Wenn Menschen im selben Stadtteil leben und ähnlichen Berufen nachgehen, wenn ihre Kinder dieselben Schulen besuchen und in denselben Vereinen Sport treiben, dann könnte man glauben, diese Menschen müsste auch sonst viel verbinden. Welch ein Irrtum.

Die Straße, in der ich wohne, ist für mich zu einer Grenze geworden. Dass meine Nachbarn auf der anderen Seite des Sodenkamps in Klein Borstel etwas näher an der geplanten Unterkunft für Flüchtlinge wohnen, und dass ihr Anwalt meint, sie hätten darum Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung, ist nur ein kurioses Detail. Ging es anfangs um den Bau eines Asyls, stehen nun Weltbilder gegeneinander. Diesseits der Straße glauben wir, von Demokraten regiert zu werden, jenseits sehen sie sich als Vertreter des Rechtsstaats im Kampf gegen ein Regime aus Bürger- und Menschenrechtsverächtern. Wir glauben, zwischen Recht und Moral unterscheiden zu müssen. Drüben finden sie, was juristisch durchsetzbar ist, sei nicht nur legal, sondern auch legitim.

Natürlich ist das grob vereinfacht. Auf beiden Straßenseiten leben Hunderte Menschen, und ich kenne nur die Ansichten einiger Wortführer. Zudem sind wir schweigsam geworden. Im Umgang mit ihren Nachbarn vermeide sie das Thema, sagt mir eine Anwohnerin von gegenüber, die wie ich den Bau des Flüchtlingsheims richtig findet. Von anderen Vertretern beider Lager höre ich, dass sie es ähnlich halten.

Seltsamerweise haben die Differenzen in der Sache abgenommen. Vom Wertverfall der Häuser, von Lärm, Müll und möglichen Schäden an den Autos der Anwohner ist nicht mehr die Rede. Stattdessen sind die Kritiker nun der Ansicht, man müsse die künftigen Bewohner des geplanten Asyls vor dem Schicksal bewahren, in einer dermaßen großen Unterkunft zu leben.

Geht es also um eine sachliche Meinungsverschiedenheit unter engagierten Bürgern? Der Tonfall spricht dagegen. Debatten, wenn sie mal aufflackern, erschöpfen sich im Austausch von Feindseligkeiten, Widersacher sollen offenkundig nicht überzeugt, sondern zum Schweigen gebracht werden. Bei Tageslicht wirkt der Sodenkamp beschaulich, in der Finsternis des Internets gleicht er einem Schützengraben.

Halbwegs klar ist nur eines: Dieser Streit, wie immer er ausgeht, endet vor Gericht. Wie sind wir so weit gekommen?

23. November. Die erste Gerichtsentscheidung ist noch frisch. In der Mailingliste, die dem Gedankenaustausch über die Unterkunft dienen soll, will ein einsamer Kämpfer für das Flüchtlingsheim den Klägern ins Gewissen reden: Nicht alles, was rechtlich durchsetzbar sei, lasse sich moralisch vertreten. Die Gegenseite verbittet sich Belehrungen "auf KiKa-Niveau" und fordert den Mann auf, die Flüchtlinge gefälligst bei sich zu Hause unterzubringen. In dieser Weise geht es noch etwas hin und her, dann verabschiedet sich der Beschwerdeführer aus der Liste. Seither ist Ruhe.

5. Dezember. Gegner der Unterkünfte aus ganz Hamburg werben im Abendblatt für ihre Ansichten. Einige wehren sich gegen Siedlungen für Tausende in Gegenden, die schon heute mit Integrationsproblemen kämpfen, bei uns geht es um 700 Zuwanderer in einem Wohlstandsidyll. Wie werden sich die Kläger in diesem Umfeld präsentieren? Sie finden eine diplomatische Formulierung: "Die Kriterien, wie Flüchtlinge untergebracht werden", sollten "vor Ort entwickelt werden".

14. Dezember. Auf diesen Tag habe ich lange gewartet, die Initiative der Kritiker will "gemeinsam die dringend notwendige Diskussion darüber anstoßen, wie eine langfristig sinnvolle Unterbringung von Flüchtlingen in Klein Borstel aussehen soll". Der Gemeindesaal ist voll, der Gastredner, ein Soziologieprofessor aus Köln, braucht wenige Sekunden, um seine Position klarzumachen. "Für diejenigen, die es eilig haben: Ich bin dagegen."