Beyoncé in ihrem neuen Video "Formation" © Screenshot Youtube

Ein Tag vor ihrem Auftritt in der Halbzeit des Superbowl veröffentlichte Beyoncé ihr neues Musikvideo Formation. Es ist ein aufwendig produziertes, künstlerisch interessantes Video, die Musik dazu ist auf dem hohen Niveau des Pop, den man von der Sängerin gewöhnt ist. Neu ist die politische Dimension, die in den USA Begeisterung auslöst. Endlich bekenne sich die erfolgreichste schwarze Sängerin zum Kampf gegen Rassismus, endlich hätten schwarze Frauen ein positives Vorbild. Sie ruft zur Bildung einer Front gegen die Grausamkeiten der amerikanischen Gesellschaft auf, die sie unmissverständlich zeigt: Beyoncé versinkt auf einem Auto der Polizei von New Orleans in den Fluten.

Beyoncé - Formation (Dirty) from WellsNewYork on Vimeo.

Das soll an das Versagen der Regierung beim Hurrikan Katrina erinnern, der die ganze Verachtung des amerikanischen Staates gegenüber der schwarzen Unterschicht offenbarte. Von Überwachungskameras gefilmt, tanzen die Frauen in Häftlingskleidung, denn noch immer ist die Mehrheit der Inhaftierten schwarz. Schließlich ein Graffito: "Stop shooting us", auch das ein Hinweis auf unsägliche Polizeigewalt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Nach dem Feminismus entdeckt Beyoncé jetzt ihre Hautfarbe. Doch gibt es auch Vorbehalte: Ausgerechnet Beyoncé spielt sich als schwarze Heilsbringerin auf? Sie, die ihr Haar glättet und blondiert, die gerüchtehalber ihre Haut aufhellt, wagt sich auf das Terrain der Politik? Dass sich die erfolgreichste schwarze Sängerin weißer erscheinen ließ, um einem von weißen Idealen geprägten Massenmarkt zu gefallen, war für viele schwer erträglich. Vor wenigen Jahren noch betonte sie in einem Interview, sie denke nicht über Hautfarbe oder Rasse nach. Plötzlich singt Beyoncé von baby hair, zwischen Komparsinnen mit typisch schwarzen Frisuren sitzend. Dazu schüttelt sie ihre noch immer blonden Zöpfe.

Beyoncés Anspielung auf Hurricane Katrina und den Polizeistaat © Screenshot Youtube

Die Texanerin aus der oberen Mittelschicht eignet sich die Kultur der schwarzen Unterschicht Louisianas an und betont ihre Herkunft aus den Südstaaten noch mit einer Flasche Hot Sauce, die aus der Handtasche ragt – das wirkt für ihre Kritiker ebenso wenig glaubwürdig wie die Tänzerinnen in den Uniformen der sozialistischen Black Panthers, die um die Sängerin turnen, die aus einer Familie von Republikanern stammt und in ihren Liedern gern den schnöden Mammon anbetet. Wahrscheinlich halte sie es ja in der momentan aufgeheizten Stimmung um race relations nur für cleveres Marketing, ihre blackness in den Vordergrund zu stellen. Es gehe um Gucci, nicht um Revolution. Doch Beyoncé vorzuwerfen, sie sei nicht authentisch, verfehlt das Ziel: Natürlich ist sie nicht authentisch. Beyoncé ist immer Produkt ihrer Marketingmaschinerie. Sie schreibt weder ihre Lieder noch choreografiert sie die Tänze, noch dreht sie ihre eigenen Videoclips. Beyoncé ist eine Interpretin. Warum sollte sie nicht auch die Stimmung des schwarzen Zeitgeistes interpretieren, ihn verkörpern? Die hochgezüchtete amerikanische Unterhaltungsindustrie ist schließlich niemals Politik, sondern immer Ablenkung.