Ein Zebrastreifen in den USA © Getty/Brendan Smialowski

Rio de Janeiro

"Schreib mal, wie Fußgänger in Rio de Janeiro einen Zebrastreifen überqueren", stand in einer E-Mail, die ich aus meiner Heimatredaktion Hamburg erhielt. Wie bitte? Wer würde irgendwo im Schatten des Zuckerhuts einen Zebrastreifen überqueren? Und dann auch noch zu Fuß? Zebrastreifen sind die gefährlichsten Orte auf Rios Straßen. Wenn Auto- oder Busfahrer schwarz-weiße oder schwarz-gelbe Markierungen auf dem Boden erblicken, beschleunigen sie rechtzeitig, sodass sie ihre Maximalgeschwindigkeit auf den Streifen erreichen. Das gilt besonders dann, wenn irgendwo verirrte Fußgänger zu sehen sind. Als brasilianischer Autofahrer sieht man es gern, wenn Menschen panisch zur Seite springen.

Einheimische Bekannte haben mir diese Fahrtechnik mit den langen Jahren brutaler Straßenkriminalität erklärt. Da hätten die Leute gelernt, dass jedes Hindernis im Straßenverkehr eine Gelegenheit für Räuber sei, den Autofahrer zu entführen, zu erschießen oder ihm das Auto wegzunehmen, ihn also zu einem Fußgänger zu degradieren, mitten auf einem gefährlichen Zebrastreifen. Falls irgendwo Polizisten am Straßenrand stehen, müsse man umso stärker beschleunigen, haben diese Brasilianer gesagt, denn Polizisten würden bevorzugt an gefährlichen Orten mit hohen Überfallquoten postiert.

Vor und hinter dem Zebrastreifen empfiehlt sich hingegen eine gemächliche Fahrweise. Man weiß ja nie, wo in dieser Stadt überall Leute über die Straße rennen!

Thomas Fischermann

Paris

Die Zebrastreifen – und damit das Überleben in der Metropole – beschäftigen Generationen von Frankreich-Korrespondenten. "Todesmutig stürzt man sich aufs Pflaster, ohne die ankommenden Autos zu bemerken", berichtete Ulrich Wickert schon 1984 von der Pariser Place de la Concorde, als er vor der Kamera demonstrierte, wie ein "richtiger Franzose" über die Straße geht. Egal, ob Zebrastreifen, grüne oder rote Ampel – er riskiert nicht weniger als sein Leben. Hinzugekommen sind heute noch die Radfahrer, denen der Fußgänger ebenso vorsichtig wie Autos begegnet. Letztlich geht es um gute Nerven. Mir hat das lange nichts ausgemacht, schließlich wurde Paris einmal für Pferdewagen gebaut, nicht selten ist der Verkehr langsam und sind die Straßen schmal, sodass man mit ein paar Sprüngen leicht die andere Seite erreicht. Wozu Zebrastreifenregeln?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Doch seit zwei Jahren lebe ich mit Baby und Kleinkind in Paris – da wird die Regellosigkeit am Zebrastreifen schnell zur Elternhölle. Neulich schien es fast schon geschehen: Ich wartete mit der zweijährigen Tochter und ihrem Roller vor der roten Ampel, grüßte einen Nachbarn, schaute einen Moment nicht aufs Kind, da schritten andere an uns vorbei auf die Straße. Meine Tochter hinterher, und von rechts kam ein Geländewagen auf die für ihn grüne Ampel zugerauscht. Fast hätte er sie erwischt. Dabei war meine Tochter nur dem Rat von Wickert gefolgt: "Todesmutig stürzt man sich ..." Längst kann ich darüber nicht mehr lachen.

Georg Blume

London

In England entscheidet das natürliche Kräfteverhältnis der Verkehrsteilnehmer über die Vorfahrt – wer fährt, bremst nicht. So lange, bis ein Auto sich erbarmt und den Passanten ziehen lässt. Dieses Verhalten scheint nicht zuletzt deswegen so kurios, weil die Fußgängerampel genau den entgegengesetzten Reflex auslöst. Das rote Licht schert niemanden. An der Ampel werfen sich die Briten ungeduldig in den brausenden Verkehr und behaupten sich selbstbewusst gegen hupende Autofahrer. Hier gibt es keine strafenden Blicke von Passanten, die sagen: "Schäm dich. Was für ein schlechtes Vorbild für die Kinder." Dies ist Straßenverkehr als Nahkampf.

Nun könnte man dem britischen Staat in seiner akuten Finanznot vorschlagen, alle Zebrastreifen einfach schwarz zu teeren – und die Kosten für das Weiß wären eingespart. Aber das wäre falsch, denn die soziokulturelle Bedeutung des Überwegs ist immens. Vor jedem Kindergarten und vor jeder Grundschule im Königreich gibt es einen Zebrastreifen, der von der lollipop lady bemannt wird. Sie ist die gute Seele aus der Nachbarschaft. Eine freiwillige Helferin, die mit einem großen, runden Stoppzeichen an einem langen Stab den Verkehr anhält, damit der Nachwuchs sicher rüberkommt. Die lollipop lady ist wie ehedem der deutsche Schutzmann: das Symbol für eine intakte Gemeinde. Und wer wollte dieses schon abschaffen?

John F. Jungclaussen