Es ist viele Jahre her, dass Andrzej den Satz sagte, der alles schon vorwegnehmen sollte. "Wir sind dazu verurteilt, zusammenzubleiben", sagte er zu seiner Katarzyna. Damals, es muss Anfang der Neunziger gewesen sein, waren beide sehr verliebt. Der Satz war ein Versprechen. Er wurde zum Fluch.

In der Nacht des 9. Juli 2015 vollstreckt Andrzej sein Urteil. Mit einer Eisenstange drischt er auf das schlafende Mädchen ein, sticht mit einem Küchenmesser zu. Er vernichtet das, wovon er in seinem Wahn glaubt, es stehe zwischen ihm und seiner Frau Katarzyna. Andrzej tötet sein eigenes Kind: Martyna, 19 Jahre alt.

Wie kann ein Vater so etwas tun?

Landgericht Hamburg, Saal 378. Der 45-jährige Andrzej sitzt im verschlissenen Jeanshemd auf der Holzbank, hält den Kopf gesenkt, während seine Anwältin eine Erklärung verliest. Er ist als Mörder seiner Tochter angeklagt. Er leugnet nichts.

Über Kopfhörer hört der Angeklagte die Geschichte seines Lebens auf Polnisch. Es ist die Geschichte eines Mannes, von dem die Eifersucht immer mehr Besitz ergriff. Die Geschichte eines Mannes, der so sehr fürchtete, dass seine Frau ihn verlassen könnte, dass er vom Liebhaber zum Tyrannen, zum Schläger und Stalker und zum Richter über Leben und Tod wurde.

"Sein ganzes Leben lang hat er gesagt, dass er mich umbringen wird", sagt Katarzyna, als sie am dritten Verhandlungstag ihre Ehe schildert. "Warum hat er das nicht getan? Warum hat er mir mein Kind weggenommen?"

Sein Misstrauen habe schon begonnen, da hätten sie sich erst wenige Wochen gekannt, lässt Andrzej vor Gericht verlesen. So intensiv seine Liebe ist, so stark ist seine Angst, dass er sie wieder verlieren könnte. In seiner Erklärung entsteht das Bild eines Patriarchen, der erwartete, dass seine Frau sich ihm unterwirft, der sich aber auch klein fühlte neben seiner anmutig schönen Partnerin, ständig fürchtete, sie zu verlieren.

Es ist die Eifersucht, die ihn und ihr Leben auffrisst.

In jedem Mann, dem Katarzyna begegnet, wittert Andrzej eine Bedrohung für das eigene Glück. Die beiden gehen fast nie aus, er will, dass sie zu Hause bleibt. Verlässt sie doch einmal das Haus, stellt er sie anschließend zur Rede, wo sie gewesen sei, was sie gemacht habe.

"Er hat mich ständig geschlagen und erniedrigt", sagt Katarzyna. "Manchmal bin ich in den Keller geflüchtet."

Es ist eine fatale Beziehung. Die beiden streiten sich, versöhnen sich, streiten erneut. Sie trennen sich, kommen wieder zusammen. 1991 wird ihre erste Tochter Paula geboren, 1995 kommt Martyna zur Welt. Ende 2009 bekommen sie noch ein drittes Kind, Simon, der später den Mord an der Schwester miterleben muss.

Andrzej ist gelernter Kfz-Mechaniker. Er habe nur selten gearbeitet, aber viel getrunken, erklärt er. Der Alkohol heizt seine Eifersucht zusätzlich an, er wird aggressiv, verhört Katarzyna die ganze Nacht, wenn ein Mann ihr auf der Straße hinterhergeguckt hat. Er schlägt sie, weil er ihren Beteuerungen nicht glaubt. Einmal stürmt er mit einer Schere ins Badezimmer und schneidet ihre langen Haare ab, er sagt: "Jetzt wird dich niemand mehr ansehen."

Katarzyna, 48 Jahre alt, muss einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein. Sie hat ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und auffallend dichtes, dunkles Haar. Aber die fahle Haut, aufgequollen von Schmerz und Alkohol, macht aus ihr eine alte Frau. Auch sie hat irgendwann angefangen zu trinken, hat sich in den Alkohol geflüchtet, aus Angst, Andrzej würde ihr etwas antun, wenn sie ihn verließe.

Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen die Umstände Katarzyna von ihrem Peiniger befreien. In Polen kommt Andrzej wegen seiner Gewalttätigkeit und Betrugsdelikten für drei Jahre ins Gefängnis. Doch als er entlassen wird, zieht Katarzyna wieder zu ihm. Sie kommt von dem Mann, den sie einmal geliebt hat, nicht los. "Wenn er mich geschlagen hatte, hat er sich danach immer entschuldigt, und dann war es eine Zeit lang gut", sagt sie.