Ein Mann schreibt einen Brief. "Mein Sohn", fängt er an, "Du bist ein schwarzer Junge, und du bist zwangsläufig auf eine Weise für deinen Körper verantwortlich, die andere Jungs nicht erahnen können." Weiße Eltern klären ihre Kinder vielleicht darüber auf, wie man gesund bleibt. Schwarze Familien reden darüber, wie man seine Haut in Sicherheit bringt.

Der hier schreibt, ist Ta-Nehisi Coates, ein unter anderem von Toni Morrison stürmisch in der ersten Riege schwarzer Intellektueller begrüßter New Yorker Journalist. Er steht also mitten in einer Tradition afroamerikanischer Autoren, die seit Generationen mit einem Dilemma ringen: Soll man die Integration der Schwarzen in die weiße Gesellschaft propagieren, um irgendwann hoffentlich gleichberechtigt zu sein? Oder kann man sich gegen den Rassismus der Weißen nur mit einer ganz eigenen Kultur kämpferischen Stolzes wappnen? Coates modelt diesen Konflikt in einen familiären um: Wie macht man einem Kind klar, in welche feindselige Welt man es gesetzt hat und wie man darin "in einem schwarzen Körper leben soll"? Wie balanciert man den Wunsch, das Kind möge frei aufwachsen, gegen die Sorge aus, es könnte seine Risiken unterschätzen?

Zusammen mit einem Plädoyer für Reparationen, das Coates zuerst in The Atlantic veröffentlichte, kommt sein aufwühlender Brief an Samori, seinen Sohn, jetzt auf Deutsch heraus. In den USA war Zwischen mir und der Welt schon letztes Jahr ein Bestseller, und Coates bekam den National Book Award dafür. Das kann man als Erfolg seiner politischen Agenda werten, mit der sich Coates allerdings auf die Seite der Unversöhnlichen stellt.

Jeder kennt heute Zahlen, die belegen, dass Schwarze in Amerika eine Minderheit der Bevölkerung sind, aber eine Mehrheit der Gefängnisinsassen stellen. Alle Welt weiß, wie Trayvon Martin 2012 in Florida von einem weißen Sicherheitsmann erschossen wurde, dass Eric Garner 2014 auf Staten Island bei seiner Festnahme erstickte und Freddie Gray 2015 in Baltimore in Haft ums Leben kam. Coates kämpft in diesen Zeiten als Journalist des etablierten Ostküsten-Magazins The Atlantic und als besorgter Vater mit der Waffe der Emotionalisierung. Als wolle er der Öffentlichkeit endgültig ins Bewusstsein hämmern, wie grundsätzlich Gewalt gegen Schwarze zu den USA gehört. Der Amerikanische Traum beruhe auf ihrer Ausbeutung: "Die Träumer akzeptieren unsere Körper als Währung, denn das ist ihre Tradition. Als Sklaven waren wir die erste Prämie dieses Landes, die erste Anzahlung auf dessen Freiheit."

Im seinem Plädoyer für Reparationen gibt Coates die Geschichte kühler wieder: Auch nach dem Verbot der Sklaverei 1865 habe die amerikanische Gesellschaft ihre Stabilität der Erniedrigung der Schwarzen zu verdanken. Der Klassenkampf sei nur deshalb nie ausgebrochen, weil die weiße Unterschicht sicher sein konnte, dass sie noch etwas unter sich hatte. Mit der herrschenden Klasse einte sie die Unterdrückung der subalternen Schwarzen, die unter Einsatz ihres Lebens den Wohlstand des Landes schafften.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Als man beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg billige Kredite vergab, damit sich der kleine Mann ein Eigenheim leisten konnte (was die heute dominierende kleinbürgerliche, suburbane amerikanische Gesellschaftsform schuf), blieben Schwarze systematisch ausgeschlossen. Man bekam nämlich keine Kredite für Häuser in Vierteln, in denen Schwarze wohnten. Das hielt nicht nur die Afroamerikaner aus den weißen Vierteln, sondern auch das Ressentiment lebendig. Denn ein schwarzer Nachbar bedeutete die Abwertung der eigenen Immobilie.

Heute sind solche diskriminierenden Bedingungen verboten, aus der Zeit der Ghettoisierung geblieben ist der latente Verdacht der Polizei gegen Schwarze. Nachdem am 9. August 2014 der achtzehnjährige Michael Brown in Ferguson von einem weißen Polizisten erschossen worden war, wartete Ta-Nehisi Coates’ Sohn am 24. November vor dem Fernseher auf die Anklageverkündung. Der Polizist wurde nicht zur Verantwortung gezogen. Und der Vater fand den Sohn in seinem Zimmer weinend wieder.