Anhänger der AfD demonstrieren in Berlin im November 2015. © Hannibal Hanschke/Reuters

Willkommen im Club. Ungarn ist mit Viktor Orbán schon drin, Polen ist ihm gerade beigetreten. Am Einlass drängeln sich schon die Nächsten. In Österreich warten die Freiheitlichen auf ihre Chance, in der Schweiz feiert die SVP Erfolge, und in Frankreich treibt Marine Le Pen die Traditionsparteien vor sich her. In Dänemark und Finnland regieren rechte Parteien bereits mit, und wenn in den Niederlanden heute gewählt würde, wäre der Rechtspopulist Geert Wilders der neue Ministerpräsident. In diesen Tagen blicken alle Augen auf Deutschland, auf den Kampf der AfD gegen Angela Merkel. Denn stürzt Merkel, stürzt Europa.

Der Club der Rechtsparteien versetzt Regierungen in Panik, zumal die Grenzlinie zwischen rechts und rechtsradikal zusehends unscharf wird. Mögen ihre Programme auch noch so unterschiedlich sein, der Kampf gegen die Gegner schweißt die Rechten zusammen: Sie kämpfen gegen den Islam und die Globalisierung, und gegen Lügenpresse, Genderwahn und Menschenrechtsapostel kämpfen sie sowieso. Doch an erster Stelle bekämpfen sie die Europäische Union, genannt "das Monster". Das Monster habe stolze Völker zum Protektorat erniedrigt, und darum müssten diese ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen. So gut es geht ohne die EU, jeder für sich allein und Gott für alle. Es ist Zeit für den kommenden Aufstand. Zeit für die Konterrevolution.

Es liegt nahe, den Typus des rechten Politikers in den Blick zu nehmen, die toxische Mischung aus Ressentiment und Größenwahn, aus Rachsucht und lächelndem Hass. Aber viel interessanter ist die Frage, warum rechte Botschaften auf fruchtbaren Boden fallen. Welche Sehnsüchte rufen sie auf, warum fühlen sich viele Wähler von ihnen endlich verstanden?

Baden-Württemberg - AfD strebt Einzug in den Landtag an Jörg Meuthen ist bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März der Spitzenkandidat der AfD. Von seinen Parteikollegen im Osten würde er sich am liebsten klar abgrenzen.

Rechte und rechtskonservative Weltbilder sind gut erforscht, Politikwissenschaftler haben sie bis aufs Gerippe zerlegt, viel zu entdecken gibt es hier nicht mehr. Ihr ideologisches Herz stammt aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und seitdem ist nichts grundstürzend Neues hinzugekommen, einmal abgesehen vom Ziel einer "kulturellen Hegemonie", einer Idee, die man originellerweise dem Marxisten Antonio Gramsci entwendet hat. Die Brückenschläge ins "feindliche Lager" wurden raffinierter und die antikapitalistischen Wutgesänge nach der Finanzkrise 2008 schriller. Dafür ist es um das Lob der Ungleichheit stiller geworden, denn für Ungleichheit sorgt der Kapitalismus ja inzwischen selbst.

Kurzum, nicht das rechtskonservative Weltbild hat sich verändert; verändert hat sich der Resonanzraum, in dem es seine Wirkung entfaltet und für Wähler plausibel wird. Staatenzerfall, Flüchtlingstrecks, islamistischer Terror; Krise des Wachstums, Krise der Globalisierung, empörende soziale Spaltungen – jede dieser Krisen sprengt nationale Grenzen und überfordert die Politik. Weil keine transnationale Ordnung existiert, die die Menschen vor diesen Bedrohungen schützt, bleibt für die neue Rechte nur ein Weg noch offen: die nationale Selbsthilfe, der Rückzug in die feste Burg des autoritären Staates. Drinnen ist das Paradies und draußen die Hölle. Der Teufel, der kommt immer von draußen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Von draußen kommt auch der "Kapitalismus", selbst enttäuschte Wirtschaftsliberale in der AfD wettern inzwischen gegen die "Diktatur der Banken". Der Front National hat seine Parolen fast komplett auf Kapitalismuskritik umgestellt, früher hetzte er gegen die jüdische Weltverschwörung, heute gegen den Weltfeind Amerika, den Erfinder der Globalisierung, die alles Stehende und Ständische hat verdampfen lassen. Dankbar greifen die Rechtsparteien die berechtigte Kritik am geplanten Freihandelsabkommen TTIP auf, um sie zu radikalisieren und völkisch scharfzumachen. Die Europäische Union, so heißt es dann, sei bloß eine heimtückische Erfindung der USA, sie selbst habe sich nie gewollt. Nun vollende TTIP die Unterwerfung des amerikanischen Zwillingskontinents unter die Gesetze der Wall Street. Auch die Flüchtlingstrecks verdanke Europa allein den Vereinigten Staaten; im Irakkrieg öffneten sie die Büchse der Pandora, und in Afrika zerstöre der Kapitalismus die Landwirtschaft. Seitdem überrollen "fremde Horden" den "abendländischen Kulturraum".

Doch warum ist der Kapitalismus gleichwohl attraktiv? Die rechte Erklärung lautet: Weil die "Völker" vom Liberalismus verführt wurden, vom leeren Versprechen einer multikulturellen Gesellschaft mit ihren verweichlichten Männern, vermännlichten Frauen, mit Hyperindividualismus, Homo-Ehe und "diversity". In der Lesart des russischen Philosophen Alexander Dugin, eines der intellektuellen Wortführer der europäischen Rechten, ist der Multikulturalismus das Trojanische Pferd des Kapitalismus. Unter dem Vorwand, den Völkern die Freiheit zu bringen ("Alles ist möglich"), sei er in ihr Innerstes eingedrungen und habe alle "natürlichen" Werte zerstört.