DIE ZEIT: Frau Seegers, ein Bestattungsinstitut wirbt damit, Kunden "hanseatisch preiswert" unter die Erde zu bringen. Ist jetzt alles erlaubt mit diesem Begriff?

Lu Seegers: Der Begriff wird derzeit wirklich inflationär benutzt, hier in Hamburg noch stärker als in anderen Hansestädten. Auch im Stadtmarketing. Er gilt als positiv, für was auch immer.

ZEIT: Die Hamburger AfD schrieb im Wahlprogramm, sie stehe für gesunden Menschenverstand, deshalb passe sie "zur altehrwürdigen Kultur des Hanseatentums". Das Handelsblatt beschrieb Aydan Özoguz von der SPD als hanseatisch-zurückhaltend. Von AfD bis SPD – alles Hanseaten?

Lu Seegers ist Historikerin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. © FZH

Seegers: Das Hanseatische ist ein Mittel, um sich selbst oder andere als irgendwie bedeutsam für die Stadt zu charakterisieren. Dass der Begriff von allen möglichen Parteien benutzt wird, weist auch auf seinen puddingartigen Charakter hin. Er kann für ganz unterschiedliche Interessen und Ziele in Anspruch genommen werden.

ZEIT: Gibt es überhaupt noch einen Konsens darüber, was ein Hanseat ist?

Seegers: So diffus der Begriff auch sein mag, dazu gehören auf jeden Fall Weltoffenheit und Toleranz. Dann Pragmatismus und Vernunft, wie es die AfD für sich reklamieren wollte. Das sind die Kernpunkte. Vor Augen hat man sicherlich noch das Bild eines distinguierten Kaufmanns, die maritime Welt, den Überseehandel und Rituale wie das Matthiae-Mahl im Rathaus.

ZEIT: Was ist am Matthiae-Mahl so hanseatisch?

Seegers: Zum einen gilt es aufgrund seiner jahrhundertealten Tradition als hanseatisch. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts wird es nach einem festgeschriebenen Protokoll ausgerichtet. Zum anderen ließe sich seine Internationalität als hanseatisch beschreiben. Ziel des mittelalterlichen Mahls war es, die Vertreter der "Hamburg freundlich gesonnenen Mächte" einzuladen und mit der Kaufmannselite der Stadt zusammenzubringen. Dazu kommt, dass das Rathaus als politisches Zentrum des Stadtstaats Hamburg beim Festmahl seinen Reichtum zelebrieren konnte.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr.7 vom 11.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Das tut es bis heute.

Seegers: Ja, zum Matthiae-Mahl wird der Hamburger Silberschatz geöffnet. Auf den Tischen stehen Pokale und Schalen aus Silber, die von wohlhabenden Senatoren sowie von politischen und wirtschaftlichen Vertretern aus dem Ausland gestiftet wurden.

ZEIT: Als Ehrengäste werden Angela Merkel und der britische Premier David Cameron über Europa sprechen. Wie tut man das in so einer angespannten Weltlage auf hanseatische Weise?

Seegers: Das Matthiae-Mahl bietet sicherlich eine gute Möglichkeit, um mit dem gebotenen Understatement die anglophile Tradition Hamburgs und die engen Beziehungen der Stadt zu Großbritannien zu betonen.

ZEIT: Angela Merkel ist in Hamburg aufgewachsen. Hat sie hanseatische Züge?

Seegers: Das Hanseatische ist ja kein Charaktermerkmal, sondern stets eine Zuschreibung. Am besten ließen sich sicherlich die ihr nachgesagten Eigenschaften wie Pragmatismus, Nüchternheit und Bescheidenheit als hanseatisch deuten.