Teilnehmer eines Tough Mudder Hindernislaufes in New Jersey © Mike Lawrie/Getty Images

Ein gewohnter Anblick im Fitnessstudio: Menschen mit guten Vorsätzen steigen auf dem Stepper Stufe für Stufe nach oben, ohne voranzukommen. Jeder bleibt für sich, den Fernseher fest im Blick. Es sei praktisch, sagen sie hinterher, dass sie spontan zum Sport gehen könnten, wann immer sie Zeit hätten. Ohne Verabredung, ohne Verpflichtung.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Deutschen scheinen ein einsames Volk zu sein, was das Sporttreiben angeht. Zwei Drittel sagten vor einem Jahr in einer Online-Umfrage, sie würden lieber Einzel- als Mannschaftssportarten ausüben. Dieses Ergebnis muss nicht für die Gesamtbevölkerung sprechen, aber auch die Angaben aus einer repräsentativen Befragung für die Techniker Krankenkasse von 2013 stützen dieses Bild. Die fünf liebsten Leibesertüchtigungen waren da: Radfahren, Fitness, Wandern, Schwimmen, Laufen.

Doch es verändert sich etwas. Freizeitsportler suchen sich zunehmend Gleichgesinnte, mit denen auch das Training einer Einzelsportart zum gemeinsamen Erlebnis wird. Für den Trendsport Freeletics – ein intensives Fitnessprogramm ohne Geräte – verabreden sie sich über Facebook spontan im Park, auf Sportplätzen oder in Studios. Zum Training gehören vor allem Kraftübungen, bei denen man statt Hanteln das eigene Gewicht nutzt wie bei Kniebeugen und Liegestützen. "Wir trainieren Freeletics zusammen. Wir treten gegeneinander an. Wir feuern uns gegenseitig an", heißt es auf der Webseite des gleichnamigen, 2013 gegründeten Unternehmens. Es gibt an, mittlerweile mehr als sieben Millionen Nutzer zu haben und täglich 12.000 neue zu gewinnen.

Beim etwas älteren Crossfit tragen die Sportler einander Huckepack, hangeln sich Seile hinauf oder stemmen schwere Kugelhanteln namens Kettlebells. Sie treffen sich in Sportstudios, die sie Boxen nennen. Wenn jemand eine schwierige Übung schafft, applaudieren die anderen. Diese Art von Teamgeist scheint viele anzulocken: 2012 zählte das Fitnessportal Fitogram in Deutschland 21 Crossfit-Boxen, 2015 waren es bereits 186.

Die Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsgefühl hat selbst so bizarre Sportereignisse hervorgebracht wie die Cross-Hindernisläufe. Sie nennen sich Tough Mudder, Braveheart oder StrongmanRun und verlangen ihren Teilnehmern genau das ab: Tough (zäh), brave (tapfer) und strong (stark) muss sein, wer auf 16 bis 28 Kilometer langen Strecken über Holzwände klettert und sich durch Schlammgruben kämpft. Die Teilnehmer müssen Aufgaben bewältigen, die schon in der Vorstellung wehtun: in Wasserbecken voller Eisbrocken springen und unter Elektrodrähten hindurchkriechen. Viele der Hindernisse lassen sich allein kaum überwinden. Das sollen sie auch gar nicht, aus gutem Grund – werden doch alle Zähen, Tapferen und Starken auf besonderen Teamgeist eingeschworen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Der bekannteste dieser extremen Läufe ist der Tough Mudder. Seit dem Jahr 2010 haben sich schon mehr als zwei Millionen Menschen in Nordamerika, Europa und Australien durch Schlammmassen gekämpft.

Wenn die angehende Düsseldorfer Sportlehrerin Katharina Schmidt von ihrem ersten Lauf berichtet, dann vor allem davon, dass es sehr schlammig gewesen sei, sehr nass, aber auch pures Glück. Was sie dann noch erzählt, mag für Außenstehende befremdlich klingen. Kurz vor dem Start trete ein Animateur, oder vielleicht besser: ein Einpeitscher, vor die Massen. Er spreche das Tough-Mudder-Gelöbnis (das wirklich so heißt), und die Teilnehmer wiederholten es: "Ich weiß, dass Tough Mudder kein Rennen ist, sondern eine Herausforderung. Ich gebe Teamwork und Teamgeist Vorrang vor meiner Streckenzeit. Ich jammer nicht – jammern ist was für Kinder. Ich helfe meinen Mudder-Kollegen die Strecke zu bewältigen. Ich werde alle Ängste überwinden." Das habe sich angefühlt, als leiste man einen Schwur, sagt Katharina Schmidt. Nur dank der Gemeinschaft habe sie den Lauf geschafft.

Das ist nicht nur ein psychologischer Effekt, sondern auch physiologisch messbar. Bei körperlicher Betätigung schüttet das Gehirn Botenstoffe wie Serotonin und Endorphine aus, die euphorisch stimmen und Schmerzen lindern können. Wer sich beim Sport quält, ist gerade deshalb hinterher gut gelaunt. In einen wahren Rauschzustand vermag sein Hirn zu versetzen, wer sich in der Gruppe verausgabt. Dann kommen nämlich weitere Stoffe hinzu. "Wenn Menschen etwas gemeinsam erleben, aktiviert dies das Belohnungssystem des Gehirns, in dem der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle spielt. Diese Vorgänge führen dazu, dass wir eine Präferenz für soziale Aktivitäten haben", erklärt der Neurowissenschaftler Leonhard Schilbach, der am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München soziale Interaktionen erforscht. Zusätzlich dämpft das Hormon Oxytocin das Stressempfinden. Die Warnsignale, die der Körper aussendet, wenn uns die Puste ausgeht oder Schmerz entsteht, kann man dann unterdrücken. "Beim gemeinschaftlichen Sport kommen all diese Stoffe zusammen: Oxytocin, Dopamin, Serotonin und Endorphine", sagt Schilbach – diese Kombination könne helfen, über seine Grenzen hinauszugehen.

Schaut man sich die Videos der Läufe auf YouTube an, wird man Zeuge grotesker Szenen: Menschen, die mit verzerrtem Gesicht aus Schlammbädern auftauchen und einander über Holzwände hieven; fitte Teilnehmer, die erschöpfte wie verwundete Kameraden auf den Schultern ins Ziel tragen. Wer den Lauf erfolgreich hinter sich gebracht hat, darf sich "Legionär" nennen. Würde man die rockige Popmusik, mit welcher viele der Clips unterlegt sind, und die bunten Kostüme mancher Teilnehmer streichen, könnte es sich auch um ein Training der Bundeswehr handeln. Tatsächlich ist die militärische Anmutung kein Zufall: Die Veranstalter haben die Hindernisse für den Matschmarathon nach dem Vorbild eines Trainingsprogramms für britische Kampfeinheiten gebaut.

Raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer – dafür werden die neuen Gruppensportler zu Kämpfern, davon erzählen sie heroische Geschichten. So wie der passionierte Rennradamateur Rembert Schütte aus dem Münsterland. Er hatte monatelang für einen Staffeltriathlon trainiert, also einen Wettbewerb in drei Disziplinen, von denen jedes Mitglied eines Dreierteams eine übernimmt. Der Schwimmer war schon geschwommen, Radfahrer Schütte hatte bereits 100 Kilometer hinter sich, als er stürzte und sich die Schulter prellte. 80 Kilometer lagen da noch vor ihm: "Ich habe überlegt, ob ich aufhöre. Aber dann hätte die Läuferin unseres Teams nicht mehr starten dürfen. Ihre monatelange Vorbereitung auf die Marathonstrecke wäre umsonst gewesen." So trieb ihn das Gemeinschaftsgefühl an. Die Belohnung gab es im Ziel, als die drei sich in die Arme schlossen.