Beinahe wäre der erste Ausbildungstag bei der neuen Sächsischen Wachpolizei am Grundsätzlichen gescheitert. 45 Männer und fünf Frauen sitzen in einem Hörsaal der Bautzener Polizeihochschule – junge, schüchterne Anwärter, die ein hübsches Bild in Blautönen abgeben. Aber dieses Bild wäre fast nicht zustande gekommen. Erst auf den letzten Drücker konnten die Uniformen geliefert werden. "Ein Engpass auf dem Markt", sagt Landespolizeipräsident Jürgen Georgie. Aber: "Wir haben das rechtzeitig geschafft", sagt er, "und das macht uns ein Stück weit stolz." Wenngleich die Schulterstücke nur für die erste Reihe gereicht haben. Und ein halbes Dutzend der Anwärter am Ende doch noch in zivil kommen musste. Die Wachpolizei, das ist eben ein Hochgeschwindigkeitsprojekt. Denn in Sachsen war Not am Wachmann.

Jahrelang gab es für den Polizeiapparat dieses Bundeslands stets die eine Vorgabe: einsparen. Dann kamen die Pegida-Demonstrationen, begann die Flüchtlingskrise, wurden immer neue Quartiere für Asylbewerber benötigt. Immer mehr Krach brach davor und darin aus, es gab tagelange Eskalationen in Freital und Heidenau, alles zusätzlich zum normalen Fußball-, Demo- und Ermittlungsgeschäft. Nicht mehr zu bewältigen für die Beamten. Und politisch ein Problem.

Deshalb hat sich die Staatsregierung einen Plan überlegt: 550 Wachpolizisten auszubilden, so schnell wie möglich. Die nächsten drei Monate verbringen die ersten 50 von ihnen nun in der Hochschule, mit einem vollgestopften Lehrplan. 130 Stunden Unterricht, unter anderem in den Fächern Recht, Kommunikation, Verhaltenstraining und interkulturelle Kompetenz, außerdem 163 Stunden Waffen- und Schießausbildung.

Ein Vierteljahr Lehrzeit? Kein Vergleich zu den drei Jahren, die ein normaler Beamter absolvieren muss. Halb-Polizei, Cops light, Billigstreife. Das sind die bitterbösen Worte, mit denen die Schutzpolizisten deshalb schon jetzt leben müssen.

Dabei sind Hilfspolizisten dieser Art bereits in anderen Bundesländern im Einsatz. In Berlin gibt es den Zentralen Objektschutz, der Konsulate und Regierungsgebäude bewacht. In Hessen arbeitet bereits seit 2000 eine Wachpolizei, damals als bundesweit einmaliges Modell eingeführt und inzwischen erweitert auf 650 Mitarbeiter, die auch vor Flüchtlingsquartieren und bei der Abschiebung von Asylbewerbern eingesetzt werden. Die Einheit habe sich bewährt, die Erfahrungen seien ins Saarland, nach Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen weitergegeben worden, heißt es im hessischen Innenministerium. In Sachsen-Anhalt werden gerade die ersten 20 von 250 Hilfspolizisten eingestellt, dort tragen sie allerdings keine Schusswaffen.

Was, wenn ein Wachpolizist im falschen Moment zur Waffe greift?

Anders in Sachsen. Wie viel Verantwortung die jungen Polizisten hier übernehmen werden? In feierlichem Ton, als gehe es um Jugendweihlinge, schwört Polizeipräsident Georgie die Anwärter in der Bautzener Hochschule auf ihre Aufgabe ein. Die einerseits "mit der sonst üblichen Ausbildung nicht vergleichbar" sei". Andererseits: "Wir brauchen Sie für den Objektschutz und sehen Sie als besonders wertvolle Ergänzung für die Kollegen im Dienst." Ja: "Sie sollen Konflikte lösen können, bevor sie entstehen." Dafür haben die Wachpolizisten viele Befugnisse. Georgie zählt auf: "Identitätsfeststellung, Platzverweis, Durchsuchung und Ingewahrsamnahme von Personen." Falls es dabei Probleme gebe, dürften sie zu folgenden Mitteln greifen: "Fesseln, Reizstoffe, Schlagstock und Dienstwaffe". Sie bekommen dieselbe Pistole, die die meisten sächsischen Beamten am Hosenbund tragen, Modell Heckler & Koch P7M8. Gerade das hält die Opposition für ziemlich verrückt. "Es ist in der momentan schwierigen Gesamtsituation eine mehr als fahrlässige Überlegung, gerade mal drei Monate lang ausgebildete Wachpolizisten mit Schusswaffen in gefährliche Einsatzlagen zu schicken", sagt Valentin Lippmann, innenpolitischer Sprecher der Grünen. Man könne nur hoffen, dass niemals ein Wachpolizist "aufgrund seiner schlechten Ausbildung" eine fahrlässige Entscheidung fälle und im falschen Moment zur Waffe greife. Und die Polizeigewerkschaft ist alarmiert: "Die Ausbildungszeit ist definitiv zu kurz. Ein halbes Jahr wäre besser gewesen", sagt Reinhard Gärtner, Sprecher der Deutschen Polizeigewerkschaft Sachsen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 7 vom 11.2.2016.

Immerhin sollen Sachsens neue Wachpolizisten im Team mit erfahrenen Beamten arbeiten. Die jedoch, sagt Gärtner, seien wenig begeistert. "Wenn man als Privatperson an einem Schießstand einen Waffenschein macht, dauert das ein Jahr. Der Wachpolizist schafft das in nur drei Monaten", so der Gewerkschaftssprecher. "Wenn ich mit einem Wachpolizisten rausgehen müsste, wäre ich auch erst mal skeptisch und demotiviert."

Motiviert sind dafür die neuen Kollegen. Bisher gibt es 1.700 Bewerber. Zu den Voraussetzungen gehört unter anderem, dass sie größer als 1,60 Meter sind – und zwischen 20 und 33 Jahren alt. Sie dürfen keine Vorstrafen haben und keine im Dienstalltag sichtbaren Tätowierungen, erst recht keine verfassungsfeindlichen. Außerdem müssen sie den Eignungstest bestehen. Einige der ersten 50 Anwärter haben imposante Tattoos auf ihren Unterarmen und sitzen nun trotzdem in der ersten Wachpolizei-Klasse. Sie werden ihre Gemälde im Dienst verdecken müssen.