Der New Yorker Journalist Ta-Nehesi Coates © NIna Subin

Ein Mann schreibt einen Brief. "Mein Sohn", fängt er an, "Du bist ein schwarzer Junge, und du bist zwangsläufig auf eine Weise für deinen Körper verantwortlich, die andere Jungs nicht erahnen können." Weiße Eltern klären ihre Kinder vielleicht darüber auf, wie man gesund bleibt. Schwarze Familien reden darüber, wie man seine Haut in Sicherheit bringt.

Der hier schreibt, ist Ta-Nehisi Coates, ein unter anderem von Toni Morrison stürmisch in der ersten Riege schwarzer Intellektueller begrüßter New Yorker Journalist. Er steht also mitten in einer Tradition afroamerikanischer Autoren, die seit Generationen mit einem Dilemma ringen: Soll man die Integration der Schwarzen in die weiße Gesellschaft propagieren, um irgendwann hoffentlich gleichberechtigt zu sein? Oder kann man sich gegen den Rassismus der Weißen nur mit einer ganz eigenen Kultur kämpferischen Stolzes wappnen? Coates modelt diesen Konflikt in einen familiären um: Wie macht man einem Kind klar, in welche feindselige Welt man es gesetzt hat und wie man darin "in einem schwarzen Körper leben soll"? Wie balanciert man den Wunsch, das Kind möge frei aufwachsen, gegen die Sorge aus, es könnte seine Risiken unterschätzen?

Zusammen mit einem Plädoyer für Reparationen, das Coates zuerst in The Atlantic veröffentlichte, kommt sein aufwühlender Brief an Samori, seinen Sohn, jetzt auf Deutsch heraus. In den USA war Zwischen mir und der Welt schon letztes Jahr ein Bestseller, und Coates bekam den National Book Award dafür. Das kann man als Erfolg seiner politischen Agenda werten, mit der sich Coates allerdings auf die Seite der Unversöhnlichen stellt.

Jeder kennt heute Zahlen, die belegen, dass Schwarze in Amerika eine Minderheit der Bevölkerung sind, aber eine Mehrheit der Gefängnisinsassen stellen. Alle Welt weiß, wie Trayvon Martin 2012 in Florida von einem weißen Sicherheitsmann erschossen wurde, dass Eric Garner 2014 auf Staten Island bei seiner Festnahme erstickte und Freddie Gray 2015 in Baltimore in Haft ums Leben kam. Coates kämpft in diesen Zeiten als Journalist des etablierten Ostküsten-Magazins The Atlantic und als besorgter Vater mit der Waffe der Emotionalisierung. Als wolle er der Öffentlichkeit endgültig ins Bewusstsein hämmern, wie grundsätzlich Gewalt gegen Schwarze zu den USA gehört. Der Amerikanische Traum beruhe auf ihrer Ausbeutung: "Die Träumer akzeptieren unsere Körper als Währung, denn das ist ihre Tradition. Als Sklaven waren wir die erste Prämie dieses Landes, die erste Anzahlung auf dessen Freiheit."

Im seinem Plädoyer für Reparationen gibt Coates die Geschichte kühler wieder: Auch nach dem Verbot der Sklaverei 1865 habe die amerikanische Gesellschaft ihre Stabilität der Erniedrigung der Schwarzen zu verdanken. Der Klassenkampf sei nur deshalb nie ausgebrochen, weil die weiße Unterschicht sicher sein konnte, dass sie noch etwas unter sich hatte. Mit der herrschenden Klasse einte sie die Unterdrückung der subalternen Schwarzen, die unter Einsatz ihres Lebens den Wohlstand des Landes schafften.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Als man beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg billige Kredite vergab, damit sich der kleine Mann ein Eigenheim leisten konnte (was die heute dominierende kleinbürgerliche, suburbane amerikanische Gesellschaftsform schuf), blieben Schwarze systematisch ausgeschlossen. Man bekam nämlich keine Kredite für Häuser in Vierteln, in denen Schwarze wohnten. Das hielt nicht nur die Afroamerikaner aus den weißen Vierteln, sondern auch das Ressentiment lebendig. Denn ein schwarzer Nachbar bedeutete die Abwertung der eigenen Immobilie.

Heute sind solche diskriminierenden Bedingungen verboten, aus der Zeit der Ghettoisierung geblieben ist der latente Verdacht der Polizei gegen Schwarze. Nachdem am 9. August 2014 der achtzehnjährige Michael Brown in Ferguson von einem weißen Polizisten erschossen worden war, wartete Ta-Nehisi Coates’ Sohn am 24. November vor dem Fernseher auf die Anklageverkündung. Der Polizist wurde nicht zur Verantwortung gezogen. Und der Vater fand den Sohn in seinem Zimmer weinend wieder.

Kein Ende rassistischer Machtverhältnisse in Sicht

Das ist der Anlass für seinen Brief, der ein berühmtes Vorbild in James Baldwins The Fire Next Time hat. 1962 schrieb Baldwin an seinen Neffen, zum Weltbild der Weißen gehöre es, dass schwarze Menschen unterlegen seien. Wenn Schwarze sich dem nicht fügten, erschüttere das die Weißen in ihren Grundüberzeugungen. "Das ist kein Grund", mahnte Baldwin den Jüngeren, "zu versuchen, wie die Weißen zu werden, und ihre impertinente Unterstellung, sie hätten Dich zu 'akzeptieren', entbehrt jeder Grundlage."

Zwischen Baldwin und Coates liegen Generationen. Ta-Nehisi Coates selbst wuchs als Sohn eines Black-Panther-Aktivisten in einem miesen Viertel von Baltimore auf, sein Kind wird als bildungsbürgerlicher Spross in Brooklyn groß – ein beträchtlicher sozialer Aufstieg. Heute ist ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten. Aber damit ist die Geschichte wieder einmal nicht vollendet. "Du darfst nicht vergessen, wie viel sie dir genommen haben und wie sie unsere Körper in Zucker umwandelten, in Tabak, Baumwolle und Gold", schreibt Coates. Und spendet damit seinem Kind wenn überhaupt Trost, dann nur durch schonungslose Ehrlichkeit. In der deutschen Übersetzung kommt einem der gewichtige Stil, in dem er seinen Sohn angeht, sehr grob vor. Andererseits: Wie wenn nicht alarmierend sollte man seinem Kind mitteilen, dass man es nicht vor Unrecht schützen kann? Auf Englisch hallen in dem Ton die großen Reden der Emanzipationsbewegung wider, inklusive des wie ein We shall overcome wiederholten Refrains: Nimm die Geschichte der Unterdrückung ernst! Kämpfe!

Sind die Schultern eines Fünfzehnjährigen nicht zu schmal für ein solches Gewicht? Sein ganzes Leben habe er die Frage beackert, was es bedeutet, in Amerika schwarz zu sein, schreibt Coates. Es ist, als wollte er seinem Kind die Mühe ersparen und ihm den Stolz weitergeben, mit dem ihn die schwarze Kultur erfüllt hat. Bis er als junger Vater die Wirkung des Rassismus wieder schärfer empfand. Mit dem Kleinkind Samori spazierte er durch New York und sah "eine Mutter und einen Vater, vertieft in ihre Unterhaltung, während ihre Söhne mit ihren Dreirädern ganze Gehsteige beherrschten. Die Galaxie gehört ihnen, während unseren Kindern der Schrecken eingeimpft wurde, war es bei ihnen Überlegenheit." Für den Unterschied zwischen der Vorsicht, die er dem Sohn beibringt, und der Forschheit der Weißen "schäme ich mich", so Coates.

Gerade alltägliche Beobachtungen wie diese eignen sich, um weiße Leser zu verunsichern. Weil unter dem fremden Blick ihre Selbstsicherheit ins Wanken gerät. Darin besteht jene Provokation durch die schwarze Intelligenz, die 1992 die Theoretikerin Bell Hooks in dem einflussreichen Essay Weißsein in der schwarzen Vorstellungswelt gefordert hat. Es geht darin um die Idee der white supremacy, den Hochmut, mit dem Weiße die anderen für dunkel und sich selbst für irgendwie farblos halten. Wenn ihnen dann klar werde, so Bell, dass die schwarze Kollektiverfahrung mit weißer Haut den Terror der Ausbeutung assoziiert, kehre sich die Waffe ihres Rassismus plötzlich um und sie seien in ihrer seligen Naivität verletzt. Damit müssen auch die Leser von Coates’ Essays rechnen, nicht nur in Amerika. Denn die Abwertung von Minderheiten basiert überall auf einer "Normalität", in der die Mehrheit nicht gestört werden will.

Selbst wo die Dichotomie von Normalen und anderen zerschlagen werde, sei kein Ende rassistischer Machtverhältnisse in Sicht, warnte Bell Hooks. Heute würden sie durch die Beschwörung von Pluralität und Vielfalt verschleiert. Schwarze könnten ihre Erfahrung wieder schlechter artikulieren, "weil man sie einfach mit der Anschuldigung des umgekehrten Rassismus zum Schweigen bringt, oder suggeriert, sie wollten in ihrer Opferrolle eine Sonderbehandlung erzwingen".

Zwischen mir und der Welt ist ein Zeugnis auch gegen diese Heuchelei und hat die entsprechenden Reaktionen auf sich gezogen. Das Washingtoner Magazin Politico wies Coates eine "vergiftete Weltsicht" nach. Besonders übel nahm man ihm, dass er die Feuerwehrmänner des 11. Septembers mit den repressiven Staatsapparaten in Verbindung bringt und schreibt: "Ich aber betrachtete die Ruinen von Amerika mit kaltem Herzen. Ich hatte meine eigenen Katastrophen."

Seine Forderung nach Reparationen wird aber im amerikanischen Vorwahlkampf schon heiß diskutiert. Selbst die Kandidaten der demokratischen Partei lenken ab: Man solle lieber die Wirkung des Rassismus lindern und strukturschwachen Milieus helfen, ließen Hillary Clinton und Bernie Sanders wissen, statt symbolisch Wiedergutmachung zu leisten. Coates will aber genau so einen symbolischen Schritt, der die schwarze Erfahrung zum sichtbaren Teil des amerikanischen Bewusstseins machen würde. Und was stünde wohl eindeutiger vor Augen als ein konkreter Geldbetrag? Wenn man am Ende auf keine Summe käme, weil sich das geschehene Unrecht als nicht wiedergutzumachen herausstellte, wäre das eben genau jenes monumentale Zeichen, das er einklagt.

Ta-Nehesi Coates: Zwischen mir und der Welt.
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow; Hanser Verlag, Berlin 2016; 240 S., 19,90 €, E-Book 15,99 €