Wann sie das erste Mal k. o. gegangen ist, weiß sie nicht mehr. Wie es sich anfühlt, schon. Ein Treffer, der Kopf schnappt zurück, dann kommt der Schwindel, das Pochen in den Ohren und dieses scheußliche Gefühl, in der Zeitlupe gefangen zu sein.

"Du musst als Erstes lernen, Schläge einzustecken", sagt sie. "Und Niederlagen." Auf dem Glastisch in ihrem Wohnzimmer hat die 29-jährige Shymaa Abouel Yazed Trophäen ausgebreitet, über 30 Pokale und Medaillen. Die wichtigste liegt in der Mitte. "Karate World Championship Bremen" ist darauf eingraviert. "Ich hasse Niederlagen", sagt sie.

Die Weltmeisterin wohnt in einem jener Stadtteile Kairos, deren Straßen in einem Gewühl aus Minibussen, Eselskarren, Marktständen, Müllhaufen und hastig hochgezogenen Neubauten enden. Im Flur ihres Hauses liegt Bauschutt, in der kleinen Wohnung herrscht Ordnung. Blank polierte Möbel, silbern schimmernder Kunststoffteppich, herzförmige Sofakissen. Sie zeigt auf den Trophäen-Tisch, als wäre damit über ihr Leben das Wichtigste gesagt. "Was wollen Sie denn noch von mir wissen?"

In Kairo ist jeder Tag Nahkampf. Auch ohne Karate

Alles. Zum Beispiel, wie man sich in Ägypten inmitten von Chaos und Repression auf einen WM-Kampf vorbereitet. Welche Sure des Korans sie vor einem Turnier betet. Und was Mohammed zu alldem sagt, ihr Mann. Auf dem Hochzeitsfoto sieht man sie ganz in Weiß, angeschmiegt an ihn im Smoking. Mohammed, so viel sei gleich gesagt, mag kein Karate.

"Sie wollen Kämpfe sehen?", fragt sie. "Meine Mädels treten morgen Nachmittag an." Die Weltmeisterin trainiert eine Jugendmannschaft, und so sitzen wir am nächsten Morgen mit 14 aufgekratzten Teenagern in einem Kleinbus und kriechen durch den Dauerstau einer 20-Millionen-Stadt, deren Smogwerte inzwischen an die von Peking heranreichen und deren Straßenlärm infernalisch ist. In Kairo ist jeder Tag Nahkampf. Auch ohne Karate.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

In der Turnhalle drängen sich Eltern auf den Zuschauerbänken. Die Frauen tragen Kopftuch, einige auch Gesichtsschleier, viele Männer den fusseligen Bart strenggläubiger Muslime. Etwa die Hälfte der rund hundert Jugendlichen, die sich auf den Matten aufwärmen, ist weiblich. Karate ist der Sport für Töchter religiöser Familien. Der weite, langärmelige weiße Anzug entspricht konservativen Kleidervorschriften. "Da ist meine Welad", sagt strahlend ein Vater in den für Salafisten typischen knöchellangen Hosen und filmt eine 13-Jährige mit schwarzem Hidschab, die mit gellendem Schrei ihren Fuß zum Kopf der Gegnerin sausen lässt.

Welad gehört zum Team von Shymaa, das fast jeden Kampf gewinnt. Die ausschließlich männlichen Trainer der anderen Teams rufen ihren Schützlingen ab und zu ein "Auf geht’s!" zu, Shymaa gestikuliert und schreit wie die ägyptische Version von Jürgen Klopp. "Angriff! Wieso lässt du dich von der abdrängen?" Eine ihrer Kämpferinnen, nach einem Treffer den Tränen nahe, fängt sich einen finsteren Blick ein. "Weinen ist verboten", sagt Shymaa.