Wenn der Gefallen ausstirbt, werden Bilder wie dieses immer seltener. © zettberlin/photocase.de

Im Nachhinein nenne ich den Vorfall das Geburtstags-Paradoxon, was die Misere etwas edler klingen lässt, als sie war. Zwei Tage vor meiner Geburtstagsfeier im vergangenen Sommer traf mich ein Hexenschuss dermaßen, dass ich nur noch gebückt stehen und nichts mehr heben konnte, das schwerer als eine Flasche Wein war. Ich hatte die Getränke noch nicht eingekauft, die Böden noch nicht gewischt und hoffte bloß, rechtzeitig wieder gesund zu sein. Das Paradoxe an der Situation war, dass ich einerseits mit meinen engsten Freunden feiern wollte, andererseits zögerte, einen von ihnen um Hilfe zu bitten. Gerade als ich mich dazu durchgerungen hatte, Stephan zu bemühen, der wenigstens ums Eck wohnte, fiel mir eine bessere Lösung ein: Mein Supermarkt liefert Einkäufe kostenlos noch am selben Tag, und für die Böden könnte ich eine Putzkraft online buchen. Modernes Leben, dachte ich.

Viele sind da offenbar schon einen Schritt weiter. Als Dani übers Wochenende wegfuhr, bot ich an, ihre beiden Katzen zu füttern. Sie hatte aber schon eine nette Dame dafür engagiert. Als Moritz plante, nach Berlin zu ziehen, dachte er gleich an seine Freunde. Aber nur für die Einweihungsparty, nicht für den Umzug selbst. Er meinte, zum Möbelschleppen habe eh keiner Lust, und über MyHammer sei die Arbeit wirklich bezahlbar.

Kaum Beistand am Krankenbett

Sicherlich werden wir älter, haben mehr Geld zur Verfügung, dafür weniger Zeit. Aber das Phänomen beobachtet man eben auch bei den Modernen, bei den Jüngeren, eben in der gesamten Gesellschaft: Der Gefallen stirbt allmählich aus. In einer Allensbach-Studie von 2014 gaben 40 Prozent der Befragten an, sie hätten schon seit Jahren keinem Freund mehr beim Umzug geholfen. Nur ein Drittel sagte, dass Freunde ihnen beistanden, als sie krank waren. Und immerhin 7 Prozent haben nicht einen der 16 verzeichneten Freundschaftsdienste geleistet. Es ist, als bräche das Wort auseinander: hier die Freundschaft, dort die Dienste, zwei getrennte Welten.

Wie konnte es dazu kommen? Seit man von Biberach bis Bremerhaven für die kleinen Alltagsnervereien jemanden engagieren kann, muss man bei einer Erkältung nicht mehr die Freundin vollniesen, sondern bestellt sich einfach eine Hühnersuppe und die Medikamente. Für den Ausflug zum Wertstoffhof muss man dem Kumpel mit dem Kombi nicht mehr seinen Samstagvormittag versauen. Es ist auch kein Problem mehr, jemanden fürs Kelleraufräumen oder Schlangestehen zu finden.

Diese Gefälligkeitenbörsen sind aber auch nötig geworden. Mein Vater kann von Tapezieren bis Hosekürzen, von Fahrradflicken bis Lampeanschließen, von Zitronenbaumbefruchten bis Zahnziehen so ziemlich alles. Den Rest kann meine Mutter. Jemanden für etwas zu bezahlen, das man selber schafft, fiele den beiden nie ein. Und wenn sie doch etwas nicht können, kennen sie jemanden, der es kann. Als am Morgen vor Weihnachten die Spülmaschine kaputtging, sagte sofort ein Freund zu, der helfen konnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Ich hingegen kann Sonette interpretieren, aber nichts, was dabei hilft, eine Hängelampe anzuschließen. Ich bin hauptsächlich mit Menschen befreundet, die ebenfalls beeindruckend wenig Praktisches können, und ahne daher, wieso auch sie in jeder Ecke ihrer Wohnung diese Stehlampen haben, die angeblich "so schön indirektes Licht" machen. Meine Eltern haben Nachbarn, die seit Jahrzehnten den Briefkasten leeren, wenn sie im Urlaub sind. Meine Nachbarn wechseln schneller, als ich "Briefkasten" sagen kann.

"Tut mir leid, dass ich frage"

Nun könnte man denken: Ist doch super! Früher brauchte man noch einen großen Bekanntenkreis, heute nur noch eine Internetverbindung. Wir müssen uns keine Gefälligkeiten erschnorren, sondern bezahlen für Arbeit und können dafür auch meckern, wenn ein Helfer etwas zerdeppert.

Umgekehrt bleibt uns dafür so mancher Anruf der Sorte: "Du, ist lange her, aber ich wollte mal fragen ..." erspart. Ich muss nie mehr den Durchfall des Gasthundes vom Boden wischen, während seine Besitzer auf den Malediven weilen, oder einen Feierabend lang einen mehrseitigen Lebenslauf vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Und wie viel ruhiger müssen wohl erst die Wochenenden der Ärzte und IT-Spezialisten geworden sein.

Zum ersten Mal in der Geschichte nähern wir uns dem stoischen Ideal der Tugendfreundschaft an. Profaner Kleinscheiß und plumper Eigennutz haben keinen Platz mehr darin. Wenn sich eine Freundin mit Liebeskummer bei mir einquartiert, dann weiß ich in Zeiten von Airbnb, dass sie meinen Trost will und nicht nur meine Couch.

Doch je näher das Ideal rückt, umso unheimlicher wird es mir. Die reine Freundschaft ist offenbar ein zerbrechliches Gebilde. Fragte man früher im Notfall zuerst die Freunde, macht man es heute zuletzt. "Tut mir leid, dass ich dich frage", hätte ich zu Stephan gesagt, "ich hab’s schon versucht, aber der Supermarkt liefert nicht so kurzfristig." So verlangt es heute der gute Ton.

All die Handwerks-, Liefer- und Zugehdienste haben aus dem Gefallen eine Ware gemacht. Plötzlich haben beide Freunde im Hinterkopf, wie viel ein Freundschaftsdienst wert ist, und kalkulieren entsprechend. Klar helfe ich dir beim Umzug – von 11 bis 13 Uhr. Ein Bekannter sollte mal einen Freund vom Flughafen abholen. Er sagte: "Das schaffe ich leider nicht, aber ich zahle dir die Hälfe vom Taxi."

Etwas fehlt in dieser Rechnung – die Fürsorglichkeit. Wenn meine Eltern und ich früher nach Sizilien in den Urlaub aufbrachen, fuhr uns selbstverständlich ein Freund frühmorgens zum Busbahnhof. Am Abend der Rückkehr wurden wir von ihm abgeholt und von seiner Frau bewirtet: frische Brötchen im Tausch gegen Urlaubsgeschichten. Das heißt, im Grunde war es kein Tausch, mehr ein gemeinsames Vertrauen darauf, dass eine Freundschaft kein Nullsummenspiel ist.

Viele Dinge können nur Freunde

Je seltener wir einander Gefallen tun, umso nervöser machen sie uns. Wir möchten niemandem etwas schuldig bleiben und begleichen die Rechnung lieber heute als morgen, im Normalfall mit einem Geschenk, "dem kleinen Dankeschön".

Es kommt noch so weit, dass man sich schämt, einen Freundschaftsdienst zu erbitten. Aber das wäre blöd, denn viele Dinge können nun mal nur Freunde. Bei MyHammer finde ich niemanden, der bei der Bank für mich bürgt, der mir beim Blinddarmdurchbruch das Schwitzehändchen hält.

Behaltet eure Tugendfreundschaft! Ich möchte lieber die mit den Rückenschmerzen und den versifften Klamotten, in der man gemeinsam am kaputten Klo herumpfuscht, statt vorschnell den Klempner zu rufen. Wer da wen ausnutzt, ist doch letztlich egal. Ich stelle mir das wie eine Schiffschaukel vor: Mal schwingt man auf die eine Seite, mal auf die andere, aber immerhin ist man gemeinsam auf der Kirmes, hat ein Bier intus, und die wechselseitige Bewegung schaukelt beide nach oben.

In der Seinfeld-Folge The Jacket passt Kramer für einen Freund – einen Zauberkünstler – auf dessen Tauben auf, während der im Urlaub ist. Kramer setzt sich ins Auto, parkt in zweiter Reihe und holt die Tauben ab. Ich bin ganz sicher, dass sich heute mit nur einem Mausklick eine saubere Lösung für den Taubentransport fände. Aber möchte man wirklich auf eine solche gemeinsame Geschichte verzichten, an die man sich ein Leben lang erinnert? In der man selbst der Held ist, flatternde weiße Tauben in einem angeschnallten Käfig auf dem Rücksitz, Vogelkacke überall, das gute Gefühl des Helfens in der Blutbahn und ein saftiges Knöllchen unterm Scheibenwischer? Ich nicht.

Die Putzkraft für meinen Geburtstag habe ich dann doch nicht gebucht. Stephan hat den Küchenboden gewischt. "Gern geschehen", hat er gesagt. Danke schön.