* 15. 8. 1955 - † 7. 2. 2016

Ich freue mich so und tue auch sonst hier alles, um uns lauter schöne Eier in die Zukunft zu legen." So begannen Nachrichten von Roger Willemsen. "Das Schönste ist, sich mit Dir immer an der Quelle zu neuen Plänen zu wissen, die wir alle noch umsetzen können und werden, dieses Urfeuerartige der Hervorbringungen." Oder: "Ich freue mich unbändig, wie schön ist doch die Aussicht, dass wir die Köpfe zusammenstecken und Feldzüge planen."

Roger Willemsen war ein Kraftphänomen. Er verfügte über eine – ein Lieblingswort von ihm – "berserkerhafte" Energie, seine Konstitution war ein Wunder. Unentwegt schmiedete er Pläne. Auf der Liste mit "ganz unbedingt zu schreibenden Büchern" standen stetig um die zwei Dutzend Projekte. Alles ernsthafte Pläne.

Im Mittelpunkt seines manischen Interesses stand die "Gegenwart", unser konkretes Heute, unser Jetzt, unsere Wirklichkeit. "Vergegenwärtigungen" nannte Roger Willemsen sein gigantisches Projekt, und es war nicht bloß ein immer wiederkehrendes Thema in allem, was er tat, sondern das Movens hinter seinen vielfältigen Aktivitäten, die auf diese Weise innig zusammenhingen. Es ging um eine fundamentale Idee, eine existenzielle Philosophie der "Konstellationen", die er rhapsodisch entwickelte, mit allen theoretischen Wassern und Diskursen gewaschen, Roger Willemsen kannte sie alle. Seine außergewöhnlichen Denk- und Sprachfähigkeiten erlaubten ihm eine Reflexion und Selbstreflexion auf schwindelerregenden Höhen.

Der Antrieb war rabiat: die Gegenwart so intensiv, so minutiös wie nur irgend möglich zum Vorschein zu bringen. Er hat das Sehen und Hören zu einer Kunst höchster Potenz entwickelt. Und ebenso: die Fähigkeit, davon zu erzählen. Also musste er die Welt sehen und die Menschen, die reale Welt, die realen Menschen, auf Reisen sein. Und das war er: permanent auf Reisen. Das Unterwegssein war sein Seins-Zustand. Vor allem und immer wieder: zu denen, die in Not waren, die niemand sah und sehen wollte, die keine eigene Stimme besaßen. Das Passagere war sein Modus. Es erlaubte ihm eine Art Frei-Sein von sich selbst und dies wiederum die rückhaltlose Vertiefung in die Dinge und die Menschen ihm gegenüber, wahrzunehmen, was genuin von dort kommt, vom Anderen. Anti-Narzissmus hieß das Programm in dieser Hinsicht: der Andere! Auch das Andere. Die Differenz, ja. Im Gespräch nicht immer bloß sich selbst zu hören. Im Hinsehen nicht nur das Eigene zu sehen. Er begriff das als ein radikales Lieben, und das tat er verschwenderisch: lieben. Unterwegs hat er viele großartige Freunde gefunden. Zusammenarbeit begriff er prinzipiell als eine "Verschwörung". Als eine Mitarbeit an einem Engagement, bei dem auch er nur Mitarbeiter war. Auch an ganz konkreten Engagements, bei denen er sich – wie bei allem anderen – mutwillig verausgabte: seiner Arbeit für Amnesty International, für Care. Unzählige Auftritte hat er bestritten, Honorare abgegeben, bedeutende Teile seines Vermögens. Ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wie allen Zynismus hat er auch das modische Sich-Mokieren über den "guten Menschen" gehasst. Der Verlust Roger Willemsens ist gewaltig, er war ein grandioser Autor, einer der großen – hochpolitischen – Intellektuellen unseres Landes, ein Kämpfer für die Menschen.

Das Programm "Sei gegenwärtig" hat noch die Haltung seiner eigenen Krankheit gegenüber bestimmt, einer aggressiven Krebserkrankung. Das Leben als Momente zu begreifen, vereinfacht gesagt, und es selbst darin zu konzentrieren: "Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten." Er war von unfasslichem Mut und Stärke – Haltung ist das genaue Wort – bis in den Tod. Seine eigene Philosophie war noch im Sterben die Maxime. "Du würdest keinen anderen in mir finden als jenen, den Du kennst", schrieb er vor einigen Wochen. "Die Krankheit macht mich nicht hysterisch, nicht irrational, sie vernebelt nicht. In schöner Klarheit tritt heraus, wie lange ich um sie kreise, wie die letzten Themen der Vergegenwärtigung, der Moment-Verdichtung, der Feier des Lebens in der Epiphanie, die Rettung der Erinnerung alle Teil einer Verarbeitung waren, die ich gewissermaßen prophylaktisch leistete. Ich taumele also nicht aus der Fremde auf dieses Feld, sondern komme schon über Hochebenen." So hat er es für sich verstanden. Und so hat es bis zum letzten Moment gegolten.

Die erste Reaktion auf die Nachricht der Erkrankung war eine Reise. Nach Oslo: "eine große Erlösung, schlicht überwältigend, Munch ergreifend (...) die Stadt, das Meer, die Landschaft, das Essen, alles sinfonisch, und Jörg, hier ist Frohsinn, Lebensfreundlichkeit, Lächeln. Wie dankbar ist man in diesem Zustand für ein solches Leben, diese Zugewandtheit und Bejahung von allem Sinnlichen." Er war Bonner, Rheinländer durch und durch, noch zuletzt machte er Witze: "Ich stehe firmly, habe in die ärztliche Dauerdiagnose aufnehmen lassen 'unzerstörbarer Frohsinn'." Eine Hommage auf Bonn gehörte zu den Projekten, die er schon umrissen hatte. An einem neuen Buch arbeitete er bereits: "Wer wir waren". Es wäre – aus der Perspektive einer gescheiterten Menschheit – eine schwärmerische Vision des Menschen und seiner Möglichkeiten gewesen.

Er hat das (reflektierte) Schwärmen und die Begeisterung geliebt und rigoros verteidigt. In seiner Dankesrede zum Erhalt der Heinrich-Heine-Medaille im letzten Jahr ist von einem "Realisten" die Rede, "der unter Aufbietung aller Vernunft ins Schwärmen gerät". Sich an Roger Willemsen zu erinnern sollte auch eines bedeuten: sich an seine Haltung, sein dezidiertes Engagement in dieser Welt zu erinnern, besser noch, ihm darin zu folgen. Die Welt zu verändern, konkret. Einfluss zu nehmen auf das Politische, Gesellschaftliche, zu widersprechen, es ist so sehr höchste Zeit, das hat Roger Willemsen die letzten Jahre enorm umgetrieben. Er fand, es sei Zeit für einen energischen Aufstand. So lebt Roger Willemsen weiter.

Jörg Bong ist der Chef des S. Fischer Verlages, in dem die Bücher Roger Willemsens erscheinen