Wenn offensive Vaterschaft auf passive Mutterschaft trifft, dann ist das große Koalition: Sigmar Gabriel bleibt zu Hause, weil die Tochter Scharlach hat, woraufhin Spiegel Online twittert: "Vizekanzler geht offensiv mit seiner Vaterschaft um." Die Zeitung Corriere della Sera wiederum veröffentlicht ein Interview mit Papst Franziskus, in dem er erzählt, wie sich Angela Merkel bei ihm beschwerte, weil er Europa mit einer gebärunfähigen Frau verglichen hatte. Die Kanzlerin habe ihn gefragt, ob er wirklich denke, dass Europa keine Kinder mehr bekommen könne.

Tatsächlich vermehren sich die Europäer nicht gerade wie die Karnickel. Allerdings war es Papst Franziskus, der erklärt hatte, man müsse Fortpflanzung "nicht wie die Karnickel" betreiben, um ein guter Katholik zu sein. Er sei ein Anhänger der verantwortungsbewussten Elternschaft. Und von der verantwortungsbewussten Elternschaft zur offensiven Vaterschaft ist es dann nur noch ein kleiner Schritt: Nachdem Gabriel sich bereits nach der Geburt seiner Tochter ein paar Wochen Auszeit genommen hatte, um Mariechen "abzufüttern", wäre es hasenfüßig, jetzt, wo das Kind krank ist, alles der Mutter zu überlassen. Schließlich muss die ihre Zahnarztpraxis am Laufen halten. Und, so sagt Gabriel, sie ertrage "den Spruch, dass ich immer ganz Wichtiges zu tun hätte, wenn’s zu Hause mal Probleme gibt, nur begrenzt". Ein Land mitzuregieren, das sich gerade wegen der Flüchtlingskrise zerlegt – das klingt wirklich nach einer Wichtig-wichtig-Ausrede, wenn die eigene Frau tagtäglich gegen Karius und Baktus zu kämpfen hat. Der Dentagard-Biber würde das bestimmt genauso sehen. Womit wir wieder im Tierreich wären, also bei den Karnickeln und beim Papst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Auch wenn die Kanzlerin nun erklärt, sie könne sich nicht an einen Anruf bei Franziskus erinnern, so ist die Frage nach Europa und den Kindern ja eine berechtigte. Erst recht, wenn man sie metaphorisch versteht – die EU-Mitgliedstaaten als Kinder der Mutter Europa. Besonders wohlerzogen sind diese Kinder allerdings nicht: Frankreich will nicht mehr aus dem Populismus-Bälle-Paradies, Polen sich sein Zimmer nicht mit den anderen teilen und Großbritannien gleich ganz von zu Hause abhauen. Vielleicht aber fehlt ihnen auch nur eine offensive Mutter.