Cornelia Liebold hat lange durchgehalten. Jeden Tag, so berichtet sie es, sei sie zuletzt mit einem mulmigen Gefühl in die Gedenkstätte Bautzen gefahren. Insgesamt 19 Jahre lang betreute sie hier als wissenschaftliche Mitarbeiterin Zeitzeugen, bereitete Ausstellungen vor, arbeitete viel.

Aber das Gefühl, das immer mehr dominierte, sei Angst gewesen. Angst, ins Büro zu gehen. "Es macht mich immer noch fassungslos, was ich in der Stiftung erlebt habe", sagt sie. In ihrem Job sei es darum gegangen, Lehren aus der Diktatur zu vermitteln. "Stattdessen", sagt Liebold, 47, Historikerin, "habe ich selbst erfahren, wie sich diktatorische Machtausübung anfühlt."

Diktatorische Machtausübung: Das zielt auf den Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, die die Gedenkstätte Bautzen betreut. Siegfried Reiprich, einst DDR-Bürgerrechtler und Gründungsmitglied des oppositionellen Arbeitskreises Literatur und Lyrik in Jena, leitet die Stiftung seit 2009. Den Führungsstil von Reiprich, sagt Liebold, habe sie als "autokratisch bis totalitär" empfunden. Nichts habe man selbstständig entscheiden können: "Jedes Detail musste man sich genehmigen lassen, jeden Kontakt zu anderen Einrichtungen oder gar Medien und Landtagsabgeordneten melden. Stellt man in der laufenden Arbeit sachliche Fragen, erhält man oftmals belehrende, anmaßende und beleidigende Antworten." Ständig sei mit disziplinarischen Maßnahmen gedroht worden. "Der Umgang der Geschäftsführung mit uns Mitarbeitern wirkte auf mich regelrecht wie Zersetzung", sagt Liebold. "Das war zermürbend und frustrierend."

Vor einem halben Jahr kündigte sie. Sie habe keine Hoffnung mehr gehabt, dass sich an den "katastrophalen Arbeitsbedingungen" etwas ändere, sagt Liebold. Mittlerweile ist sie nach Unterfranken gezogen, wo sie als Vormund für minderjährige Flüchtlinge arbeitet. Mit ihrer Zeit in Bautzen will sie abschließen. Darüber zu reden, wühle sie auf.

Aber man muss über diese Sache reden, denn die Stiftung – 1994 vom Freistaat Sachsen ins Leben gerufen, um Erinnerungsorte an zwei deutsche Diktaturen lebendig zu halten, und jährlich mit mehreren Millionen Euro finanziert – diese Stiftung gerät immer mehr ins Gerede. Seit Langem schwelen Auseinandersetzungen zwischen Geschäftsführer Reiprich und Mitarbeitern verschiedener Gedenkstätten in seinem Zuständigkeitsbereich. Bereits vor zwei Jahren stellte der Personalrat in seinem Tätigkeitsbericht eine "Eskalation" fest und sah den "Betriebsfrieden massiv gestört". Persönliche Herabsetzungen einzelner Beschäftigter gehörten "unglücklicherweise zum alltäglichen Umgang".

Vordergründig geht es um die Frage, wie eine Stiftung geführt wird, die helfen soll, Lehren aus den beiden deutschen Diktaturen zu ziehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 7 vom 11.2.2016.

Tatsächlich geht es um noch mehr: um die Frage, wer die Deutungshoheit in Sachsen haben soll darüber, wie Geschichte gesehen wird in einer Region, die zwischen 1933 und 1989 zwei Diktaturen hintereinander erlebte. Und in der politisch-historische Bildung, in Zeiten wie diesen, eigentlich einen besonderen Stellenwert haben sollte. Immer wieder beschäftigen Stiftungsangelegenheiten in letzter Zeit die Gerichte. Mal scheitert Reiprich damit, die Wahl des Personalrats für unrechtmäßig zu erklären. Mal verklagt der Personalrat die Stiftung, weil er sein Mitbestimmungsrecht bei Einstellungen und Kündigungen durch den Geschäftsführer verletzt sieht. Soeben gab das Arbeitsgericht Dresden erstinstanzlich einer langjährigen Mitarbeiterin recht, die gegen ihre Kündigung geklagt hatte – sie muss wieder eingestellt werden. Der Personalratsvorsitzende der Stiftung, Jens Nagel, wagt nicht, in der Zeitung über die Probleme zu sprechen: Andernfalls müsse er "mit weiteren arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen".

Im vergangenen Jahr machte die Stiftung mit einem Twitter-Skandal Schlagzeilen

Nach dem Weggang von Cornelia Liebold schrieb der Förderverein Gedenkstätte Bautzen einen Brief an Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD), qua Amt Vorsitzende des Stiftungsrates. Der Verein wirft der Stiftungsleitung einen "strikten Kurs der Zentralisierung" vor, "verbunden mit kleinlichem Kontrollwahn". Kreativität und Eigeninitiative würden erstickt. Uwe Hirschfeld, Politik-Professor an der Evangelischen Hochschule in Dresden und Mitglied des Stiftungsbeirats, stellt fest: "Die Stiftung ist stark zentralistisch organisiert und auf den Geschäftsführer zugeschnitten, der willkürlich agieren kann." Fünf Gedenkstätten betreibt die Stiftung in direkter Trägerschaft. In Bautzen für die berüchtigte Stasi-Haftanstalt. In Torgau für die einstige Zentrale der NS-Militärjustiz. In Pirna-Sonnenstein für jene nationalsozialistische Ermordungsanstalt, in der Zehntausende psychisch kranke und geistig behinderte Menschen vom Naziregime umgebracht wurden. Das letzte Wort darüber, was an diesen Gedenkorten heute geschieht, hat die Dresdner Stiftungszentrale.

Man würde gern mit Siegfried Reiprich sprechen, dem Geschäftsführer. Ende November bittet die ZEIT um ein Interview. Zwei Wochen lang antwortet er gar nicht. Dann schreibt er, zwar "zu sachlichen Gesprächen" bereit zu sein, derzeit aber keine Zeit zu haben, er könne sich "nicht zerteilen". Auf abermaliges Bitten schickt er ein Gedicht zurück, Von Leuten, die es überall gibt von Günter Kunert. Es sei eines seiner "Lieblingsgedichte". Einen Terminvorschlag schickt er nicht.

Vieles, was rund um die Stiftung geschieht, ist erklärungsbedürftig. Erst recht seit Anfang November 2015. Da gerät sie erstmals seit Langem bundesweit in die Schlagzeilen. Aber nicht dank der Qualität ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Bert Pampel, stellvertretender Geschäftsführer, der zweite Mann hinter Reiprich, hatte über den Stiftungskanal getwittert. Er schrieb, öffentlich lesbar, den Satz: "Regierung, die sich nicht an Recht & Gesetz hält, trägt Mitschuld, wenn Bürger sich gg illegale Einwanderung wehren".