Das gleich zu Beginn: Sie sind nicht in Söst gelandet, sondern in Soost. So spricht man es aus, denn das e hinter dem o ist kein Umlaut, sondern ein Dehnungszeichen. Was Ihnen übrigens genauso Konrad Duden erklärt hätte, als er Direktor am hiesigen, damals schon drei Jahrhunderte alten Archigymnasium war. Laut Duden stammt der Name Soest aus dem Mittelhochdeutschen, wie ja überhaupt vieles in dieser kleinen Stadt noch mittelalterlich ist. Die sieben Kirchen und zwei Kapellen: allesamt romanisch oder gotisch. Es gibt Wohnhäuser, die zu den ältesten in ganz Deutschland gehören. Und dann wäre da noch die Stadtumrandung aus der Wallmauer und dem ehemaligen Graben, heute eine einzigartige, fast drei Kilometer lange Promenade – die größte Grünanlage der Stadt.

Ein paar Hundert Meter vom Bahnhof entfernt geht’s los, entweder unten, wo sich anstelle des alten Wehrgrabens ein mit Obstbäumen, exotischen Gewächsen und Skulpturen gestalteter Landschaftsgarten befindet. Oder oben auf dem Wall, mit Blick auf Fachwerkhäuser und Kirchtürme. Einer davon, der von Alt St. Thomae, ist fast so schief wie der Glockenturm von Pisa.

Einst bedeutende Hansestadt

Über Soests alten Mauern liegt ein eigentümlich grüner Glanz, der nicht vom Moos kommt, sondern vom Stein. Der Sandstein, aus dem die Stadt einst gebaut wurde, changiert zwischen grau- und blaugrün, es gibt ihn nur hier und dann noch in Regensburg. Eine Rarität also und nicht die einzige.

Über den Wall geht’s zum Osthofentor, dem letzten verbliebenen von ursprünglich zehn Stadttoren. Grün und wuchtig steht es da mit einer Sammlung von 25.000 Armbrustbolzen im Innern. Ein Großteil davon ist noch gut in Schuss, und es gibt tatsächlich bis heute Soester, die eine Armbrust bedienen können. Die meisten sind damit zufrieden, einen alten Ritterhelm aufzusetzen. Das darf man im lokalgeschichtlichen Burghofmuseum. Wo auch zu erfahren ist, dass Soest einst eine bedeutende Hansestadt war, mit Handelsbeziehungen von Byzanz bis nach Gotland und Nowgorod. Mehr dazu in einer winzigen Kirche.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Die Hohnekirche heißt eigentlich Maria zur Höhe, aber das auszusprechen dauert den Soestern zu lange. Von außen wirkt sie gedrungen, von innen exotisch dank all der Pflanzenornamente und Fabelwesen, mit denen die Wände bemalt sind. Von wem, ist bis heute ein Rätsel. Das Gegenstück für das Fresko im Hauptchor findet sich auf Sizilien, das Scheibenkreuz gibt es außer in Soest nur noch in Skandinavien.

Es ging hier also weltläufig zu, jedoch mit Bodenhaftung, schließlich sind wir in Westfalen. Wenige Schritte führen von der Hohnekirche talwärts zur Wiesenkirche (eigentlich Maria zur Wiese), einem Musterbeispiel eleganter Gotik. Die Glasfenster passen dazu, nur eines fällt aus der Reihe. Jesus und seine Jünger tafeln da mit Schwarzbrot und Schinken und trinken aus großen Krügen Bier: ein westfälisches Abendmahl aus der Zeit um 1500.

Was uns darauf bringt, dass die Kneipen hier noch zahlreicher sind als die Kirchen, manche auch genauso alt. Schließlich lag Soest am Jakobsweg, hier wird also seit Jahrhunderten gut gebetet und getafelt. Nach dem zweiten Bierchen kann man sich auch das Dehnungs-e von Schuldirektor Duden leichter merken: In Soest sagt man Prost.