Nein, sie zieren sich nicht, die fünf Professoren um den Zürcher Historiker Philipp Sarasin. Sie suchen nicht das schöngeistige Tischgespräch, sondern die hitzige Debatte. Geschichte der Gegenwart heißt ihre Onlineplattform "für Beiträge aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive in politischer Absicht". Oder um es im kulturwissenschaftlichen Jargon zu sagen, den sie pflegen: "Unsere Beiträge sind Interventionen ins Feld der immer stärker ökonomischem und ideologischem Druck unterworfenen medialen Meinungsproduktion der Schweiz."

Das sitzt. Aber kommt die Rettung für den gebeutelten Journalismus tatsächlich aus dem Elfenbeinturm? Und was passiert mit old media, wenn sich Wissenschaftler direkt und ohne mediale Umwege an ihr Publikum wenden? Sie also keinen Feuilletonchef und keinen Meinungsredakteur um publizistischen Raum bitten und, statt sich mit Redaktoren um Redigaturen zu streiten, laut ausrufen: Wir sind das Medium!

"Wir haben einfach Lust darauf, uns einzumischen mit dem, was wir können", sagt Sylvia Sasse von Geschichte der Gegenwart. "Wir sind weder Politiker noch Journalisten, glauben aber, dass wir etwas zu sagen haben zu aktuellen Fragen. Mit unserer Art zu denken und zu schreiben."

Wie macht man die Journalisten auf sich aufmerksam? Mit Medienkritik

Lesen tut sich das Onlinemedium allerdings ungleich angriffslustiger. Unter den ersten Artikeln findet sich: eine Abrechnung mit der Weltwoche, die vor anderthalb Jahren eine Kampagne gegen zwei der Herausgeber führte. Eine Auseinandersetzung mit der Durchsetzungsinitiative der SVP, diesem "Monstrum". Oder ein Text über die Frage: Wieso werden Ausländer der dritten Generation eigentlich nicht automatisch eingebürgert?

Bald soll eine spezielle Rubrik dazukommen: die historische Begriffskunde. Sasse und ihre Kollegen wollen Schlagwörter sezieren, die neu in der öffentlichen Debatte auftauchen. "Als Ostdeutsche fällt es mir vielleicht in besonderem Maße auf, wenn in der Schweiz auf einmal der Begriff "Diktatur" eine Rolle spielt", sagt die Slawistin. Wie kam es dazu, wie wird er instrumentalisiert und umgedeutet?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 07 vom 11.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das wohl bekannteste Professoren-Blog der Schweiz gründeten die St. Galler Volkswirtschaftsprofessorin Monika Bütler und ihr Mann, der Zürcher Bankenprofessor Urs Birchler. Mit ökonomischem Sachverstand und in erfrischend verständlicher Sprache mischen sie sich seit sechs Jahren auf batz.ch in die öffentliche Debatte ein. Ihr Ziel: "Eine Brücke zwischen akademischer Forschung und öffentlicher Meinung schlagen." Wie schwierig das sein kann, erlebten Bütler und Birchler, als sie Kollegen einluden, sich mit eigenen Beiträgen zur schweizerischen Wirtschaftspolitik in die Debatte einzubringen: "Die Idee wurde enthusiastisch begrüßt – aber kaum benutzt", sagt Birchler.

Auf batz.ch schreiben die Ökonomen – zu den Autoren gehört auch der Lausanner Volkswirt Marius Brülhart – über das, was sie wissenschaftlich umtreibt. Über neue Erkenntnisse, aber auch über aktuelle, politische Fragen. Ein Drittel der Beiträge wird von den klassischen Medien aufgenommen.

In der Zwischenzeit dient batz.ch auch als wirtschaftspolitisches Lexikon der Gegenwart: Ob es um die Heiratsstrafe oder die Eigenmittel der Banken geht, hier findet sich ein Expertenkommentar.

Immer wieder rüffeln die Professoren-Blogger auch Zeitungsartikel, die sie für grob irreführend halten. "Diese aufklärerische Rolle ist das, was uns als Wissenschaftler Freude bereitet", sagt Birchler. Bei Geschichte der Gegenwart findet Medienkritik sogar in einer eigenen Rubrik statt. Das hat durchaus Kalkül. Wer Journalisten kritisiert, macht auf sich aufmerksam. Er wird gelesen und rezipiert. Geht es um eine möglichst große Reichweite, haben die klassischen Massenmedien noch immer einen gehörigen Vorsprung.

Das staatlich finanzierte Swissinfo übernimmt die Wissenschaftler-Beiträge

Das weiß auch Sarah Bütikofer, die Mitbegründerin von Defacto. Vor vier Monaten ging das Politologie-Magazin online. "Am meisten Resonanz finden jene Texte, die wissenschaftliche Resultate nicht nur sauber zusammenfassen und Forschungsmethoden transparent machen", sagt Bütikofer, "sondern in denen sich die Autoren auch mal exponieren." Und auf Grundlage ihres Wissens entweder Schlüsse für die Politik ziehen oder wenig bekannte Fakten präsentieren. Wie die Texte über die Zauberformel des Bundesrates und über den Einfluss der SVP auf die Sozialpolitik der Schweiz, die von diversen Medien aufgenommen wurden. Im Schnitt, sagt Bütikofer, werde jeder zehnte Text anderswo aufgenommen.

Das Ziel von Defacto ist jedoch ein anderes, ein viel höheres: Wer in der Politikwissenschaftler-Szene etwas zu sagen hat, soll für Bütikofer & Co. schreiben. Und man wolle die Texte auch weiterverbreiten. Die Wissenschaftsplattform als Textagentur, eine Art von Scientific-Publishing: "Ja, so könnte man es sehen. Wir sehen uns auch als Dienstleister", sagt Bütikofer. Das staatlich finanzierte Nachrichtenportal Swissinfo übernimmt bereits heute ganze Texte von Defacto – und kennzeichnet sie als solche.

Oder wie es die Michel-Foucault-Liebhaber von Geschichte der Gegenwart formulieren würden: Die Wissenschaft wird diskursprägend.