DIE ZEIT: Herr Schindler, Sie sind seit einem halben Jahr im Vorstand von Google und damit der einflussreichste Deutsche im Silicon Valley. Was tun Sie genau?

Philipp Schindler: In der Kategorie "Einfluss" denke ich nicht. Vielmehr bin ich mir meiner Verantwortung sehr bewusst, da ich als Chief Business Officer letztlich für sämtliche Einnahmen von Google zuständig bin.

ZEIT: Man muss sich noch daran gewöhnen: Google ist seit einiger Zeit die Tochterfirma einer Holding namens Alphabet. Haben sich mit der Umstrukturierung die Ziele von Google verändert?

Schindler: Ich arbeite für eine Firma, die nach wie vor die Welt zum Positiven verändern will. Und ich muss dafür sorgen, dass wir das finanzieren können.

ZEIT: Wie finden Sie es, dass Sie die Milliarden verdienen, die in andere Tochtergesellschaften von Alphabet fließen, in Projekte wie Calico Life, wo das Altern selbst bekämpft werden soll, das aber vielleicht nie einen Euro abwerfen wird?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Schindler: Wir können das Potenzial von vielen Dingen, die bei uns entstehen, noch nicht abschätzen. Nehmen Sie zum Beispiel die Algorithmen, die wir für unser Videoportal YouTube entwickelt haben, um die Verletzung von Urheberrechten automatisch zu erkennen. Diesen Algorithmus stellen wir jetzt der medizinischen Forschung zur Verfügung, weil man mit ihm auch sehr gut Röntgenbilder und MRT-Bilder analysieren kann. Wer vermag also sicher zu sagen, welche Idee einmal etwas abwirft und welche nicht?

ZEIT: Wie groß ist das Gewicht von Google innerhalb von Alphabet?

Schindler: Google ist die größte Tochtergesellschaft, bei uns arbeiten 94 Prozent der Mitarbeiter von Alphabet, und wir erwirtschaften 99 Prozent der Umsätze.

ZEIT: Die meisten Menschen kennen und nutzen die Suchmaschine, sie haben ein Gmail-Konto und schauen Videos auf YouTube. Wenn man einmal die Perspektive wechselt und wie Sie von der Geldseite aus schaut. Wie sieht Google dann aus?

Schindler: Zunächst kümmere ich mich tatsächlich um das Werbegeschäft. Wir arbeiten mit Millionen kleinen und mittelständischen Unternehmen, die bei Google werben, denen wir zu Wachstum verhelfen wollen. Das wird übrigens oft vergessen. Google verdient nur dann Geld, wenn unsere Geschäftspartner in der digitalen Welt wachsen. Je erfolgreicher sie das mit uns tun, desto mehr werben sie bei uns. Auf diesem Partnersystem beruht unser Geschäftsmodell.

ZEIT: Bringt eigentlich auch Android etwas ein? Ihre Software ist immerhin das Betriebssystem von rund 80 Prozent aller Smartphones.

Schindler: Wir verdienen erst etwas, wenn Entwickler mit den Android-Apps und wenn Telekommunikationsfirmen mit Android selbst erfolgreich sind.

ZEIT: Und Sie entwickeln aus alldem einen Plan, woher die nächsten zehn Milliarden mehr Umsatz kommen sollen?

Schindler: Im Wesentlichen, ja. Dafür führe ich die Strategien für die einzelnen Länder zusammen. Was sind unsere nächsten Schritte in China, Russland, Indien ...

ZEIT: In den vergangenen Jahren hat Google einiges versucht, um weniger abhängig vom Werbegeschäft zu sein. Aber große Erfolge gibt es nicht zu sehen. Google wächst zwar insgesamt deutlich, doch die Werbung dominiert wie eh und je.

Schindler: Wir hängen längst nicht mehr allein vom Suchmaschinenmarketing ab, wir haben signifikant diversifiziert. Zwar sind wir werbezentrisch, aber zu der Suchmaschine sind YouTube und Doubleclick gekommen. Zusätzliche Einnahmen generieren wir aus Google Play, durch Apps, unser Bürosoftwarepaket Google for Work – und unsere Cloud-Dienste.

ZEIT: Das klingt nach einem weiter stark wachsenden, im Kern aber reifen Geschäft.

Schindler: Wie nennen keine Umsatzzahlen für einzelne Produkte, auch nicht für unser Geschäft mit Bewegtbildwerbung, aber so viel kann ich sagen: Die Nutzung von YouTube ist in Deutschland allein im vergangenen Jahr um 40 Prozent gewachsen, und niemand zweifelt, dass diese Entwicklung weiter voranschreitet. Sie sehen es bereits in den USA: Dort wurde im vergangenen Jahr bereits mehr in Bewegtbildwerbung im Internet investiert als in klassische Fernsehwerbung.

ZEIT: YouTube ist also die nächste große Geldmaschine für Google geworden. Was sehen die Leute am liebsten? Gibt es da ein Genre?

Schindler: Einer der am stärksten wachsenden Bereiche sind sogenannte How-to-Videos. Wie löse ich ein Problem?

ZEIT: Nach einer Umwälzung klingt das nicht, eher so, als könnte Google nach Jahren, in denen es in YouTube investiert hat, nun einfach warten und ernten.

Schindler: Das sehe ich wirklich total anders. Zudem gibt es auf der technologischen Seite überhaupt keine Verlangsamung der Entwicklung. Erst hat sich die Internetnutzung aufs Smartphone verlagert, jetzt wird das Handy gerade zur Steuerungszentrale für andere Geräte. Nehmen Sie nur den Fernseher. Wenn man unser Streaming-Gerät Chromecast an den Fernseher ansteckt, und Sie wollen dann einen Film aus dem Netz oder ein YouTube-Video auf dem Fernseher laufen lassen, steuern Sie das Ganze am einfachsten mit dem Smartphone. Ich verbinde sogar mein neues Onewheel-Board mit dem Handy ...

ZEIT: ... eine Art Skateboard mit nur einem Rad in der Mitte, mit Elektromotor und einem eingebauten Chip, der das Board in der Balance hält.

Schindler: Auf dem Handy kann ich nicht nur den Batteriestand kontrollieren und meine Strecken aufzeichnen, sondern auch, wie ich fahre. Und weil das Board übers Handy mit dem Hersteller verbunden ist, kann der mithilfe von machine-learning, also komplexen Berechnungen, das Board noch besser für mich anpassen. Wenn Smartphones zur Schaltzentrale für so viele Geräte werden, ist das eine ziemliche Herausforderung für uns.

ZEIT: Sicher, aber Google ist doch angesichts seiner Stellung auf den Smartphones in einer ziemlich komfortablen Lage.

Schindler: Die Wahrnehmung, welch starkem Wettbewerb wir unterliegen, unterscheidet sich dramatisch zwischen Europäern und Menschen im Silicon Valley. In Europa werde ich dauernd gefragt, ob wir überhaupt noch Wettbewerb spüren, dabei sitzen wir alle in Kalifornien und denken, wir sind stärker herausgefordert denn je.

ZEIT: Können Sie das einem europäischen Leser vielleicht ein bisschen genauer erklären?

Schindler: Unternehmen wie Apple, Facebook, Amazon, WeChat sind sehr gut aufgestellt. Wenn es darum geht, wer die sogenannte next billion für sich gewinnt, also die Menschen in den aufstrebenden Schwellenländern, dann stehen wir natürlich in starkem Wettbewerb mit ihnen.

ZEIT: Durch das Betriebssystem Android sind Smartphones sehr viel preiswerter geworden, für viele Menschen überhaupt erschwinglich. Aber die Menschen nutzen dann erst mal Facebook?

Schindler: Ein 15-jähriger Inder, der sein erstes Android-Telefon für 80 Dollar kauft, denkt überhaupt nicht daran, sofort Google-Dienste zu installieren. Höchstwahrscheinlich klinkt er sich zuerst in ein soziales Netzwerk ein und nutzt WhatsApp.

ZEIT: Das ebenfalls zu Facebook gehört.

Schindler: Oder er nutzt den Facebook Messenger oder einen vom Wettbewerber WeChat aus China. Auf Smartphones mit unserem Betriebssystem Android kann der Nutzer installieren, was er will. Das nenne ich sehr intensiven Wettbewerb. Ob und wie oft die Menschen in Schwellenländern dann eine Suchmaschine benutzen, ist noch nicht ausgemacht. Aber das ist wiederum die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen dort werben wollen und Google damit Geld verdienen kann.