Ein saudi-arabischer Tänzer auf dem Dschanadrijah-Festival in Riad © FAYEZ NURELDINE/AFP

Als Frank-Walter Steinmeier vorige Woche den deutschen Pavillon auf dem Dschanadrijah-Festival in Riad eröffnete, hatte er noch die zornigen Worte der deutschen Politiker im Ohr, die ihm das am liebsten verboten hätten. Saudi-Arabien! Angesichts der "Massenhinrichtungen und eklatanten Menschenrechtsverletzungen" befand Armin Laschet (CDU), sei es für einen deutschen Außenminister unangemessen, "mit dem Regime in Riad in der Wüste lustige Feste zu feiern". Das hatte auch Katrin Göring-Eckardt (Grüne) eifrig nachgesprochen: Diplomatie sei zwar wichtig, aber bitte "keine fröhlichen Feste mit Kabinettsmitgliedern"! Wirklich? Ein lustiges Fest in der Wüste? Wie lustig das ist, das wollten wir uns einmal aus der Nähe anschauen.

Riad ist eine Stadt mit fünf Millionen Einwohnern und einer Architektur, die sich durch flächendeckende Abrisse und Neubauten ständig gehäutet hat. Wer die nur unabsichtlich erhaltenen Lehmhäuser im historischen Kern noch sehen will, sollte vielleicht schon heute ein Visum beantragen. Keine Gnade mit Fußgängern: Geradlinige Highways zerschneiden kilometerlang die mit schäbigen Flachbauten überzogene Wüste, aus der umso imposanter die Wolkenkratzer in den Himmel ragen. Die Skyline am Saum der King-Fahd-Straße und des King Abdullah Financial District stehen in ständiger Konkurrenz mit den architektonischen Höhenrekorden der anderen Golfstaaten.

Bald sieht man auch Kamelherden, die von Beduinen gehütet werden, sie verkaufen ihre Tiere direkt an der Autobahn. Nach vierzig Kilometern: Abfahrt Dschanadrijah. Als König Abdullah hier 1985 das Kulturfestival gründete, war er noch Kronprinz und der Ort nur ein Treffpunkt der Beduinen, die hier ihre Kamelrennen abhielten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

"Innovation hat Tradition" lautet das Motto des deutschen Gastauftritts auf dem Festival. Also noch einmal eine Zeitreise, diesmal in die kleine Stadt Calw im Nordschwarzwald. Hier baut die Firma Perrot in der fünften Generation Turmuhren und Glockenläuteanlagen. Hermann Hesse, der berühmteste Sohn der Stadt, ging bei Perrot in die Lehre, zeigte aber nur wenig Talent im Umgang mit Stech-, Tast- und Lochzirkeln. Dafür verewigte er den "Erfinder Bastian Perrot" später als Romanfigur in seinem Glasperlenspiel. Doch erst dessen Enkel, der heutige Geschäftsführer Johannes Immanuel Perrot, hat der Firma vor vier Jahren ihr auffälligstes Denkmal gesetzt – ohne das technische Meisterwerk bis heute mit eigenen Augen gesehen zu haben. Perrot hat die Turmuhr von Mekka konstruiert, und sie ist so gewaltig, dass man ihr, wenn gerade kein Sandsturm durch die Wüste fegt, angeblich noch aus acht Kilometer Entfernung die Zeit ablesen kann, um viertel nach neun stehen die Spitzen des Stunden- und Minutenzeigers ganze 43 Meter weit auseinander.

Doch noch viel größer ist – zu Perrots Leidwesen – der Bannkreis, der für Nichtmuslime um die heilige Stadt gezogen wurde. Das Mecca Royal Clock Tower Hotel ist das dritthöchste Gebäude der Welt, es gehört der Saudi Binladin Group. Und, ja: Es war Osama bin Ladens Vater, der dieses Bauunternehmen im Jahr 1931 gegründet hat.

Jetzt also ist Perrot wieder einmal in die Wüste geflogen, als Mitglied einer Delegation baden-württembergischer Mittelständler, die auf einem Expo-Gelände am Rand der Millionenstadt Riad ihre Technologien präsentieren.

Das Protokoll wurde immer wieder geändert, also warten die deutschen Gäste in ihrem Landespavillon schon seit siebeneinhalb Stunden auf den König und ihren Außenminister. Auch Perrot steht in diesem Spalier aus Businessanzügen, das nun die letzte Durchsage entgegennimmt: "No photos, don’t talk." Und schon gar nicht mit dem König, es sei denn, er macht den Anfang. In einer plötzlichen Druckwelle aus wallend weiß gewandetem Sicherheitspersonal flitzt ein Golf-Caddie über den Parcours. König Salman an Bord, der Hüter der heiligen Stätten, und Steinmeier, mal hier- mal dorthin deutend, aber kaum in der Lage, den Lauf der Dinge zu verlangsamen.

Durch das mittelalterliche Tor an der Außenfassade des deutschen Pavillons zieht der Tross über die Zugbrücke auf den mittelalterlichen Marktplatz (Vorbild Melsungen). Dort rieselt leise künstlicher Schnee von der Decke. Eine Schautafel mit Grundgesetz-Paragrafen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit". Das ausgerechnet hier anzuschlagen wird von den Deutschen allseits als mutiges politisches Signal gelobt.

Angehalten wird zweimal, aber nur kurz. Erst bei Siemens, wo der König einen historischen Telegrafen beäugt, hinter dem ausgerechnet ein Bild des in Saudi-Arabien bis heute schwer verpönten zweiten Königs Saud hängt. Lachend und mit einem Telefonhörer in der Hand – ein echter Beduine noch, der in den sechziger Jahren aber wegen allgemeiner Lebenslustigkeit aus dem Amt gedrängt wurde und im Exil gestorben ist. Zweiter Stopp: Lufthansa. Eine Vase geht zu Bruch, helle Aufregung überall. Dann gibt der Caddy wieder Gas. Das war’s, ein kurzes Vergnügen. The king has left the building.

Sichtlich mitgenommen stehen da die Firmenvertreter, für die das Vorbeirauschen des Königs der Höhepunkt ihrer Reise war. Die Tunnelbauer von Herrenknecht (Pipeline- und U-Bahn-Bauten), die Schwingtüren-Fabrikanten der Firma Buchele (orientalische Ornamente zwischen lasergeschnittenen Metallrahmen), die Repräsentanten der Deutschen Bank (energieschonender Firmensitz in Frankfurt), SAP (Kartoffelchipsautomaten mit Touchscreen), Volkswagen (futuristisches Elektroauto). Die heikelsten Produkte haben aber Airbus und die Bremer Schiffswerft Lürssen im Angebot. Deren stolze Luxusjachten liegen als Modelle in Glaskästen. Auf Fragen nach deren Besitzern und Preisen reagiert der Firmenvertreter mit beinahe puffmütterlicher Diskretion.

Ist es aber geschickt, dass sich der Vertreter auch zum Thema Kriegsmarineboote, die Lürssen an Saudi-Arabien liefert, tapfer auf die Zunge beißt? "Wir haben uns", bringt er hervor, "nun einmal entschieden, uns an diesem Ort mit diesen Produkten zu zeigen."

Etwas offensiver geht Airbus mit seinen Waffenexporten um. Auch hier stehen Produkte zur zivilen Nutzung im Vordergrund, etwa der E-Fan, der Prototyp eines elektrobetriebenen Flugzeugs, mit dem im Testflug bereits der Ärmelkanal überquert wurde. Ein Bildschirm an der Wand informiert ehrlicherweise aber auch über das andere Geschäft: Eurofighter? "Bestmögliche Waffenausstattung am Markt." Airbus Helicopters? "Für Angriffsmissionen konfigurierbar. Redundant und langlebig ausgelegte Militärsysteme für den Gefechtsfeldeinsatz." Das Tank- und Transportflugzeug A 330 MRTT? "Interoptional und gefechtsfelderprobt."

"Vorne im Pavillon", erklärt der freundliche Airbus-Mann die Idee des Ganzen, "vorne haben wir die Werte" (zum Beispiel die Grundgesetzparagrafen). "Ein Teil unserer Werte ist aber auch die deutsche Wertarbeit." Dass Deutschland Saudi-Arabien mit Waffen beliefert, während das Land im Jemen einen brutalen Krieg führt, das steht trotzdem als fieser Elefant im Raum des deutschen Pavillons.

Eigentlich hatten wir uns ja schon die größten Sorgen über die kulturellen Darbietungen gemacht, die vom Goethe-Institut organisiert wurden. Ein Gaukler und Lautenspieler, der ansonsten auf Mittelaltermärkten auftritt, ein Clown, eine Jazz-Combo, ein Stelzentheater und dergleichen mehr stehen auf dem Programm. Zu früh die Nase gerümpft?

Tatsächlich sind die saudischen Männer, die sich nach der Eröffnung im deutschen Pavillon umschauen, gar nicht verdutzt, sondern begeistert. Und auch die Darsteller selbst scheinen am Feierabend noch völlig beseelt von der Resonanz. Ein Publikum, das so heftig reagiere, erzählt der Mittelalter-Spielmann, das habe er in Deutschland noch überhaupt nicht erlebt. Auch der Clown nicht, der sich vom Publikum geradezu bedrängt fühlte. "Die Leute haben an ganz anderen Stellen gelacht als die in Deutschland."

Wie man das nennen soll? Eine Kulturpolitik der kleinen Schritte? Offenbar war es eine geniale Idee, dem Publikum mit Kleinkunst zu kommen. In Saudi-Arabien, wo es keine Kinos gibt und auch kaum andere Kulturveranstaltungen, wäre ein Tocotronic-Konzert nicht die bessere Wahl gewesen.