Der frühere Bundesminister Erhard Eppler (SPD) im Januar 2015 © Daniel Naupold/DPA

Das Haus auf dem Friedensberg in Schwäbisch Hall, in dem der fast 90-jährige Erhard Eppler heute lebt, ist neun Jahre jünger als er. Die Rollläden seien teilweise noch original, sagt seine Frau. Sie kennt ihren Mann, seit sie sechs Jahre alt ist. Die Wohnstube müsse gestrichen werden. Sie fügt hinzu: Ob sich das noch lohnt? Auf dem hohenlohischen Bauernschrank steht eine Holzfigur, wohl eines der vielen Gastgeschenke aus Epplers Zeit als Entwicklungsminister. Auf einer Truhe stapeln sich Bildbände. Der Christbaum steht noch. Das Paar kann sich auch im Februar nicht von ihm trennen. Er nadle ja noch nicht. Bei Brezeln und Kaffee bekennen wir Journalisten, dass wir ursprünglich auch aus Hall kommen. Da sagt Erhard Eppler: "Dann kann ich mir die Stadtführung ja sparen."

Christ+Welt: Herr Eppler, wird man als Visionär geboren?

Erhard Eppler: Das weiß ich nicht, weil ich selbst kein Visionär bin. Ich habe nur eine empfindliche Nase für das, was kommt. Als ich in den Bundestag kam, vor 55 Jahren, 1961, war ich ein stinknormaler Abgeordneter. Ein bisschen stolz auf das MdB, ein bisschen ehrgeizig, auf der Suche nach einer vernünftigen Arbeit. Und im Übrigen wurde ich kurz nach dem Eintritt in den Bundestag von Herbert Wehner derart zurechtgestutzt, dass ich keinerlei besondere Meinung von mir selber hatte.

C+W: Was macht einen Visionär aus?

Eppler: Was den politischen Visionär ausmacht, kann man sehr gut an Willy Brandt untersuchen. In seinem täglichen politischen Tun war er ein ausgeprägter Pragmatiker. Er kümmerte sich um die kleinsten Details, setzte in seiner Ostpolitik Schrittchen vor Schrittchen. Er hat immer genau abgewogen: Sind wir jetzt so weit, dass wir den nächsten Schritt machen können? Darüber hinaus hat er aber auch eindrucksvolle Bilder für seine Politik gebraucht, visionäre Ziele formuliert. Am schönsten fand ich, als er sagte: "Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, nach innen und nach außen."

C+W: Was hat Sie selbst in den Ruf eines Visionärs gebracht?

Eppler: Die sechs Jahre als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit von 1968 bis 1974. Die haben mein Bewusstsein in einer Weise verändert, die mich selbst erschreckt hat. Ich wusste nun, was im Süden der Erde vor sich geht und dass uns das etwas angeht. Was wird aus der Dritten Welt und was wird aus uns allen, wenn wir das ökologische Thema verschlafen?, fragte ich mich und andere. Das war für die meisten neu. So kam ich wohl zum Ruf eines Vordenkers.

C+W: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie bei Ihrer ersten politischen Entscheidung als Entwicklungsminister lieber auf die Kirchen hörten als auf die Expertisen von Professoren.

Eppler: Als ich ins BMZ kam, lag auf meinem Schreibtisch ein typisch deutsches Professorengutachten. Darin stand, wir müssen die Zinsen für unsere Kredite erhöhen. Das wirke "erzieherisch". Ich antwortete denen: Wenn dies das Problem ist, dann können wir die Entwicklungshilfe einstellen, sollen die sich doch bei den Banken ihre Kredite besorgen! 1968 war ein Jahr, in dem nicht nur die Studenten rebellierten, sondern auch die Kirchen auf ihre Weise, die protestantische vor der katholischen. Die Dritte Welt rückte in ihr Blickfeld. In Uppsala fand darüber eine Weltkirchenkonferenz statt. Das hat mich auf dieses Thema gebracht.

C+W: Dem Protestantischen wird stets etwas Schulmeisterliches nachgesagt. Neigen Sie zur Schulmeisterei?

Eppler: Das müssen andere entscheiden. Ich war gerne Lehrer und wäre gerne Meister im Schulfach geworden. Aber ich kann mir als Christ nicht vorstellen, dass wir Menschen, die wir zum Guten und Bösen in jeder Weise fähig sind, mit so einer gefährlichen Materie wie der Atomkraft gefahrlos hantieren sollten. Auch heute: Vielerorts gibt es einen Staatsverfall. Selbst die stärksten Verfechter der Atomenergie sagen mir, sie sei nur verantwortbar in einem stabilen, funktionierenden Staat. Das muss nicht unbedingt eine Demokratie sein. Wenn Sie zu dem Ergebnis kommen, das könnte vielleicht 30 Jahre gut gehen, auf Dauer aber nicht, ist es dann Schulmeisterei, wenn man sagt: Leute, lasst die Finger davon? Ich wollte ja lieber nicht recht haben. Meine Warnungen sollten dafür sorgen, dass ich nicht recht bekomme.

C+W: Sie waren vor Ihrer politischen Karriere Lehrer. Als Sie sich kritisch über Atomkraft äußerten, hieß es in Ihrer Partei: der Studienrat, der seine Lebensängste auf die Kernenergie projiziert …

Eppler: Das war eine verletzende Bosheit. Ich wäre jederzeit bereit gewesen, neben einem AKW zu leben. Das war gar nicht mein Problem. Ich habe anthropologisch argumentiert und wurde psychologisch angegriffen. Und über meine Zeit als Schulmeister müssen meine früheren Schüler urteilen. Ich kann nur sagen: Wenn ich welchen begegne, ist das immer ein sehr freudiges Wiedersehen.

C+W: Brauchen wir mehr christliche Ethik in der Politik?

Eppler: Ethik kann man nicht befehlen. In der Politik ist sie oft da am wenigsten wirksam, wo am meisten darüber geredet wird. Da wird sie oft zum Prügel für den politischen Gegner. Der Staat selbst hat eine ethische Funktion. Die Vorstellung der Marktradikalen, dass die Menschen umso freier sind, je weniger Staat es gibt, ist eine schreckliche Täuschung. Es ist der Rechtsstaat, der die Freiheit garantiert. Und das kann nur ein funktionierender Staat sein. Im Augenblick, wo die Menschen das Gefühl haben, der Staat hat es nicht mehr im Griff, sehen Sie ja, was passiert.