Sänger H.P. Baxxter von der Band Scooter in Hamburg bei einem Konzert auf der Trabrennbahn (2015) © dpa

Scooter. 30 Millionen verkaufte Alben, 24 Top-Ten-Hits. Frontmann: H. P. Baxxter, bürgerlich Hans Peter Geerdes, 51. Verehrt und gefeiert vor allem in Ländern mit stramm militärischer Tradition, etwa Russland. Sechzigtausend kommen im Schnitt zu den Konzerten in Moskau.

Vielleicht gibt es deshalb einen Song namens Wolga auf Ace, dem neuen, vierzehnten Album. Stalin hat die Deutschen vertrieben aus der Region, aber jetzt sind sie in Gestalt eines gepiercten Hünen wieder einmarschiert. Bam! Bam! Bam! Die meisten Tracks brettern mit 120 beats per minute, Stechschritt auf Adrenalin, aber so sind sie nun mal, die Vorzeigerabauken des deutschen Technopop. Immer für eine Erschütterung der Gehörgänge zu haben. Trommelfell, Trommelfeuer, ein Wortstamm, eine Idee: Akustik in Detonation verwandeln.

Vierzehn Stücke auf dem neuen Album, und besagtes Wolga entpuppt sich als Ausnahme von der Regel, dass Popsong, Tinnitus und Klingelton demselben Genre angehören. Wolga klingt nach Naturdoku im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, womöglich sollte es ein Liebeslied werden, Baxxter ist zurzeit mit einer Russin liiert. Vielleicht gelingt auf diesem Wege, woran im Außenministerium keiner mehr so recht glauben will: eine diplomatische Annäherung an den Putin-Staat.

Andererseits: Es geht nicht um Politik, es geht nicht um Bedeutung. Semantik ist lästig, Scooter-Tracks transportieren keine Ideen, sie verfrachten nur gute Laune. Deshalb passt die Band so gut in Hafenstädte wie Hamburg und Moskau: weil dort die Grundeinheit der Mehrwerterzeugung der Container ist. Ein Container enthält keine Moral oder Ideologie, sondern nur eine Ware, und die Ware von Scooter ist Spaß. Spaß, wie man ihn ansonsten nur haben kann, wenn man Tequila trinkend Achterbahn fährt.

Es gibt wieder die großen, selbst Dadaisten einschüchternden Zeilen à la "How much is the fish?" (eine Frage, die übrigens nie beantwortet wurde). "The cherries are not important / Let’s blow a hole in the bowl" heißt es nun – die Pophermeneutik wird noch lange an dieser Sentenz zu kauen haben. "Die Kirschen sind nicht wichtig" – ist das noch Existentialismus oder schon Kapitalismuskritik?

Verdammt, man ist den Meistern der musikalischen Stampede-Herstellung mal wieder aufgesessen. Frage nicht, was du für einen Scooter-Song auslegungstechnisch tun kannst, sondern, was dieser für dich tun kann. Im besten Fall peitscht er dich bei ausreichender Dezibel-Verstärkung in süße Selbstvergessenheit.

Zum Beispiel der Song Burn. Einmal gehört, und kaum hat man das Bewusstsein wiedererlangt, ist klar: Klassiker. Es gilt nach wie vor die Regel: Wenn der Song der Hammer sein soll, benutze am besten einen Presslufthammer. Die schlüssigsten Scooter-Tracks sind Angriffe auf die Physiologie, das gilt auch hier, wenn der Beat losgaloppiert, dass man glaubt, davon erholt sich das Kleinhirn nie wieder.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr.7 vom 11.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Oder What are you waiting for? – ganz fies angetäuscht am Anfang mit Akustikgitarre und einer harmlos gniedelnden Sitar, aber dann: Dröööööhn! Synthiefanfaren und Drum-Peitsche.

Nach dem Prinzip läuft auch Stargazer: Erst Dorfkirchen-Harmonium, umsäuselt von Countrygitarren, und nach ein paar Takten trifft Knobelbecherstampfen auf Streichergesäge. Wagner, gesandstrahlt.

Gipfel der Selbstironie: Don’t break the silence. Abgesehen vom Refrain im Stil LSD-inspirierter Zaubersprüche ("New tone vibes got the same direction / solid gold / easy action"), verschwistern sich hier Kosakenfolklore und Disco-Elan. Im Intro ein zittriges Juchzen (Helene Fischer auf Helium): "I block the sirens / where lights are blinding." Nimm das, Synästhesie! Bei blendendem Licht werden ab jetzt die Sirenen blockiert.

Oder ist das die Selbstauseinandersetzung des Stadionbespaßers zwischen Sehnsucht nach Ruhe und dem Zwang zum Kesseln?

Teuflisch, schon wieder hat man Sinn projiziert in dieses sinnlose, furiose Lärmritual namens Scooter!