Hochseewindpark in der Nordsee: Das Betrugsopfer wollte Windräder bauen, einen Park in der Nordsee hat er gebaut. © dpa

Auf der Fotografie steht er jovial da und gönnerhaft, dieser nicht mehr junge Mann mit der Halbglatze, dem dunklen Anzug und der nicht angezündeten Zigarette im Mundwinkel, der Mann, den die Betrogenen als "Dr. Pomo" kennen.

Er leitet die Show: Das drückt die ganze Haltung aus. Zur Show gehören ein Mann in Pilotenuniform, eine attraktive Assistentin mit dunkler Sonnenbrille, einige angebliche EU-Prüfer in Bürokratenanzügen. Und ein schwäbischer (einstmals großer) Windkraftunternehmer. Letzterer steht wie ein Beobachter am rechten Bildrand. Das wirkt im Nachhinein fast stimmig, denn die Show gilt nur ihm allein. Er ist das zahlende Publikum.

Diese vielsagende Szene zeigen drei schief aufgenommene Handyfotos. Es sind die einzigen Bilder, die die Opfer von jenem Mann haben, der sich Dr. Pomo nannte, der ihnen EU-Milliarden versprach und sie um ihre Millionen brachte.

Vor dem Landgericht Osnabrück ist aber kein Dr. Pomo angeklagt, sondern der 48 Jahre alte Luciano Zingarelli, der vermeintliche Gehilfe des großen Dr. Pomo. Zingarelli hat die erschwindelten sieben Millionen Euro fast vollständig in bar abgehoben. Von einer Schuld will er aber nichts wissen. Dauernd springt der kleine Mann mit der alerten Igelfrisur und dem perfekt auf dem etwas dicklichen Leib sitzenden marineblauen Anzug auf und wedelt mit Schriftstücken herum. Er zeigt auf die Zeugen, er ruft in gebrochenem Deutsch: "Nicht Zingarelli, Zingarelli, Zingarelli! Pomo hat auch mich beschissen!" Er selbst, will er damit sagen, sei das eigentliche Opfer des großen Strippenziehers Dr. Pomo. Wo die Millionen sind, sagt er nicht. Er behauptet: Dr. Pomo habe sie. Und wo der sei – keine Ahnung.

Luciano Zingarelli heißt natürlich anders, aber auch sein wahrer Name – der hier aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht genannt wird – klingt wie der eines schlechten Zauberers. Das Gericht fragt sich mittlerweile, ob nicht womöglich Zingarelli selbst jener Magier war, der die Millionen so meisterhaft zum Verschwinden brachte. Nach Dr. Pomo wird nicht einmal gesucht.

Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr geschädigte deutsche Unternehmen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Das Geschäft, dem Dr. Pomo, Zingarelli und weitere Kompagnons nachgingen, ist der Zauberei nicht unähnlich. Confidence men, so heißen jene artistischen Verbrecher im Englischen, deren Kunst darin besteht, vermeintliches Vertrauen zu schenken und echtes Vertrauen geschenkt zu bekommen. Vertrauen, das sich in Gold aufwiegen lässt. Zingarelli hat mindestens fünf deutschen Unternehmern weisgemacht, es gäbe bei der Europäischen Union einen "Infrastruktur-Topf" mit erheblichen Fördermitteln. Diese seien ursprünglich für allerhand Infrastrukturmaßnahmen in Italien bestimmt gewesen, von dort aber nie abgerufen worden. Der Grund: Die italienischen Unternehmer seien eben zu unorganisiert, zu temperamentvoll, zu einfältig. Aber er, Zingarelli höchstselbst, verfüge über einen exklusiven Zugang zu einem EU-Kommissionsmitglied: Dr. Pomo heiße dieser verdiente Mann, und der entscheide persönlich über die bei der EU eingehenden Anträge.

Wahrscheinlich haben nicht alle geprellten Unternehmer gegen Dr. Pomo Anzeige erstattet, sodass viel mehr als die ermittelten sieben Millionen Euro verschwunden sein dürften. Ein weiteres Verfahren ist im Allgäu anhängig, ein Auslieferungsgesuch nach Österreich besteht, wo Zingarelli mit ähnlichen Geschichten weitere Millionen ergaunert haben soll. Vor dem Landgericht Osnabrück treten bloß zwei gerupfte deutsche Unternehmer auf, beide aktiv in der Energiewende, der eine mit Erdwärme, der andere mit Windkraft.

Die Unternehmer lernten Zingarelli 2011 als Geschäftsführer seiner Agentur mit dem schönen Namen Mediafinance kennen. Angeblich, so erfahren sie, ist er von der EU beauftragt, Fördergeldanträge zu prüfen. "Haben Sie sich denn mal erkundigt, ob es solche Agenturen überhaupt gibt?", fragt der Vorsitzende Richter die Zeugen. Man höre das doch überall, sagt der Erdwärme-Mann, ein fragiler weißhaariger Herr mit zittriger Stimme. Der Vorsitzende schüttelt den Kopf. Tatsächlich prüft die EU alle Förderanträge selbst, wie sich mit einem einzigen Anruf beim zuständigen Vertreter ohne Weiteres hätte feststellen lassen. Zugelassen sind nur Agenturen, die den Unternehmen beim Ausfüllen der Anträge helfen.

Erfolgreiche Betrugskünstler sind immer auch hervorragende Psychologen, geschickt darin, die Aussicht auf den Gewinn so plausibel zu machen, dass sie über die Skepsis siegt. Gier, Eitelkeit, Stolz und Scham werden lauter als die Stimme der Vernunft. Deshalb sind ältere Herren besonders gute suckers, wie die Opfer solcher Betrügereien heißen. Oft reicht ein grell gepinseltes Bild, um ihre Fantasien in leuchtenden Farben zu spiegeln: protzige Autos, Luxushotels, teure Weine, attraktive Assistentinnen, die unterwürfig den Kopf neigen und den Espresso servieren.