Man mag vieles einwenden gegen die Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wegen Zika gleich einen globalen Gesundheitsnotstand auszurufen. Etwa, dass die Forscher ja noch nicht einmal wissen, ob das Zika-Virus überhaupt für die vielen Kinder verantwortlich ist, die gerade mit einem zu kleinen Kopf geboren werden (es ist sehr wahrscheinlich). Oder dass man das wahre Ausmaß noch gar nicht kennt: Sind wirklich Tausende Neugeborene von einer solchen Mikrozephalie betroffen, wie oft berichtet wird, oder doch eher ein paar Hundert?

Man kann sich auch darüber ärgern, dass die Weltöffentlichkeit nun bang auf eine Infektion schaut, die in den allermeisten Fällen harmlos verläuft – wo es doch Leiden mit weit dramatischeren Folgen gibt, gerade in Brasilien. Es sind Leiden, die seit Langem mehr Aufmerksamkeit verdienen. Am Denguefieber etwa erkranken in dem Land jährlich mehr als 1,5 Millionen Menschen, Hunderte sterben daran. Erwiesenermaßen.

Man kann auch einwenden, dass es nur symbolischer Aktionismus ist, wenn die WHO jetzt den Notstand erklärt. Denn was kann der schon bewirken? Der eigentliche Feind ist schon lange da: eine Mücke, die seit Jahrzehnten in den Pfützen und Gewässern Südamerikas heimisch ist und die jetzt auf einmal das Zika-Virus in sich trägt und verbreitet. Da nützt es nichts, einfach die Grenzen dicht zu machen, wie man es bei Ebola getan hat.

Die Wahrheit ist aber: Die WHO hatte keine andere Chance. Nachdem sie im Fall von Ebola zu spät reagiert hatte, musste sie jetzt schnell handeln. Der Druck war schlicht zu groß.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Und bei aller Gefahr von hilflosem Aktionismus: Der Notstand könnte auch handfeste positive Nebenwirkungen haben. So wird nun wohl intensiv geprüft, ob das Zika-Virus tatsächlich der Auslöser für die Mikrozephalie der Neugeborenen ist und welche Ausmaße die Infektion tatsächlich hat. Das ist zwar lästiges epidemiologisches Handwerk, es muss aber unbedingt getan werden – schon, um halb garen Alarmmeldungen und kruden Verschwörungstheorien entgegenzuwirken. Und vielleicht hilft die WHO mit ihrer Entscheidung auch den schwangeren Frauen. Wenn deren Blut auf das Zika-Virus untersucht wird, werden die Ärzte sie und das ungeborene Kind hoffentlich gründlicher anschauen, als das bislang oft der Fall ist.

Der wichtigste Nebeneffekt aber könnte sein, dass nun endlich der eigentliche Feind ins Blickfeld rückt und nachhaltig bekämpft wird. Jener Feind, der nicht nur das Zika-Virus von Mensch zu Mensch trägt, sondern auch weit gefährlichere Krankheiten wie Gelbfieber oder Denguefieber: die Mücke Aedes aegypti.