Investoren stehen in Shanghai vor einer Kurstafel. © Aly Song/Reuters

Es ist das Ende einer Epoche: China hat die Weltwirtschaft wie eine Lokomotive gezogen – und sie damit auch über Finanz- und andere Krisen hinweg in Schwung gehalten. Doch diese Erfolgsstory ist nun vorbei. Börsenturbulenzen haben das Land erschüttert, die chinesische Währung steht kräftig unter Abwertungsdruck: Trotz wiederholter Eingriffe der chinesischen Notenbank hat der Renminbi gegenüber dem US-Dollar innerhalb eines Jahres rund fünf Prozent seines Wertes eingebüßt.

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten spiegeln die Sorgen um Chinas Konjunktur und sind ein Ergebnis der großen ökonomischen Ungleichgewichte in dem Land. Nur wenn China diese entschlossen angeht, wird es mittelfristig ein stabiles Wachstum erreichen können. Zugleich sollten die Chinesen sich darüber klar werden, dass ein Regime fester Wechselkurse, kombiniert mit einer unabhängigen Geldpolitik und einem freien Kapitalmarkt, nicht funktionieren kann. Das Land muss Kompromisse finden.

Wir müssen uns darauf einstellen: China kehrt wohl nicht zu den früheren Wachstumsraten zurück. Gerade hat die Regierung für das vergangene Jahr 6,9 Prozent Wachstum vermeldet, wobei die tatsächliche Rate nur bei rund sechs Prozent liegen dürfte. Das wäre für chinesische Verhältnisse fast schon eine Rezession. Und es dürfte weiter abwärtsgehen: Dass sich das Wachstum dauerhaft auf vier bis fünf Prozent verlangsamt, wäre für eine aufholende Volkswirtschaft durchaus typisch. Dafür spricht auch, dass die chinesischen Löhne deutlich gestiegen sind. Das Land leidet zudem selbst inzwischen unter neuen Billigkonkurrenten, die sich auf dem Weltmarkt etablieren konnten.

In der stürmischen Wachstumsphase von Chinas Wirtschaft haben sich enorme Ungleichgewichte gebildet: Die Staatsverschuldung ist stark gestiegen, zudem ist eine Immobilienblase entstanden. Viele Unternehmen haben große Überkapazitäten aufgebaut. Nun steht China an einem Scheideweg. Das Land muss innerhalb weniger Jahre eine ganze Reihe an Herausforderungen meistern, um die Lage zu stabilisieren.

Zum einen müssen die Chinesen ihr Bankensystem reformieren und dürfen hoch verschuldete Staatskonzerne nicht mehr auf Kosten privater Unternehmen schützen. Zum anderen müssen sie einen eigenständigeren Kurs in der Währungs- und Wirtschaftspolitik finden und können nicht einfach dem Druck des Westens nachgeben. Das bedeutet vor allem, dass China auch längerfristig keine Politik der festen Wechselkurse und freien Kapitalmärkte verfolgen kann. Es ist das bekannte Trilemma des Wechselkursregimes, das selbstverständlich auch für China gilt: Eine unabhängige Geldpolitik, ein mehr oder minder fester Wechselkurs und ein freier Kapitalmarkt sind nicht miteinander vereinbar.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Wenn Anleger diese Unvereinbarkeit nicht vor Augen haben, werden ihre Erwartungen unwillkürlich enttäuscht werden. Ein fester Wechselkurs bei freiem Kapitalmarkt würde zum Beispiel die Geldpolitik bestimmen, die gewährleisten müsste, dass der Wechselkurs nicht schwankt – unabhängig wäre sie also nicht mehr. China braucht jedoch eine unabhängige Geldpolitik, um Konjunkturschwankungen zu dämpfen; es braucht außerdem einen stabilen Wechselkurs, um Finanzmarktturbulenzen zu vermeiden; und es braucht einen freien Kapitalmarkt, um sich sinnvoll in die internationalen Finanzmärkte eingliedern zu können. Weil man nicht alles gleichzeitig haben kann, wird die Regierung Kompromisse finden müssen – und deren Charakteristika werden große Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.

Weiterhin muss das Land vor allem durch seine Strukturpolitik gewährleisten, dass es seine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft behält. Dafür darf China den sich derzeit vollziehenden industriellen Wandel nicht verschlafen, sonst würde es wirtschaftlich abgehängt. Um das Vertrauen der Märkte zu stärken und die Intentionen der Wirtschaftslenker zu verdeutlichen, sollte die Regierung laufende Reformvorhaben schneller vorantreiben. Sie sollte einen nachhaltigen Wohlfahrtsstaat ausbauen, um den Konsum zu stärken und die Investitionen als Motor der Wirtschaft abzulösen.

In jedem Fall sollte die chinesische Regierung ihre übermäßigen staatlichen Investitionen in physisches Kapital durch mehr Investitionen in Humankapital ersetzen. Denn Erstere bringen vergleichsweise wenig Ertrag, während Investitionen in Erziehung und Ausbildung dringend notwendig sind, um den Folgen der Alterung der Gesellschaft vorzubeugen. Bisher investieren in China vor allem die Eltern in Bildung.

Nur durch verstärkte Investitionen in Humankapital wird China auch das angepeilte Ziel, mehr Innovationen statt lediglich Imitationen für die globale Wirtschaft zu liefern, in absehbarer Zeit erreichen können. Dafür sind zudem tief greifende kulturelle Veränderungen erforderlich – weg von hierarchischen Strukturen, hin zu mehr Eigenverantwortung und Freiheit. Solche Veränderungen sind nicht über Nacht zu erreichen, sondern erfordern einen grundlegenden Wertewandel.

Gelingt es der Regierung nicht, die anstehenden Herausforderungen zu meistern, wird die chinesische Wirtschaft noch lange unter ihrer neuen Schwäche leiden. Dann wären die aktuellen Turbulenzen erst der Anfang einer längeren Seitwärts- oder gar Abwärtsbewegung. Die einstige Lokomotive der Weltwirtschaft hätte dauerhaft Sand im Getriebe – und das würde die Wirtschaft weltweit in Mitleidenschaft ziehen.