Blutleer, warnt Stephan Weichert. Wenn wir nicht aufpassen

Ginge es nach meinen Journalismus-Studenten, würden wir uns pausenlos WhatsApp-Nachrichten zur Zukunft der Medienbranche schicken; wir würden uns morgens bei Twitter mit Thesen zur "Buzzfeedisierung" des Journalismus eindecken und in Google-docs Konzepte für Start-ups entwerfen. Der Unterricht wäre rein digital. Er wäre zeitungebunden, auch Langschläfer würden zum Zuge kommen. Er wäre ortssouverän, auch die mit zeitraubenden Nebenjobs könnten dabei sein. Und ich könnte an der französischen Atlantikküste bei Roséwein sitzen, um von dort mit meinen Studenten via Snapchat zu chatten.

Es wird neue Wege geben, wie wir an Hochschulen künftig unsere Studierenden ausbilden. Die "Millennials" haben andere Lehransprüche und Ausbildungsziele als wir zu Studientagen. Ihre Auffassungsgabe ist höher, ihre Aufmerksamkeitsspanne geringer als die von jungen Erwachsenen in den 1990er Jahren.

Die Wahrheit ist aber auch, dass die Digitalisierung der Hochschulen oft eine Phantomdiskussion ist. Momentan soll in Forschung, Lehre, Verwaltung alles digitalisiert werden, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Seelenlose Buzzwords wie "Education Technology" und "Blended Learning" schwirren umher. Sie sollen hip klingen, täuschen aber nur technoide Kennerschaft vor. Pädagogische Fundierung bleibt außen vor. Gesellschaftspolitische Risiken werden kaum diskutiert.

In dieser Debatte werden die Menschen zu oft vergessen: Ausschließlich virtuell vermittelte Bildung ist blutleer und rückständiger, als es uns die Propheten der Hochschuldigitalisierung glauben machen. Wenn die Uni zur reinen Digitalsimulation wird, bleiben am Ende nur Nullen und Einsen. Um das zu verhindern, müssen wir ein humanistisches Bildungsideal unter digitalen Vorzeichen entwerfen. Es geht um eine Geisteshaltung unserer Studenten, die zur Verbesserung des Menschen und seiner Lebensumstände beiträgt. Die digitalen Vordenker leisten eher einer synthetischen Lehre Vorschub, als dass sie die gesellschaftliche Debattenkultur außerhalb des Elfenbeinturms fördern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Bill Gates hat sich 2010 zu der gewagten These verstiegen, dass man "in fünf Jahren die besten Vorlesungen der Welt kostenlos im Netz finden" werde, und das sei "besser als jede einzelne Hochschule". Gates’ Prognose kommt einem heute realitätsfern vor. Weder sind die besten Vorlesungen im Netz zu finden, noch sind die meisten Angebote nachhaltig. Unsere geliebten Unis aus Waschbeton und Linoleum gibt es nach wie vor in der Welt der Dinge. Auch die Präsenzlehre ist nicht verschwunden, vielleicht weil die Sache mit dem betreuenden Professor, der an der Atlantikküste Wein trinkt, einfach zu schön ist, um wahr zu sein.

In unserer Reihe "Zwischenfrage" beantworten Experten aus Politik und Wissenschaft Fragen zu Schule und Hochschule.