamburger abstimmen, werden die ersten Häuser wohl längst stehen, sämtliche Siedlungen baurechtlich genehmigt sein. Und vor allem wird es Verträge mit Bauträgern geben, die diese Siedlungen errichten werden. Und das Land wird diese Verträge beachten müssen, was immer das Volk im Herbst 2017 entscheidet.

Wozu dann abstimmen?