Ein Flüchtlingsboot, gefilmt von einem Kreuzfahrtschiff aus – in Philip Scheffners "Havarie" © pong

Um gleich ein bisschen pathetisch zu werden: Ein Festival wie die Berlinale ist in einem elementaren Sinne wichtig, vielleicht sogar wichtiger denn je. Nicht weil harte Wirklichkeiten in die Filme hineindrängen. Sondern weil es in der riesigen Rumpelkammer der Medien, des Internets und seiner Netzwerke immer mehr Bilder von diesen Wirklichkeiten gibt, aber nur im seltensten Fall eine Haltung dazu. Womöglich sind Filmemacher heute mehr denn je gefordert, die Grenze zwischen Abbilden und Erzählen auszuloten. Und zwar durchaus in einem kämpferischen Sinne.

Was das bedeuten kann, zeigt Philip Scheffners eindrücklicher Film Havarie. Visuell besteht er aus einem vor der spanischen Küste aufgenommenen Smartphone-Film, den ein irischer Tourist auf YouTube gestellt hat. Zu sehen ist eine blaue Wasserfläche und links im Bild ein kleiner Fleck. Ein Schlauchboot? Mit Flüchtlingen? In einer fast anderthalbstündigen Superzeitlupe verfremdet Scheffner den kaum dreieinhalbminütigen Film, deutet das vermeintlich Bekannte – halt ein weiteres Flüchtlingsboot – zu einem Projektions- und Erzählraum um. Denn auf der Tonspur sind Erzählungen von Menschen versammelt, die sich in jenem Moment auf dem Mittelmeer begegnet sind oder die sich dort hätten begegnen können. Zu Wort kommen der Navigationsoffizier eines Kreuzfahrtschiffes und seine Frau, die Besatzung eines ukrainischen Frachtschiffes, das diese Route häufiger fährt, der Seenotrettungsdienst von Cartagena mit seinen Funksprüchen, ein Algerier, der selbst auf einem Boot das Meer überquerte – und der irische Tourist, der den Film gedreht hat. Philip Scheffner hat ihn in Belfast aufgespürt. Dort erzählt der Mann, wie ihn die Begegnung mit dem Flüchtlingsboot in seinen eigenen Ausnahmezustand zurückversetzt habe: jenen Tag im irischen Bürgerkrieg, an dem sein bester Freund erschossen wurde. Und ganz langsam, während das Boot weiter im blauen Bild schwimmt, entfaltet sich aus einem zufällig entstandenen Touristenfilm eine Mischung aus Dokumentarfilmessay und Schicksalsdrama, in dem sich unterschiedliche Kriege und die Erinnerung daran begegnen.

Schon einmal ist Philip Scheffner im Kino auf eine Spurensuche gegangen, die um eine Art Ur-Bild kreist: ein Maisfeld an der deutsch-polnischen Grenze. Ausgehend von diesem Feld, untersucht der 2012 entstandene Dokumentarfilm Revision den zwanzig Jahre zurückliegenden Tod zweier Rumänen, die dort nach einem illegalen Grenzübertritt von deutschen Jägern erschossen wurden. Die Täter wurden nie zur Verantwortung gezogen. Gemeinsam mit Coloradu Velcu, dem Bruder eines der Erschossenen, schickt Scheffner nun einen weiteren Film zur Berlinale. And-Ek Ghes zeigt, dass eine eigene Haltung zu Bildern zu gewinnen auch bedeuten kann, die Kamera abzugeben, den eigenen Autorenblick zu teilen.

Berlinale Shorts - "Xenos" – ein Kurzfilm von Mahdi Fleifel 2010 flüchtet der Palästinenser Abu Eyad zusammen mit anderen aus dem größten palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon, Ain al-Hilweh. Doch in Griechenland erleben sie alles andere als das bessere Leben.

And-Ek Ghes ist die großteils von einem Einwanderer gefilmte Geschichte der Einwanderung seiner rumänischen Roma-Familie und ihrer absurden, lustigen und ernsten Begleiterscheinungen. Scheffner und Velcu filmen die Hoffnungen und Enttäuschungen der Großfamilie, die versucht, in Berlin Fuß zu fassen. Die Warterei auf die Schulplätze der Kinder, die Arbeit auf dem Bau, Geldsorgen, Picknicks im Tiergarten, den Trubel in der karg eingerichteten Wohnung. Vor allem wird der Film zu einem rührenden Dokument des Ringens nach einem individuellen Ausdruck. Einmal liest Coloradu Velcu einem Freund einen Tagebucheintrag über einen Wochenendausflug vor. Es entspinnt sich eine Diskussion darüber, wie ein persönlicher Blick auf die Dinge zustande kommt und ob die Feststellung, es sei ein schöner Tag gewesen, dafür reiche. Am Ende entsteht das Persönliche ausgerechnet durch die populärste aller Formen: Die ganze Familie dreht einen wildromantischen Musikclip rund um ein junges rumänisches Liebespaar, das in Berlin sein Glück versucht.

Und wenn man die Kamera ganz abgibt, einen Fremden dafür bezahlt, seine eigene Geschichte zu filmen? Dann wird der Auftraggeber zum Komplizen der Lebensregie eines anderen. Für ihr Filmprojekt Les Sauteurs überließen Moritz Siebert und Estephan Wagner die Kamera einem jungen Malier, der von Marokko aus versucht, nach Europa zu gelangen. Gemeinsam mit anderen jungen Afrikanern haust Abou Bakar Sidibé auf dem Berg Gurugú, gegenüber der spanischen Enklave Melilla. Alle paar Wochen versuchen die Männer, den meterhohen, mit rasiermesserscharfem Draht gesicherten Zaun zu überwinden, fast immer vergeblich. Im Mittelpunkt stehen aber nicht diese von der Polizei zurückgeprügelten Versuche, sondern steht der Alltag auf dem Berg, während die Männer den Mut für den nächsten Anlauf sammeln. Was aus Abous Bildern entsteht, ist das Dokument einer Gemeinschaftsbildung. In dem provisorischen Lager wird gekocht und gehandelt, wird der eine zum Handwerker und der andere zum Arzt. Es gibt Chefs und eine klare Hierarchie, es wird getanzt, gefeiert, gebetet, Fußball gespielt. Natürlich hätte das Experiment auch in die Hose gehen können. Aber Abou erweist sich als meisterlicher Filmer und Erzähler dessen, was ihn bewegt. Und als präziser Regisseur in eigener Sache: Begeistert teilt er einem Kameraden mit, welche Körperteile dieser von ihm filmen soll, während er sich wäscht. Dann wieder vertraut er der Kamera seine Sehnsucht nach Europa an und die Angst davor. Ein einzelner Mensch tritt aus der anonymen, medial verbackenen, opaken Flüchtlingsmasse heraus und wird zum agilen, sich selbst reflektierenden Subjekt seines Films.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Mit Bildern zu erzählen statt abzubilden, das heißt heute mehr denn je, Kunde zu geben, ohne Nachrichten zu illustrieren. Wie es der Kamera gelingen kann, Verbrechen nicht zu zeigen und trotzdem in ihrem ganzen Ausmaß ins Bild treten zu lassen, führen ein mexikanischer und ein serbischer Film vor: Tempesdad von Tatiana Huezo und Dubina Dva von Ognjen Glavonić. In Tempesdad berichtet eine junge Mexikanerin, die unschuldig verhaftet wurde, von ihrem Aufenthalt in einem von einem Drogenkartell kontrollierten Gefängnis. Dubina Dva erzählt anhand von Zeugenaussagen die Geschichte eines Massengrabes in der Nähe von Belgrad, in dem die Leichen von 700 Kosovo-Albanern gefunden wurden.

Beide Filme lassen ihre Figuren nur im Off sprechen. Der eine Film zeigt dazu Bilder des heutigen Mexikos, Polizeikontrollen, Straßensperren, eine Busfahrt quer durchs Land. Der andere Film folgt lose den Schauplätzen eines vor 17 Jahren begangenen Kriegsverbrechens und seiner Vertuschung. In beiden entsteht das Entsetzen in dem Raum zwischen präzise erzählenden Stimmen und Bildern einer völlig absurd erscheinenden Normalität. Dass Regisseure das Zeigen verweigern, die Kamera abgeben, den Blick abwenden, um mit fremden Blicken das Eigentliche zu sehen, sagt vielleicht nichts über den Zustand des Kinos. Aber doch über die Handvoll Regisseure, die in dieser Gegenwart eine Herausforderung des Kinos angenommen haben.

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