Montag, Polykastro/Idomeni

An der Autobahnraststätte in der Nähe der griechischen Kleinstadt Polykastro kostet eine Suppe sechs, Pasta mit Fleisch 7,50 und ein Sandwich vier Euro. Hier versorgen sich derzeit Hunderte, manchmal Tausende Migranten und Flüchtlinge. Eine andere Möglichkeit haben sie nicht, denn sie müssen mitunter tagelang warten, bis sie weiter nach Norden können. In der Zwischenzeit machen die Tankstellenbetreiber beste Geschäfte.

Auf der Balkanroute bleibt eben viel Geld hängen, nicht nur bei den Schleppern, sondern auch bei jenen, die ganz legale Geschäfte machen mit den ungezählten Menschen, die hier Tag für Tag durchziehen. Tankstellenbetreiber zum Beispiel, Kioskbesitzer, Busunternehmer, Taxifahrer. Über die Wucherpreise bei Polykastro beklagen sich selbst die griechischen Busfahrer. Auch sie müssen essen und trinken, während sie warten und warten.

Die Raststätte von Polykastro ist in den vergangenen Wochen zu einem improvisierten Auffanglager geworden, denn die EU versucht, die Massenwanderung in den Griff zu bekommen, und übt dabei auch Druck auf Griechenland aus. Nur zehn Kilometer sind es von hier nach Mazedonien. Vom Grenzübergang Idomeni erreichten die Welt in letzter Zeit erschütternde Bilder: Tausende Menschen, die in Zelten und unter Planen auf den Bahngleisen lagern, weitgehend auf sich allein gestellt, frierend, hungrig, wütend, verzweifelt, apathisch. Die Bahngleise in Idomeni sind inzwischen frei, und griechische Polizisten geleiten die Flüchtlinge bis zur Grenze, um sie einigermaßen geordnet den mazedonischen Behörden zu übergeben.

Westbalkanroute - Der beschwerliche Weg in Richtung Asyl Seit Anfang des Jahres sind über 100.000 Flüchtlinge über die Westbalkanroute nach Europa gekommen. Die Europäische Union ringt um die Verteilung der mehr als eine Million Schutzsuchenden, die 2015 kamen.

Die Lage an der Raststätte von Polykastro ist nicht viel besser, als sie in Idomeni war, aber sie ist weiter weg von den neugierigen Kameras. Bis nach Idomeni kommen jetzt sowieso nur noch Syrer, Afghanen und Iraker. Alle anderen, vor allem Marokkaner, Algerier, Tunesier, werden abgewiesen. Sie sind weder an der Raststätte noch in Idomeni anzutreffen. Sie hausen unter erbärmlichen Bedingungen in einer verfallenen Hotelruine am Rande der Europastraße 75, knapp vor der mazedonischen Grenze. Auf die Frage, ob sie, da ihnen der Weg nach Norden verschlossen sei, nicht zurück nach Hause wollten, antworten sie: "Lieber sterben wir hier!" Die Ordnung, die Europa in die große Wanderung zu bringen versucht, hinterlässt auch Menschen, die stecken bleiben und de facto in der Illegalität leben müssen. Es dürften auf dem Balkan inzwischen Zigtausende sein, von diesen Outlaws wird in dieser Geschichte noch die Rede sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Zur "neuen Ordnung" gehört auch der mazedonische Grenzzaun, der inzwischen auf fast vierzig Kilometer Länge gewachsen ist. Dazu gehört ebenso, dass die EU-Staaten Beamte nach Idomeni schicken, um Mazedoniens Grenzbehörden zu unterstützen. Es ist kein Zufall, dass sie vor allem aus jenen Ländern kommen, die Europa gegen Flüchtlinge abschotten wollen, aus Ungarn, Tschechien, Polen.

Dienstag, Gevgelija/Skopje

Als im Sommer vergangenen Jahres Hunderttausende Menschen auf der Balkanroute Mazedonien durchquerten, sah der Bürgermeister der Stadt Gevgelija eine Gelegenheit, die leeren Kassen seiner Gemeinde aufzufüllen. Für rund 600 Euro vergab er Taxilizenzen. Die Nachfrage war groß, denn die Menschen, die über die Grenze kamen, wollten schnell weiter in den Norden, und was war schneller als ein Taxi? Am Stadtausgang von Gevgelija, dort, wo die Eisenbahnlinie über eine Brücke verläuft, warten die Taxifahrer auch heute noch in langen Reihen auf Kundschaft. 286 Lizenzen hat der Bürgermeister vergeben, das ist viel für eine Stadt mit nicht einmal 15.000 Einwohnern. Es gibt nur wenige Einkommensquellen in Gevgelija, die Arbeitslosenquote in Mazedonien liegt offiziell bei 28 Prozent.

Balkanroute - An der Grenze zu Mazedonien Im griechischen Grenzort Idomeni hoffen Flüchtlinge, die Grenze nach Mazedonien passieren zu können. Doch seit November wird nur ein Teil von ihnen durchgelassen.

Einige Fahrer haben für die Lizenz einen Kredit aufgenommen, wochenlang machten sie gute Geschäfte. Doch inzwischen ist auch hier die ordnende Hand Brüssels zu spüren. Die Flüchtlinge können sich in einem Durchgangslager ausruhen und werden dann ausschließlich mit der mazedonischen Staatsbahn an die Grenze zum Nachbarstaat Serbien transportiert. 25 Euro kostet das Ticket. Die Taxifahrer von Gevgelija sind aus dem Geschäft, darum haben sie die Gleise blockiert. Einer sagt, sie würden so lange ausharren, bis sie wieder arbeiten könnten. "Bei uns kostet die Fahrt auch 25 Euro, und unsere Autos sind sauber, geheizt und sicher!"

Die Zeit der Massenwanderung ist eben auch eine Zeit großer Gelegenheiten. Zum Beispiel für die mazedonische Regierungspartei VMRO-DPMNE. Noch im Frühjahr 2015 gingen Tausende Mazedonier auf die Straße, um gegen Korruption und Misswirtschaft zu protestieren. Die Regierung schien kurz vor dem Sturz zu stehen. So weit kam es zwar nicht, der Premier musste aber auf Druck der EU neue, technokratische Minister ernennen und tief greifenden Reformen sowie vorgezogenen Wahlen zustimmen. Die sollen am 24. April stattfinden.