Für die Fischstäbchen benötigte er schweres Gerät: Presslufthämmer, Schubkarren, Absperrzäune und sogar einen kleinen Kranwagen. Er ließ die Außenwand der Fabrikhalle herausreißen und durch eine Fensterfront ersetzen. Seit gut einem Jahr nun kann jeder, der den Lunedeich in Bremerhaven entlangspaziert, direkt in die Fabrik sehen. Und den Fischstäbchen zuschauen, die nur wenige Meter entfernt, zehntausendfach und immer 20 nebeneinander, auf einem Fließband vorbeirollen und maschinell paniert, frittiert, eingefroren und für die Tiefkühltruhe verpackt werden.

"Das ist ja auch nichts, wofür man sich schämen müsste. Wir haben hier nichts zu verbergen", sagt Felix Ahlers. Der Chef des Tiefkühlkost-Herstellers Frosta unterscheidet sich mit seiner Haltung von vielen Unternehmern aus der Lebensmittelwirtschaft. Nach wie vor gilt dort der inoffizielle Glaubenssatz, dass Verbraucher zwar alles essen wollen, aber nicht alles wissen möchte. Einige regionale Kleinbetriebe haben das zwar immer schon anders gesehen. Doch Ahlers will beweisen, dass auch die konventionelle industrielle Massenproduktion gut und transparent sein kann. Darauf richtet er das ganze Unternehmen aus – von der Fensterfront bis zu den neuen Verpackungen für die Ware im Supermarkt.

Im Netz veröffentlicht er, welche Bauern die geschlachteten Rinder aufgezogen haben

Zügig spaziert der 49-Jährige über das Firmengelände am Fischereihafen. Hin und wieder rollen Gabelstapler vorbei, fahren irgendwo raus und irgendwo rein. Häufig wurde hier etwas erweitert und angebaut, eine Halle, ein Durchgang, alles wirkt unübersichtlich. Im weißen Kittel und mit weißem Haarnetz leuchtet Ahlers durch die dunkelgraue Jahreszeit, die in Bremerhaven noch dunkelgrauer ist als anderswo. Die Bekleidung verleiht ihm etwas Reinraumartiges. Aber man will in der Bratpfanne später ja auch Paprika, Nudeln oder Fischstäbchen finden – und keine Haare vom Chef.

Er betritt die Nudel-Halle durch eine Hygieneschleuse. Die Schuhe werden maschinell geschrubbt, Hände müssen noch selbst gewaschen werden. Wer nicht desinfiziert ist, per Sensor überwacht, dem verweigert das Drehkreuz den Zugang. Ahlers klettert die Leiter an der Nudelmaschine hoch. Oben werden Wasser und Weizengrieß verrührt, unten fallen Penne-Nudeln aufs Band. Ahlers klettert wieder runter, zeigt, wo sie den Pfeffer mahlen und die Butter zerlassen. "Wir machen hier alles selbst und kaufen nichts fertig zu", sagt er, "weil wir nie wirklich wissen können, was in den Vorprodukten steckt." Ahlers nimmt sich Zeit, alles zu erklären. Es redet ihm auch deswegen keiner rein, weil er nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern mit knapp 22 Prozent auch einer der beiden größten Aktionäre der Frosta AG ist. Weitere 33 Prozent hält sein Vater Dirk Ahlers – und der leitet den Aufsichtsrat. Frosta ist eine Familienangelegenheit.

Das jüngste Projekt: die Herkunftsdeklaration aller Zutaten direkt auf der Verpackung. "Da haben wir lange dran geknobelt", sagt Ahlers. "Von den Investitionen her war das mit rund 20 000 Euro gar nicht mal so teuer, aber es steckt viel Gedankenarbeit darin." Zutaten aus 13 Ländern hat eine "Steakhaus-Pfanne": Rinderhack aus Deutschland, Kartoffeln aus Dänemark, Mais aus Ungarn, Pfeffer aus Vietnam, Bohnen aus China und so weiter. Im Internet können Kunden sogar die Namen der Bauern nachlesen, die Rinder für das Hackfleisch aufgezogen haben. Allerdings kann sich die Zusammensetzung von Packung zu Packung ändern – weil die Zutaten oft in wechselnden Ländern gekauft werden. Das macht die korrekte Deklaration aufwendig, denn jede Packung bekommt eine individuelle Zutatenliste aufgedruckt. Ahlers scheint überzeugt zu sein, dass nur eines das Image der Industrie verbessert: Transparenz.

Damit ist er ziemlich allein. Auf Fachmessen diskutiert die Branche lieber darüber, wie sie Zutatenlisten möglichst nichtssagend gestaltet. Das ist das Gegenteil von Transparenz. Das ist die alte Verbraucher-wollen-es-nicht-wissen-Philosophie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

"Technisch ist eine Herkunftsdeklaration kein großes Problem. Man muss es nur wollen", sagt Ahlers, als er sich an einer anderen Schleuse wieder mal die Hände wäscht. "Beim Fleisch war es trotzdem nicht so einfach. Meine Hackfleischlieferanten hatten darauf überhaupt keine Lust. Ich habe denen aber gesagt, dass sie mit uns dann keine Geschäfte mehr machen können. Letztlich haben sie es eingesehen." Die "Steakhaus-Pfanne" ist das erste Gericht, bei dem das Transparenzsystem seit wenigen Wochen umgesetzt wird. Nun sollen alle anderen Produkte folgen. 90 verschiedene stellt Frosta her. Mit 200 verschiedenen Zutaten. Aus 35 Ländern.

Verbraucherwünsche zu erfüllen kann betriebswirtschaftlich riskant sein, das weiß Ahlers seit 2003. Damals beschloss Frosta, auf Aromen, Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker zu verzichten. Doch dieses Reinheitsgebot hatte seinen Preis: mehr als drei Euro pro Packung. Das wollten die Verbraucher allen Meinungsumfragen und Bekenntnissen zum Trotz zunächst nicht zahlen. Frosta machte sieben Millionen Euro Verlust und strich fast jede zehnte Stelle. Ahlers war da schon einige Jahre im Unternehmen. Doch erst mitten in der Krise rückte er in den Vorstand auf, dessen Vorsitz er 2010 übernahm.