3. August 1934: Hitlergruß vor dem Propagandaministerium in Berlin © Keystone/Getty Images

DIE ZEIT: Das Auswärtige Amt machte 2006 den Anfang. Seither untersuchen Historikerkommissionen eine Bundesbehörde nach der anderen. Erstaunlich: Wir Deutschen, die wir unsere Vergangenheit angeblich so wunderbar aufgearbeitet haben, wissen noch immer nicht recht, was die wichtigsten Staatsinstitutionen in der NS-Zeit getan haben und wie ihre Nachfolger damit umgingen?

Martin Sabrow: Ausgerechnet Otto Schily erklärte noch 2005 als Innenminister, dass Bundesministerien grundsätzlich "keine nationalsozialistische Vergangenheit" hätten, die der "Aufarbeitung" bedürften. Das Gegenteil ist der Fall. Erkenntnisbedarf besteht vor allem bei der Frage nach den personellen Kontinuitäten. Die war lange Zeit tabu. Konrad Adenauer sprach verächtlich von "Nazi-Riecherei".

ZEIT: Seit zehn Jahren nun dreht sich alles um Personalakten. Mehr als 100 Zeithistoriker waren und sind in bisher 16 Kommissionen und Forschungsprojekten tätig. Jetzt hat die Bundesregierung eine Bestandsaufnahme angefordert. Sie sind einer der Herausgeber. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Sabrow: Verblüfft hat uns, dass Einrichtungen, bei denen man eine besondere Nähe zum Nationalsozialismus vermuten kann, wie etwa der Verfassungsschutz, personell eher gering belastet waren.

ZEIT: Wo war der Anteil hoch?

Sabrow: Im Bundesinnenministerium etwa, im Bundesjustizministerium – und im Auswärtigen Amt. In diesen Ministerien lag der Belastungsgrad bei 60 Prozent und höher. Aber wir müssen genau hinsehen, wo diese Leute nach 1945 saßen. In manchen Institutionen finden sich besonders in den höheren Positionen ehemalige Nazis, so im Auswärtigen Amt oder im Bundesverkehrsministerium, während sich die NS-Belastung im BND bemerkenswerterweise stärker auf die unteren Ränge erstreckt. Entsprechend unterschieden sich die Karriereaussichten: Im Bundesjustizministerium konnten frühere Parteimitglieder problemlos aufsteigen, im Verfassungsschutz hingegen nicht.

ZEIT: Wie erklärt sich das?

Sabrow: Wo personelle Kontinuität unterbunden wurde, war fast immer alliierte Kontrolle dafür verantwortlich. Allerdings legten auch die Amerikaner unterschiedliche Maßstäbe an. Während sie beim Verfassungsschutz darauf achteten, dass der Dienst nicht zu einer Nazi-Enklave wurde, nahmen sie in derselben Zeit hin, dass sich Reinhard Gehlen in seiner CIA-gesteuerten "Organisation Gehlen" und später als Chef des BND um die NS-Vergangenheit seiner Mitarbeiter keinen Deut scherte.

ZEIT: Gibt es gar keine einheitlichen Muster?

Sabrow: Doch. Eines ist fast allen bisher untersuchten Behörden gemein: Im Lauf der fünfziger Jahre stieg der Anteil ehemaliger Nazis in ihnen steil an.

ZEIT: Aus welchem Grund?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Sabrow: 1951 verabschiedete der Bundestag einstimmig eine Neuregelung des Artikels 131 im Grundgesetz. Fortan konnten öffentliche Bedienstete, sofern sie im Zuge der Entnazifizierung nicht als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft worden waren, in den öffentlichen Dienst zurückkehren. Das diente deren rascher Integration in die Nachkriegsgesellschaft. Sicherlich stärkte das den sozialen Frieden; die gesellschaftliche Selbstbefragung stärkte es nicht und die Empathie gegenüber den Verfolgten des Nazi-Regimes schon gar nicht. Was das 131er-Gesetz bedeutete, hat mein Kollege Hans-Ulrich Thamer einmal für die nordrhein-westfälische Justiz nachgerechnet: Die NS-Belastung war dort 1958 höher als 1938.

ZEIT: Es heißt ja immer, man habe nach 1945 außer den ehemaligen Nazis niemanden mit der nötigen Fachkenntnis gehabt. Stimmt das? Oder ist das bloß eine Schutzbehauptung?

Sabrow: Dass Elitenwechsel Expertenwissen kosten, lehrt der Vergleich mit der Sowjetischen Besatzungszone. Dort wurden über die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten neue Eliten rekrutiert – um den Preis der Entprofessionalierung. NS-belastete Funktionseliten gab es auch in der DDR. Ehemalige Nazis waren allerdings erpressbar und spielten umso gefügiger mit im antifaschistischen Konzert. Die SED leistete ihren eigenen Integrationsbeitrag, indem sie, im Einklang mit der Sowjetischen Militäradministration, die Entnazifizierung 1948 für beendet erklärte und sich zum "großen Freund der kleinen Nazis" machte.

ZEIT: Große Nazis, kleine Nazis, NS-Belastete: Haben die Kommissionen eigentlich klar definiert, was darunter zu verstehen ist?

Sabrow: Es geht zunächst um die nominelle Parteimitgliedschaft. Aber keine Kommission bleibt dabei stehen. Man konnte schließlich auch Nazi sein, ohne in die Partei einzutreten. Umgekehrt gab es zig verschiedene Gründe, Mitglied zu werden: glühende Begeisterung ebenso wie schierer Opportunismus und auch politischer Druck. Nur Nazis zu zählen reicht eben nicht. Es ist eine Kernaufgabe der Behördenaufarbeitung, den Begriff der NS-Belastung inhaltlich zu füllen. Was haben die Leute vor 1945 getan? Und wie haben sie sich in ihrer neuen Position verhalten?

ZEIT: Im Fall der Justiz liegt das klar zutage. Ehemalige Nazi-Richter haben keinen Eifer gezeigt, andere ehemalige Nazis vor Gericht zu zerren. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?

Sabrow: Das ist nicht so einfach, wie man denken könnte. Der besonders hohe Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Bundeskriminalamt etwa – rund 75 Prozent! – hatte erstaunlich wenig erkennbare Auswirkungen auf die Arbeit. Auch beim Verfassungsschutz kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass sich kein deutlicher Einfluss der NS-belasteten Mitarbeiter nachweisen lässt. Nicht zu übersehen ist natürlich eine Kontinuität im antikommunistischen Verständnis des Staatsschutzes. Nur: Ist die nun nationalsozialistisch? Oder geht sie auf die Zeit davor zurück, auf tradierte Denkhaltungen in der Weimarer Republik, im wilhelminischen Kaiserreich?

ZEIT: Bleibt es nicht so oder so ein Skandal, dass ehemalige NSDAP-Mitglieder nach 1945 einfach weitermachen konnten?

Sabrow: Für uns Heutige ist die von Hermann Lübbe so genannte "gewisse Stille der Nachkriegszeit" inakzeptabel. Ebenso Hans Filbingers Satz, dass heute nicht Unrecht sein kann, was damals Recht war. Dass der Opferbegriff der Nachkriegszeit die deutschen Opfer meinte und nicht die Opfer der Deutschen, macht uns fassungslos, und als deutscher Hochschullehrer erfüllt es mich mit Scham, dass die Universitäten nicht fähig oder willens waren, gegenüber ihren ins Exil getriebenen Kollegen eine Willkommenskultur zu entwickeln. Umso wichtiger ist aus heutiger Perspektive die umgekehrte Frage: Wie konnte sich die so belastete Nachkriegsgesellschaft trotzdem zu jenem offenen Gemeinwesen entwickeln, das die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu einem Teil seiner Identität gemacht hat und darauf maßgeblich auch sein politisches Handeln gründet?