Deutschland steckt in einem dramatischen demografischen Wandel. Nur fällt dieser ganz anders aus, als Wissenschaftler und Politiker ihn in den vergangenen Jahren beschrieben hatten: Anstatt zu sinken, wächst die Bevölkerungszahl, anstatt weniger Babys gibt es mehr. Das Land befindet sich nicht auf dem prognostizierten Schrumpfkurs, vielmehr wächst die Bevölkerung. Somit erweist sich eine der zentralen Grundannahmen für fast alle Politikbereiche als falsch – und das hat gewaltige Folgen. Um nur eine zu nennen: Jetzt wird Wohnraum knapp, weil in der Vergangenheit Investitionen unterblieben sind.

Hinzu kommt, dass – auch infolge der massiven Einwanderung in den vergangenen Monaten – unser Staat den Überblick verloren hat: Er kennt die Zahl seiner Bewohner und Bürger nicht. Deshalb ist es Zeit für eine ehrliche demografische Bestandsaufnahme. Nur ein genauer Überblick über die in Deutschland lebenden Menschen ermöglicht eine realistische Vorausschau in der Städte-, Verkehrs-, Energie- und Bildungsplanung oder der Rentenpolitik. Deutschland braucht daher eine neue Volkszählung, eine Kopfzählung alter Art, bei der Haus für Haus, Wohnung für Wohnung festgestellt wird, wer wo lebt in unserem Land. Es wäre die erste Volkszählung überhaupt im wiedervereinigten Deutschland.

Am dramatischsten ist die Diskrepanz zwischen alten Prognosen und der Realität bei der Einwanderung. Das Statistische Bundesamt hat seinen regelmäßigen "Bevölkerungsvorausberechnungen" die Annahme zugrunde gelegt, dass jährlich 100.000 bis maximal 200.000 Menschen mehr nach Deutschland kommen, als das Land verlassen. Diese Annahme ist nicht erst seit der aktuellen Flüchtlingskrise falsch: Bereits im Jahr 2011 gab es 279.000 mehr Zuwanderer als Auswanderer. Bis 2014 stieg diese Zahl auf 550.000. Und 2015 dürfte sie noch deutlich höher ausfallen.

Ebenso bemerkenswert ist die Entwicklung der Geburtenzahlen. Immer weniger Kinder, immer mehr Alte – so wird Deutschlands Situation beschrieben und wahrgenommen. Doch die Geburtskliniken melden nunmehr im dritten Jahr immer neue Rekorde: 715.000 Kinder kamen 2014 in Deutschland zur Welt, knapp fünf Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit zehn Jahren nicht mehr. Zwar starben 150.000 Menschen mehr, als geboren wurden, und es bleibt ein Faktum, dass in der einheimischen Bevölkerung künftig weniger potenzielle Eltern vorhanden sind. Dennoch spricht einiges für eine Trendwende, was nicht zuletzt an der Familienpolitik der vergangenen Jahre liegt.

Die Methoden der bisherigen Bevölkerungsvorausberechnungen erscheinen angesichts der Realität zunehmend fraglich. Demografen haben allen Grund, sich ein paar neue Gedanken zu machen. Für die nächsten Bevölkerungsvorausberechnungen braucht es eine größere Bandbreite von Annahmen, die als "Szenarien" durchgespielt werden sollten. Man kann versuchen, für solche Szenarien Wahrscheinlichkeitswerte anzugeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Für sinnvolle Prognosen braucht es aber zunächst und dringend besseres Wissen über den Istzustand, also eine realistischere Basis für neue Prognosen. Die einzige größere Bevölkerungserhebung der vergangenen Jahre war der "Zensus 2011", bei dem nur acht Millionen Menschen persönlich befragt wurden. Für Daten über den Großteil der Bevölkerung griffen die Statistiker im Gegensatz zu früheren Volkszählungen auf Angaben und Stichproben aus den Registern verschiedener Verwaltungen zurück. Ergebnis dieses Zensus war, dass angeblich rund eine Million Menschen weniger als gedacht in Deutschland lebten. Der Grund: Viele Personen wären doppelt gemeldet oder hätten sich nach dem Fortzug ins Ausland nie abgemeldet. Unerwähnt ließen die Statistiker indessen die Tatsache, dass es auch viele nicht gemeldete Personen gibt.

Kommunen zweifelten diese Ergebnisse an und klagten. Die Zweifel, ob der registergestützte Zensus und der alljährliche Mikrozensus die demografische Lage Deutschlands wirklich präzise erfassen, sind heute berechtigter denn je. Zum einen wegen der Flüchtlinge, zum anderen, weil Bürgerämter völlig überlastet sind und viele Menschen ihrer gesetzlichen Meldepflicht gar nicht nachkommen können.

Angesichts der Bedeutung der Demografie für die Zukunft unseres Landes und angesichts der schwerwiegenden Sicherheitsfragen, die der Zustrom nicht registrierter Flüchtlinge in den vergangenen Monaten aufwirft, brauchen wir eine traditionelle Volkszählung. Sie vorzubereiten würde ohnehin einige Jahre dauern. Die Behörden wären dann nicht mehr im akuten Flüchtlingsstress und könnten die Arbeit der vielen Tausend Zähler koordinieren.

Sicherlich wird dieses Projekt auf Widerstände treffen, zudem gibt es strenge Auflagen durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1983. Doch all das ändert nichts an der Richtigkeit eines solchen Vorhabens.

Außerdem hat beim Thema Datenschutz längst ein gesellschaftlicher Wertewandel stattgefunden. Tagtäglich geben Millionen Menschen via Google, Facebook und WhatsApp Daten preis, die während der Kontroverse um die Volkszählung der achtziger Jahre noch als sakrosankt galten. Da sollte es auch in einem demokratischen Staat möglich sein, dass die Regierung jene Informationen einholen darf, die sie braucht, um die wichtigsten Zukunftsaufgaben meistern zu können.