Selbstverständlich lässt sich die Flüchtlingskrise als humanitäre Herausforderung der Europäer und vor allem der Deutschen betrachten. Dann geht es um Solidarität, Mitgefühl, vielleicht auch Barmherzigkeit sowie um die völkerrechtliche Selbstbindung des Staates. Man kann sie freilich auch als ein logistisches Problem betrachten; dann stehen die Unterbringungsprobleme der Städte und Landkreise im Mittelpunkt, dann geht es um Ressourcen und Kosten, Wohnungsbauprogramme und Sprachkurse. Hier zeigt sich, dass Deutschland auf diese vorhersehbare Entwicklung organisatorisch schlecht vorbereitet war, von der Registrierung der Flüchtlinge bis zur Bearbeitung der Asylanträge. Die Debatte darüber wird selten geführt; in der Regel bleibt sie auf skandalöse Zustände wie die am Berliner Lageso begrenzt.

Man kann die Flüchtlingskrise aber auch als eine politisch-strategische Herausforderung begreifen, und dann geht es um die Frage, ob es jenseits humanitärer Gesichtspunkte und rechtlicher Selbstbindungen Gründe dafür gab, die deutschen Grenzen für den Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute zu öffnen, und darum, zu debattieren, worin die "Kosten" für das von einigen Philosophen jetzt eifrig propagierte Schließen der Grenzen bestanden hätten und bestehen würden. Diese Debatte ist in Deutschland so gut wie nicht geführt worden, und das ist einer der Gründe dafür, warum nun, nach einer Phase der humanitären Euphorie und deren Frustrierung durch die Kölner Silvesternacht, das Schließen der Grenze als eine der Regierung ohne Weiteres verfügbare Option behauptet werden kann. Aus Unbedachtheit, Sentimentalität oder gar, wie Gertrud Höhler jetzt behauptete, sinistren Absichten gegen die deutsche Identität sei sie nicht gezogen worden. Auch Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, die zeitweiligen philosophischen Lehrmeister der Republik, reden über ein leichtfertiges "Fluten" des Landes und eine aus Staatsvergessenheit erwachsene Politik der "schwachen Membrane", als müsse die Regierung nur ihren Ratschlägen einer rigiden Grenzsicherung folgen – und schon werde alles wieder gut.

Unterkomplexe Antworten haben ihre eigene Suggestion. Dass sie nun aber auch von denen lanciert werden, die sich über Jahre als Gralshüter realer Komplexität und Repräsentanten komplexen Denkens in Szene gesetzt haben, zeigt einen gravierenden Mangel an strategischer Reflexivität in der politischen Kultur dieses Landes. Hier wird so getan, als könne man in Europa wieder zu einer Ordnung zurückkehren, in der Grenzen und Souveränität die Leitvorstellungen des Politischen waren. Man kann das selbstverständlich fordern, sollte aber wissen, worauf derlei hinauslaufen dürfte. Ihre jüngsten Einlassungen zeigen, dass diese Vor-Denker viel über das 20. Jahrhundert geredet haben, dass ihre Neigung zu einem Denken in Metaphern sie aber daran gehindert hat, analytisch zu durchdringen, worüber sie redeten.

Das wäre zu verkraften, wenn diese Art des Denkens nicht auf das Kommunizieren der Politik und ihrer Entscheidungen übergegriffen hätte. Der Gestus der Alternativlosigkeit ist auf beiden Seiten anzutreffen. Sonst nämlich wäre über die Dilemmata solcher Entscheidungen und die mit ihnen je verbundenen Kosten diskutiert worden. Im Prinzip lief die Entscheidung für durchlässige Grenzen nämlich darauf hinaus, Zeit zu kaufen, um die Ursachen der Krise und deren weitere Entwicklung zu erfassen und europäische Lösungen für ein Problem zu erarbeiten, das eine Herausforderung Europas für die nächsten Jahrzehnte darstellt. Selbstverständlich war schon im vergangenen Sommer klar, dass Deutschland nicht jedes Jahr eine Million Flüchtlinge aufnehmen kann; vielmehr sollte es, so das Kalkül der Regierung, gemeinsam mit Österreich und Schweden, die inzwischen ausgestiegen sind, als eine Art "Überlaufbecken" dienen, das die Zeit verschaffen sollte, eine europäische Lösung herbeizuführen: faire Verteilung in Europa, bessere Sicherung der europäischen Außengrenzen, Stabilisierung der Peripherie. Das hatte wenig mit Romantik oder Gefühlsduselei zu tun. Die demonstrative Ausrufung der "Willkommenskultur" war eine zivilgesellschaftliche Reaktion auf die Brandanschläge gegen Asylantenwohnheime. Sie gehörte zum Kampf um das Selbstverständnis und Erscheinungsbild Deutschlands und ist nicht zu verwechseln mit dem von der Regierung verfolgten Projekt.

Mindestens drei Aspekte spielten eine Rolle bei der Berliner Entscheidung, die europäische Herausforderung durch die Flüchtlinge zunächst allein anzugehen: zu verhindern, dass eine Politik der nationalen Grenzregime auf den Anfang vom Ende des Schengenraums und damit der EU als Ganzes hinauslaufen könnte; dafür zu sorgen, dass es auf der Balkanroute zu keinem Flüchtlingsstau kam, der zum Zusammenbruch der dortigen Staaten führen würde; zu vermeiden, dass Deutschland als derjenige dastand, der aus nationalem Egoismus heraus beides zu verantworten hatte. Die unmittelbaren "Kosten" einer solchen Entscheidung waren klar: dass man dadurch den Druck auf die nicht an der Balkanroute liegenden Länder verminderte, sich an einer gemeinsamen Lösung zu beteiligen, und dass man bei Teilen der deutschen Wahlbevölkerung auf Ablehnung bis Widerstand stoßen würde. Die maßgeblichen Politiker in Berlin waren zu Beginn der 1990er Jahre bereits aktiv und dürften sich an die Stimmung angesichts des damaligen Flüchtlingszustromes erinnert haben. Dennoch entschied man sich dafür, die deutschen Grenzen offen zu halten und das Gebiet der Bundesrepublik als Raum zum Gewinn von Zeit zu nutzen. Der Tausch Raum gegen Zeit ist ein Grundelement strategischen Denkens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Auch wenn sich längst gezeigt hat, dass der Weg zu einer europäischen Lösung sehr viel schwieriger ist, als die Regierung im Spätsommer erwartet hat, heißt das noch lange nicht, dass retrospektiv die damalige Entscheidung falsch gewesen wäre. Bei allen (unberechtigten) Vorwürfen, die jetzt von einigen europäischen Regierungen gegen die Bundesregierung erhoben werden, sie habe das Problem der Flüchtlinge überhaupt erst erzeugt, ist leicht vorstellbar, wie dieselben Regierungen Berlin die Verantwortung zugeschoben hätten, wenn infolge einer deutschen Entscheidung der Dominoeffekt nationaler Grenzschließungen in Gang gekommen wäre. Deutschland ist nun einmal ein durch Verweis auf seine Geschichte verwundbarer Akteur; das hat sich in den antideutschen Polemiken bei der fiskalischen Rettung Griechenlands gezeigt. Es ist nicht auszuschließen, dass die EU unter dem Druck der Flüchtlingskrise zerbrechen wird, aber es ist ein Essential der deutschen Politik, dass dies erst eintritt, nachdem man in Berlin alles versucht hat, das zu verhindern. Die Regierungen, die den deutschen Beitrag zur Rettung des Europaprojekts jetzt diskreditieren, verfolgen dabei nationale Interessen: Sie wollen hernach unschuldig dastehen. Einige deutsche Intellektuelle spielen ihnen dabei unbedacht in die Hände.

Deutschland hat wirtschaftlich von der Schaffung eines gemeinsamen Marktes in Europa ungemein profitiert, und es war und ist der Hauptnutznießer der Einigung des Kontinents. Erste Schätzungen besagen, dass die unmittelbaren Kosten nationaler Grenzregime für jedes größere EU-Land 10 Milliarden Euro pro Jahr betragen dürften. Das ist ein geringer Betrag, verglichen mit den zu erwartenden Wohlstandseinbußen, die mittelfristig aus dem dann unvermeidlichen Wiederaufleben eines wirtschaftlichen Protektionismus erwachsen würden. Die Gesamtkosten, die jetzt für die Unterbringung, Versorgung und Ertüchtigung der ins Land gekommenen Migranten anfallen, dürften ein Bruchteil dessen sein, was der Zusammenbruch des europäischen Marktes kostet – zumal dann, wenn in den europäischen Polemiken Deutschland als "der Schuldige" dafür dargestellt wird. Daran wird kein Essay Peter Sloterdijks etwas ändern.

Vor allem muss man sich vor Augen halten, welche Folgen ein Rückstau der Flüchtlinge auf der Balkanroute haben würde beziehungsweise im Herbst 2015 gehabt hätte. Gehen wir davon aus, dass nach einem deutschen Einreisestopp Ungarn und Kroatien ihre Grenzen geschlossen und die Flüchtlingsbewegung – mit welchen Mitteln auch immer – gestoppt hätten. Bosnien-Herzegowina, Serbien, Mazedonien, Albanien, das Kosovo und natürlich Griechenland sind schwache Staaten, die administrativ mit diesem Flüchtlingsstau überfordert wären. Das labile ethnische und konfessionelle Gleichgewicht in diesen Ländern, das durch die Anwesenheit der Flüchtlinge massiv verändert worden wäre, kommt noch hinzu. Ein Rückblick auf die Gewaltexzesse beim Zerfall Jugoslawiens lässt ahnen, womit dann zu rechnen ist. Vermutlich würden infolgedessen zusätzliche Flüchtlingsströme entstehen, die auch mit "harten Membranen" im Sinne Sloterdijks auf ihrem Weg nach Deutschland nicht zu stoppen wären. Zugegeben: Das sind Risikoszenarien und keine tatsächlichen Entwicklungen. Und es kann sein, dass der Zeitkauf der Bundesregierung sie nur verzögert hat, aber nicht verhindern wird. Dass die Grenzschließer unter den Intellektuellen diese Probleme nicht in Betracht ziehen, zeigt die strategische Unbedarftheit ihres Dahergeredes.