Der katholische Theologe Wunibald Müller leitet das Recollectio-Haus in Schwarzach am Main, in dem Priester über ihre Probleme sprechen können. © Karl-Josef Hildenbrand dpa

Christ+Welt: Sollte die Pflicht zum Zölibat für katholische Priester aufgehoben werden?

Wunibald Müller: Der Zölibat ist an sich eine bereichernde Lebensform. Menschen, die ein entsprechendes Charisma haben, kann es gelingen, den Zölibat glaubwürdig zu leben. Sie verzichten bewusst auf ihre Sexualität und schaffen das auch. Problematisch ist die Pflicht zum Zölibat.

C+W: Warum?

Müller: Ich leite nun seit 25 Jahren das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach, einen Zufluchtsort, unter anderem auch für Geistliche in Krisensituationen. Ich habe Hunderte Priester gesehen, die sich aufreiben an der Herausforderung des zölibatären Lebensstils, dem viele einfach nicht gewachsen sind. Gerade junge Priester gehen mit viel Enthusiasmus an ihre Aufgabe, verlieben sich dann und sind hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrem Beruf und der Liebe zu einer Frau. Das ist schlimm mitanzusehen. Unter ihnen gibt es tolle Priester, die sich für ihre Frau entscheiden, aber auf diese Weise ihrem Beruf verloren gehen.

C+W: Warum wissen die Kandidaten nicht schon vorher, worauf sie sich da einlassen?

Müller: Viele Priester haben ein falsches Bild vom Zölibat. Er bedeutet ja nicht, dass man keine tiefgehenden Beziehungen haben soll. Im Gegenteil, die braucht jeder Mensch. Ohne solche Beziehungen, in denen man Intimität erfährt, wird man krank. Intimität ist nicht nur die genitale Sexualität. Man braucht Freundschaften zu Männern und Frauen und muss sich auch mal in den Arm nehmen lassen können. Ein Leben lang auf die genitale Sexualität zu verzichten, ist ein großer Verlust. Aber dieser Verzicht macht nicht krank.

C+W: Das Problem ist, wenn sich zwischen der öffentlichen Figur des Priesters und seinem Privatleben eine Kluft auftut …

Müller: Viele Priester leben in Liebesbeziehungen, auch in rein sexuellen Beziehungen, die sie nach außen hin verstecken. Denn sonst werden sie suspendiert. Oft werden diese Beziehungen dann im Dunkeln gelebt. Viele Bischöfe wissen um diese Situation oder ahnen es. Sie schauen dann aber lieber weg, weil sie sonst eingreifen und den entsprechenden Priester suspendieren müssen. Das wollen die Bischöfe aber nicht, da sie auf diese Weise oft fähige und tüchtige Priester verlieren würden.

C+W: Wie viele Priester halten sich denn überhaupt noch an den Zölibat?

Müller: Nach meiner Einschätzung nicht viel mehr als die Hälfte aller Priester in den westlichen Ländern. Es ist ein bisschen wie mit der Enzyklika "Humanae vitae" von Paul VI. Der Papst untersagte den Gebrauch künstlicher Verhütungsmittel, aber keiner hält sich dran. Auch der Pflichtzölibat wird immer weniger wirklich gelebt und überlebt sich somit mit der Zeit. Solange die Kirche daher hier nicht ihre Haltung ändert, macht sie sich unglaubwürdig.

C+W: Sie haben Papst Franziskus deshalb einen Brief geschrieben. Was stand darin?

Müller: Ich habe ihm zweimal geschrieben, das letzte Mal 2014. Meine Bitte war, es den Priestern freizustellen, ob sie zölibatär leben oder heiraten.

C+W: Und die Antwort?

Müller: Mein erster Brief blieb unbeantwortet, obwohl ich mich persönlich versichert habe, dass er bei ihm in Santa Marta angekommen ist. Ende November vergangenen Jahres bekam ich dann eine Antwort aus dem vatikanischen Staatssekretariat. Der Papst sei eingehend über meine Bitte und Erwägungen unterrichtet worden und bedanke sich für die Mitsorge für die Sendung der Kirche. Er halte es aber nicht für geeignet, "universalkirchlich eine Option zwischen einem verheirateten und einem zölibatären Klerus zu ermöglichen". Gerade unsere Zeit, so heißt es weiter in dem Brief, brauche dieses Zeugnis der Treue zu einer frei gewählten Lebensentscheidung und die Hingabe an die große Berufung, sich ungeteilt dem Herrn und seiner Sache zu widmen.