Deutschland ist aufgewühlt. Es geht um die Kanzlerschaft Merkels. Es geht auch um den Stil der politischen Auseinandersetzung und die Rolle der Medien. AfD und Pegida bringen die tiefe Unzufriedenheit eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung zum Ausdruck. Durch Social Media und Demonstrationen machen die auf sich aufmerksam, die Staat und System verachten – inzwischen auch durch Gewaltandrohung und handfeste Angriffe auf Reporter.

Wir haben von Beginn an über problematische Aspekte der Flüchtlingskrise berichtet. Grundsätzliche Fragen der Integration waren immer ein Thema, zum Beispiel lief schon im September vergangenen Jahres eine ZDFzoom-Dokumentation über islamische Parallelwelten. Wir haben Vertreter von Pegida zu Talkshows eingeladen und von der AfD sowieso – und die Wutbürger damit sichtbar gemacht. Dabei stehen wir vor einem Dilemma: Ignorieren wir diese Stimmen, weil sie oft genug den demokratischen Konsens verlassen? Oder geben wir ihnen Raum, weil wir auch diesen Teil der Wirklichkeit abbilden wollen? Ich meine: Es ist besser, AfD-Positionen in der Diskussion zuzulassen. Zuletzt bei Anne Will oder Maybrit Illner konnte man beobachten, wie ihre Vertreter im Meinungsstreit entzaubert wurden und die Empörungs- und Opferstrategie nicht mehr funktionierte. In den heute-Nachrichten hat ein Polizeifunktionär Frauke Petrys Schießbefehl-Fantasien juristisch kühl zerlegt. Demokraten sollten vor Populisten nicht in Deckung gehen.

Das Time Magazine beschrieb gerade einen Megatrend: desintermediation. Gemeint ist, dass Vermittler ihre Macht verlieren. Das betraf erst Buchhändler und Reisebüros – Vermittler zwischen Kunde und Produkt. Jetzt trifft es Journalisten. Donald Trump setzt im Wahlkampf desintermediation gezielt ein. Er vergisst die Schmähung des mitreisenden Pressecorps in keiner Rede. Er brauche keine Journalisten, weil zwischen ihm und den Wählern eine direkte Beziehung bestehe. Sein Publikum liebt das – so wie Pegida "Lügenpresse" skandiert. Empörung über angebliche Meinungsmonopole: Das wird zur Methode, um jede Kritik abzuwehren.

Wir setzen den Angriffen Qualität und Vielfalt entgegen. Unsere Verbindung zum Publikum ist über Jahrzehnte gewachsen. Millionen sehen unsere Sendungen. In Krisenzeiten wie diesen steigen die Einschaltzahlen unserer Nachrichtensendungen.

Es gibt keine Vorgaben für die Berichterstattung über die Flüchtlingswelle. Als Chefredakteur habe ich immer vertreten, dass beides zusammengehört: einerseits Empathie für die Menschen, die zu uns kommen – immerhin schützt Artikel 1 unseres Grundgesetzes die Würde des Menschen. Aber Journalisten müssen andererseits den Finger in die Wunde legen: massives Behördenversagen, Kriminalität, Integrationsverweigerung, um nur einige Probleme zu nennen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 4.2.2016.

Wir sind kein "Wir schaffen das"-Sender. Wir diskutieren, ringen um Meinungen, bilden verschiedene Positionen ab. Darüber hinaus leistet das ZDF einen publizistischen Beitrag zur Integration, etwa durch unsere Arab-App mit Grundinformationen für Flüchtlinge auf Arabisch oder indem wir Beispiele für Gelingen in der Krise zeigen.

Die Debatte macht klar: Die Zuschauer sind kritischer geworden, mehr denn je stößt jede Spur von (gefühlter) Bevormundung durch Journalisten oder Moderatoren auf Ablehnung. Autoritäten werden hinterfragt, und das ist auch gut. Wir können nicht voraussetzen, dass unser journalistisches Koordinatensystem vom Publikum fraglos nachvollzogen wird. Wer glaubwürdig sein will, muss sich erklären. Jede Sendung auf ihre Weise: Was sind unsere Entscheidungskriterien? Wie verlaufen redaktionelle Prozesse? Warum laden wir diesen oder jenen Gesprächspartner ein? Social Media machen Kommunikation möglich, manchmal reicht ein erklärender Nebensatz in der Moderation. Die Vermittler müssen raus aus den Studios und sich um ihr Publikum bemühen.

Ein letztes Wort von mir zum Fall "Köln". Wenn manche Redaktion bei der Berichterstattung umgetrieben hat, ob Flüchtlinge pauschal unter Verdacht gestellt werden, dann waren diese Skrupel zuerst einmal richtig. Sie sind orientiert am Pressekodex, der zum Schutz von Minderheiten aufruft. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, zu entscheiden, ob für die Berichterstattung über Straftaten "die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten" relevant ist. Es kommt auf Sensibilität an, und die muss in redaktionellen Diskussionen immer neu entwickelt werden. Ein "Schweigekartell" zu konstruieren, weil im Fall des ZDF erst das heute journal und nicht die heute-Sendung zweieinhalb Stunden zuvor die Kölner Vorkommnisse gemeldet hat, war total überzogen. Eine Welle der Berichterstattung folgte: über Frauenbilder, Gewalt, Antisemitismus, die kulturellen Aspekte der Integration – das sind die notwendigen Stichworte.

Wenn hinter Verbrechen regelmäßig Tätergruppen einer bestimmten Herkunft stehen, dann muss man diese benennen. Dann muss man sich auch mit Tabus auseinandersetzen. Hier haben alle, Journalisten, Politik, Polizei, Öffentlichkeit, in den letzten Wochen dazugelernt. Aber auch jetzt gilt es, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Das heißt, man muss Fakten nennen, einordnen, differenzieren. Die seit Langem sichtbaren, oft verdrängten Versäumnisse der Zuwanderungspolitik in Deutschland sollten nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen werden.