Miran geht durch die Fußgängerzone von Bielefeld, als sei er ein Teenager wie alle anderen, mit Sneakers, Lederjacke, Hautproblemen. Aber das ist er nicht. Alles, was in seinem Leben normal war – Familie, Nachbarn, Heimat –, endete am 3. August 2014. "Gegen fünf Uhr morgens, als wir alle noch schliefen, kam der IS in meine Heimatstadt Mossul", erzählt der 18-Jährige, der seinen wahren Namen nicht nennen will. Der aufhört zu reden, wenn sich eine Kellnerin nähert.

Explosionen, Schüsse, panische Schreie und Feuer – wie 20.000 andere Jesiden floh Miran ins Sindschar-Gebirge mit nichts als den Kleidern auf dem Leib. Tage mussten sie ohne Wasser und Brot ausharren. Miran hat Babys verdursten und erwachsene Männer den Verstand verlieren sehen. Am achten Tag kam Rettung: Die PKK brachte die Jesiden zu Fuß nach Syrien.

Miran war damals 16 Jahre alt. Die Mutter sagte: "Geh nach Deutschland. Bring dich in Sicherheit."

Damit wurde Miran zu dem, was in der Sprache des Flüchtlingsmanagements das Sorgen-Kürzel UMF bekommt: ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Fast 70.000 gibt es von ihnen in Deutschland. Sie sind die schutzbedürftigsten unter den Flüchtlingen – und gleichzeitig diejenigen, die derzeit in Deutschland die größten Ängste wecken. Vor denen man die Türen von Clubs und Schwimmbädern verschließt. Sie sind der Typus junger arabischer Mann, über den seit Köln alle reden – und die Hoffnung ihrer Familien, oft die einzige, die ihnen geblieben ist.

Über die Frage, ob man minderjährigen Flüchtlingen den Nachzug ihrer Eltern gewähren soll, ist die Regierungskoalition in Berlin gerade in erbitterten Streit geraten.

Der 18. Geburtstag ist für viele eine Katastrophe, eine bittere Niederlage

"Hol uns nach", diese Bitte hat Mirans Mutter ihrem Sohn mit auf die gefährliche Reise gegeben. Damals fing Miran an zu rennen, weg vor der Gefahr, aber auch gegen die Zeit. Seither ist er ein Kind, das kein Kind mehr sein darf. Er muss seine Familie retten. "Ankerkind" nennen Innenpolitiker solche wie Miran. Minderjährige haben eher die Chance, ihre Eltern nachzuholen als Erwachsene. Ab 18 ist der Familiennachzug, um den die große Koalition im Asylpaket II jetzt ringt, eine Gnade, die immer seltener gewährt wird. Mitte 2015 waren es bundesweit ganze 504 Personen, die Elternnachzug bekamen. Wenn es einem Ankerkind nicht rechtzeitig gelungen ist, die Familie nachzuholen, dann ist der 18. Geburtstag – der Tag, an dem deutsche Jugendliche mit frohem Lärm in die Freiheit aufbrechen – eine Katastrophe. Eine Niederlage, die sich mancher nie verzeihen wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Viel Zeit blieb dem 16-jährigen Miran deshalb nicht, und das hat er schon damals im August 2014 gewusst. Da begann für ihn die Odyssee: von Syrien nach Istanbul. Von dort an die Ägäisküste mit Kurs auf Deutschland. Der Bruder hatte ihm Geld für einen Schlepper gegeben. Mit 45 anderen Leuten unter Deck hockte Miran in einem löchrigen Kahn, der so voll Wasser lief, dass der Motor absoff. Nach etlichen Verhaftungen, nach Schlägen von der Polizei, von anderen Flüchtlingen, aber auch freundlichen Begegnungen mit italienischen Dorfbewohnern, warfen ihn Schlepper schließlich mitten in Deutschland aus dem VW-Bus: Willkommen in Minden! "Ich fühlte mich wie auf dem Mars", erzählt Miran. "Wo soll ich hin?" Aber auf der Straße hörte er Kurdisch, er sprach die Leute an, und die erteilten ihm die erste wundersame Lektion Deutschland: "Du brauchst Hilfe? Geh zur Polizei!" Und zu seinem unermesslichen Erstaunen hatten sie recht: Die Polizei, ausgerechnet, war freundlich. Auf den verschlungenen Wegen des deutschen Flüchtlingsverteilsystems landete er in einem Clearinghaus der AWO in Bielefeld.

Minderjährige Flüchtlinge - "Er hilft mir – und ich helfe ihm" Etwa 60.000 Minderjährige flohen im vergangenen Jahr ohne ihre Eltern nach Deutschland. Auch der 17-jährige Hamud kannte in München niemanden. Bis er Felix traf. Ein Beitrag aus der Webdokumentation “Fremde Freunde”, die mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten 2015 ausgezeichnet wurde. (http://afklab.pageflow.io/fremde-freunde)