Der CDU-Parlamentarier Wolfgang Bosbach © dpa

Acht Uhr morgens im Café Einstein Unter den Linden. Er muss beim Eintreten gleich die Hände mehrerer frühstückender Bürger schütteln: Wolfgang Bosbach, 63, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Bergisch Gladbach, Jurist und ehemaliger Supermarktleiter, der Talkshow-König (2015 war er das dritte Jahr in Folge der häufigste Gast in Talkshows). Er bestellt Ei Benedikt (Toast, Ei, Béchamelsoße) und "eine Tasse ganz normalen Kaffee – auch da bin ich konservativ". Er gilt als, hoppla, schärfster Merkel-Kritiker. Es wird nicht einfach sein, mit ihm ein lockeres und leichtes Gespräch zu führen, da seine Themen – Zuwanderung und innere Sicherheit – derzeit mit so erbittertem Ernst und einer irren Aufregung debattiert werden. Kinderfrage zum Einstieg, er ist ja gut mit Kinderfragen: Müssen wir jetzt den Rest des Jahres eigentlich immer nur über Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge reden?

"Wenn die Europäische Union sich nicht aufraffen kann, das umzusetzen, was schon beschlossen wurde – sichere EU-Außengrenzen, gemeinsame Bekämpfung der Fluchtursachen, Einrichtung der Hotspots und eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge in allen 28 Staaten –, dann nicht nur 2016, sondern die nächsten Jahre." Frauke Petry besteht ja darauf, dass es möglich sein muss, auf Flüchtlinge an der deutschen Grenze zu schießen: Kann er der durchgedrehten AfD-Vorsitzenden mal erklären, wie man eine deutsche Grenze schützt? Er setzt sein ernstes Politikergesicht auf: "Die Äußerungen von Frau Petry sind völlig unbegreiflich und abwegig. Mauern, Stacheldraht und Schießbefehl hat es in der Bundesrepublik nie gegeben und wird es auch nie geben. Wir sollten unsere Landesgrenzen aber wieder so schützen, wie wir dies in den vergangenen Jahrzehnten auf der Basis des geltenden Rechtes getan haben."

Er schaut auf sein Handy. Nanu, langweilen soll er sich hier aber nicht. Frage an einen der Unterzeichner des windelweichen Briefs an die Bundeskanzlerin: Weiß er denn nicht, dass es ganz sinnlos ist, gegen Angela Merkel zu sein? "Ich bin seit 44 Jahren politisch aktiv, seit 21 Jahren im Deutschen Bundestag: Offensichtlich ist es in den Köpfen vieler Menschen nicht zu montieren, dass man große Sympathien für die Person und hohen Respekt vor der politischen Leistung haben kann und trotzdem in der einen oder anderen Sachfrage eine unterschiedliche Auffassung."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Noch mal einen Blick auf ihn von der Seite: Er hat ja – komisch – schon etwas Teddybär-Artiges, etwas Putziges. Seine braunen Kulleraugen, sein so ernster, spitzer, kleiner Mund. O ja, die Gepanzertheit seines rheinischen Frohsinns ist manchmal schwer zu ertragen. Und o ja, wenn er beim Vertreten von Volkes Stimme zu selbstgewiss auftritt, tut es auch weh. Er soll nun noch einmal die schöne Geschichte erzählen, wie er als Supermarktfilialleiter einen mit einem Messer bewaffneten Dieb mit einem Tiefkühlhähnchen in die Flucht schlug. Der Dieb, so erklärt Bosbach jetzt, hatte einen Migrationshintergrund. Ist er manchmal eifersüchtig, weil einige AfD-Politiker ihn in der Disziplin Nah-am-Volk-Sein überholt haben? "Ich habe mit der AfD genauso wenig zu tun wie mit der Linkspartei. Mit denen möchte ich auch nicht in einen politischen oder rhetorischen Überbietungswettbewerb treten." Und jetzt Achtung, lustiges Thema: Welchen Tipp hat er für die deutschen Frauen am Rosenmontag? Gelächter, Freude beim Abgeordneten: "Wo es unbedingt notwendig ist, um einer Attacke zu entgehen – eine Armlänge Abstand halten. Ansonsten: einhaken und mitschunkeln." Er zeigt auf sein Handy: Termine. Beim Mantelanziehen soll er noch erklären, ob Talkshows schlecht für die Seele sind. Händeschütteln mit den Gästen im Einstein.

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