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Nein, Angela Merkel hat nicht gelächelt, sie hat auch kein Selfie mit einem geflohenen Syrer gemacht oder etwas Nettes über Asylbewerber gesagt. Sie sagt überhaupt wenig Nettes in letzter Zeit. Trotzdem haben sich in den vergangenen Tagen 70.000 Syrer auf den Weg nach Norden, nach Europa gemacht.

Wie kann das sein? Nun, die Russen haben Aleppo wie wild bombardiert, sie schießen den Weg frei für die iranischen Milizen und die Soldaten des Assad-Regimes, weswegen sich in den nächsten Wochen auch noch die 300.000 in der zerstörten Stadt verbliebenen Syrer auf den Weg machen dürften.

1. Pro Bombe drei Treffer

Wladimir Putin, ohne den eine Lösung in Syrien undenkbar ist, der Friedensverhandlungen in Genf führen lässt, der doch mit dem Westen zusammen den IS bekämpft, mit dem europäische Firmen eine neue Gaspipeline bauen wollen, der bayerische Politiker im Kreml schmeichelnd empfängt – dieser Mann soll tatsächlich eine Verhandlungslösung wegbomben und neue Flüchtlinge in das hochnervöse Europa treiben? Ja, genau dieser Mann.

Syrien - Schwere Gefechte um Aleppo Mit Unterstützung der russischen Luftwaffe hat die syrische Armee eine Offensive gegen die von Rebellen kontrollierten Provinzen Latakia und Aleppo gestartet. Die Friedensgespräche in Genf sind ausgesetzt.

Nun ist die Bestürzung im Westen groß. Amerikanische Analysten fragen, ob der Großstratege Putin vermittels der Flüchtlinge womöglich seine große Kontrahentin Angela Merkel stürzen will.

Auch eine Art Präzisionsbombardement: Putins Bomben treffen gleich drei Ziele auf einen Schlag – sie beenden die Friedensverhandlungen, setzen Europa durch Flüchtlinge unter Druck und bringen Merkel ins Wanken. Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion fasst die Gefühlslage des deutschen Regierungslagers zusammen, wenn er dem Kreml "perfide und schamlose Machtspiele" vorwirft. Sogar die SPD kritisiert nun Putin mit Worten, die man fast als scharf bezeichnen könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Die Dämonisierung des Kremlchefs als perfider Superstratege mit dunklen Absichten ist dabei allerdings nur die böse Schwester der Naivität, mit der beispielsweise ein Horst Seehofer dem Herrscher Russlands wie einem reichen Onkel begegnet. So erzählte Seehofer bereitwillig auf einer Pressekonferenz von seinem "Schlüsselerlebnis" in Moskau. Als Wladimir Putin und er sich verabschiedet hätten und Putin gegangen sei, da sei er auf halbem Wege umgedreht und habe gesagt: "Kommen Sie wieder!" So erzählt es der bayerische Ministerpräsident.

Das Schlüsselerlebnis für Seehofer ist Putins Respekt vor Seehofer. Das ist schön, hat aber einen Preis. Im Gegenzug übernimmt der CSU-Chef fugenlos Moskaus außenpolitische Diktion: Er bezeichnet den Krieg in der Ostukraine als "Schießerei", glaubt, dass Sanktionen nie etwas bringen (vergisst natürlich das Iran-Abkommen, das anders niemals zustande gekommen wäre), und er schweigt zu den russischen Bomben auf syrische Zivilisten. Mit anderen Worten, Seehofer tauscht Eitelkeit gegen Unterwerfung. Und wie, um Himmels willen, soll Putin den Besuch des erbitterten Konkurrenten von Merkel anders verstehen denn als Einladung zur Gemeinsamkeit.

Videografik - Die russisch-syrischen Beziehungen Während Russland am syrischen Machthaber festhält, fordert der Westen seine Ablösung. Dieses Video erläutert die Hintergründe der engen russisch-syrischen Beziehungen.

Seine Gegner machen Putin groß

2. Groß durch (unsere) Projektion

Nein, Putin ist kein freundlicher Onkel, er ist aber auch nicht perfide. Vielmehr handelt er ganz offen, selbst seine Lügen sind keine, weil er ja zu keinem Zeitpunkt leugnet, mit der süßen Kraft der Unwahrheit zu arbeiten. Er hat auch keinen Masterplan zur Zerstörung Europas, kann ihn gar nicht haben, weil er sich mit einem ausgearbeiteten Plan am Ende bloß selbst binden würde.

Moderne Politiker aber brauchen Optionen, Varianten, zwiespältige Aktionen. Wladimir Putin benötigt gar keinen Plan zur Bekämpfung des Westens, er muss nur immer dahin gehen, wo westliche Politiker ihm ihre Spaltungen und Schwächen zeigen, bereitwillig legen sie ihm ihre Ängste und Eitelkeiten auf die Fußmatte. Putin müsste dumm sein, um das nicht zu nutzen. Und dumm ist er wahrhaftig nicht.

Die Wahrheit ist aber auch: Seine Gegner sind es, die ihn groß machen. Seine Stärke: unsere Projektion.

In den vergangenen Wochen hat der Kreml alle seine Regler hochgefahren, er wurde so kenntlich, dass man sich fragt, woher europäische, insbesondere deutsche Politiker noch ihre Restnaivität nehmen.

Im Fall beispielsweise des russlanddeutschen, angeblich von Flüchtlingen entführten und vergewaltigten Mädchens Lisa arbeitete die russische Diplomatie ganz offen mit einer Lüge. Mehr noch, sie erhob sie zur offiziellen russischen Regierungspolitik, als Außenminister Lawrow sie sich zu eigen machte. Nebenbei wurde unübersehbar, dass der Grundsatz "Russland ist da, wo Russen sind" nicht nur für die Krim gilt, sondern politisch durchaus auch für Deutschland. Ja, was denn sonst? Putin hegt keine deutsch-russische Romantik (oder höchstens privat), nur einige Deutsche tun das.

Auch der Eindruck, Moskau wolle in Syrien eine Verhandlungslösung erreichen, hat sich schnell als Trugschluss herausgestellt. Man hätte das schon im Dezember wissen können, als eine russische Rakete einen wichtigen Verhandlungsführer der syrischen Rebellen traf. Dieser Tage machten die russischen Angriffe auf die Rebellenhochburg Aleppo endgültig klar, dass Moskau keine Verhandlungen will, sondern auf die Vernichtung all jener Kräfte zielt, die weder Assad noch dem IS nahestehen. Auch das muss man sich nicht umständlich erschließen, Lawrow hat es ganz klar gesagt. Laut FAZ sieht er keine Grundlage, die Angriffe einzustellen, "solange die Terroristen nicht besiegt sind". Warum auch sollte Wladimir Putin, der – zu Recht, aus seiner Sicht – nichts so sehr fürchtet wie den Aufstand gegen die Autokratie, diese Aufständischen belohnen wollen, indem er ihnen zugesteht, über die künftige Gestalt Syriens mit zu verhandeln?

3. Unsere Müdigkeit: Seine Stärke

In diesen Tagen enthüllt sich in der Levante nicht etwa eine hinterlistige Strategie des Kreml, es bricht lediglich das Kartenhaus westlicher Illusionen zusammen. Man kann es auch so sagen: Putins Stärke und Entschlossenheit werden angefeuert durch die selbst verschuldete Schwäche und Ausgezehrtheit des Westens.

Offenbar hat der Westen in den falschen Kriegen der Ära Bush seine Entschlossenheit, seinen Heroismus, seine Opferbereitschaft weitgehend aufgebraucht; jetzt, da die Lage im Mittleren Osten kritischer ist als je zuvor, hat er infolgedessen kaum noch mentale und moralische Ressourcen, um der Lage Herr zu werden – ohne sich das jedoch eingestehen zu wollen.

So war es bei den "roten Linien" für Assad, die Obama gezogen hatte. Als sie überschritten wurden, fehlte ihm ebenso wie dem Briten David Cameron die Kraft, militärisch einzugreifen. Wer half? Wladimir Putin. Aber selbstverständlich nicht mit dem Ziel, Assad alle Massenvernichtungswaffen gegen das eigene Volk aus der Hand zu schlagen, sondern nur gerade so viel, dass Barack Obamas Gesicht gewahrt blieb – und der Diktator dennoch weiter kampffähig.

Als nach den Pariser Terrorattacken des 13. November 2015 François Hollande mehr Entschlossenheit gegen den IS meinte zeigen zu müssen, als wirklich da war, wer half? Wladimir Putin mit seinen Bombern. Aber natürlich nicht gegen den IS, sondern gegen jene syrischen Oppositionellen, die seinem Verbündeten Assad im Weg sind. Das ist das Verfahren: Putin hilft dem Westen aus dem Dilemma, um ihn in noch tiefere Dilemmata zu führen. Man könnte auch sagen: Er verfolgt halt seine Interessen, nicht unsere.

Warum sollte er auch?

Europa macht sich klein

4. Es gibt keinen geheimen Plan

Die strategische Zielsetzung des Kreml, das, was die russischen Führer wollen, ist heute offenkundig. Sie wollen Augenhöhe mit den USA, ein portioniertes, um nicht zu sagen verfrühstückbares Europa, ein etwas geschwächtes Deutschland, sie wollen alles kleinkriegen, was einem Arabischen, Ukrainischen oder gar Russischen Frühling ähneln könnte, weil sie darin den Keim der Anarchie sehen. Zudem wollen sie nach dem "Dritten Rom" und dem Kommunismus eine neue Mission schaffen, die ihre Macht international orchestriert – eine Mischung aus Autoritarismus, leicht völkischem Nationalismus, traditionellem, gegen sexuelle Minderheiten aggressivem Christentum im Verbund mit militarisierter Machtpolitik.

Fragwürdig bei alldem bleibt, warum der Westen, insbesondere die Europäer, sich wieder und wieder Illusionen hingibt und Wladimir Putin zum Agenten seiner eigenen Ängste und Nöte macht.

Hier hilft ein Blick auf die dafür besonders anfällige deutsche Sozialdemokratie. Bei vielen Genossen ist ein Mechanismus am Werk, der jede weitere Enttäuschung durch Putin mit einer neuen Selbsttäuschung über Putin zum Verschwinden bringt. Wird man vom Modernisierungspartner Putin enttäuscht, hofft man sogleich auf den Stabilisator Putin. Annektiert der die Krim, sagt man, dass aber ein Frieden ohne ihn in Syrien undenkbar ist. Zerschießt er dort alle Friedenshoffnungen, so setzt man auf – ja, worauf eigentlich? Wir werden es bald erfahren.

5. Warum macht Europa sich so klein?

Wer führende Sozialdemokraten nach ihrer Haltung gegenüber Putin fragt, der bekommt – vertraulich – diese Antwort: Ohne Russland kann Europa in dieser Welt nicht bestehen.

What?

Die EU erzeugt jährlich ein Bruttoinlandsprodukt von 16 Billionen Dollar und verfügt über 515 atomare Sprengköpfe. Russland erwirtschaftet ein BIP von 1,2 Billionen Dollar, und das auch fast nur durch Bodenschätze, verfügt aber über 7500 Nuklearsprengköpfe. Wie bitte schön stellt sich der führende Sozialdemokrat den globalisierten Wettbewerb der Zukunft vor? Als Atomkrieg?

Nein, Europa braucht Russland nicht, um in dieser Welt zu bestehen, vielmehr bekämpft niemand auf der Welt Europa so wirkungsvoll wie Russland. (Jetzt bitte keine Moralisiererei: Die dürfen das, man nennt es Machtpolitik.)

Darum also macht sich die Sozialdemokratie immer wieder Illusionen über Putin – aus einem Gefühl der eigenen Schwäche heraus.

Für dieses Inferioritätsgefühl gibt es eine Menge irrationale Gründe, über die die SPD vielleicht einmal eine Klausur abhalten sollte. Neuerdings aber auch einen sehr rationalen, der in Europa, vor allem in Deutschland, nicht gern ausgesprochen wird: Amerika hat uns verlassen. (Auch hier gilt: Nicht zu viel moralisieren. Amerika handelt nach seinen Interessen, nicht nach unseren.)

Das amerikanische Vakuum

6. Das amerikanische Vakuum

Wer in diesen Wochen angelsächsische Zeitungen nach Adjektiven durchsucht, die Barack Obamas – auch für Europa hochgefährliche – Syrienpolitik charakterisieren sollen, der trifft auf Folgendes: desaströs, sinnlos, fahrlässig, nichtsnutzig, betrügerisch, unmoralisch. (Und hier sind die wirklich krassen Beschimpfungen schon ausgespart.)

Man mag das übertrieben finden, doch auf der anderen Seite würde es den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Versäumnisse und Ungenauigkeiten der Obamaschen Politik in Syrien (Libyen, dem Irak, Afghanistan) aufzulisten. Nüchtern muss man feststellen: Die USA lassen Europa mit dem Desaster, das sie im Mittleren Osten mit angerichtet haben, weitgehend allein, Flüchtlinge nehmen sie so gut wie keine auf, ihr Engagement in Syrien war fünf Jahre lang so lasch, dass die Russen sich eingeladen fühlen konnten einzugreifen, auch das wurde ihnen auf die Fußmatte gelegt. Mit anderen Worten: Obama lässt uns mit den Russen allein, er nimmt derzeit sehenden Auges in Kauf, dass Putin die EU destabilisiert, und rührt höchstens einen kleinen Finger. Mehr aber auch nicht.

Und die Europäer wissen es, trauen sich aber kaum, es auszusprechen. Roger Cohen, Kolumnist der New York Times, zitiert in dieser Woche einen "hohen europäischen Regierungsbeamten" anonym mit den Worten: "Die syrische Krise ist nun eine europäische Krise. Aber der Präsident interessiert sich nicht für Europa." Na dann. Im Übrigen können wir diesen Eindruck auch aus Berlin bestätigen: Man ist dort hochgradig enttäuscht, ja geschockt von der "Zurückhaltung" der USA, will es aber nicht laut sagen.

Könnte er denn etwas tun, der Präsident? Gewiss: Obama könnte sich bei den Syrern für all die Unterlassungen, Halbheiten und falschen Versprechungen entschuldigen, gern auch im Namen der mitschuldigen Europäer. Er könnte die Russen kritisieren und seinen famosen Partner Saudi-Arabien, der seinerseits Öl ins syrische Feuer gießt. Er könnte die belagerten syrischen Städte aus der Luft mit Lebensmitteln versorgen (kaum anzunehmen, dass der Luftraumherrscher Putin sich dann traut, einen amerikanischen Rosinenbomber abzuschießen); und er könnte eine Schutzzone einrichten, damit nicht alle Flüchtlinge gleich in die Türkei (und dann nach Deutschland) drängen. Aber er tut es nicht. Und kein Europäer wirft es ihm vor, nicht mal Angela Merkel.

7. Und nun? Nicht auf Obama warten, nichts auf Putin projizieren

Aber vielleicht ist es dafür zu spät. Doch auch in dem Fall bleiben eigentlich immense Aufgaben für die USA. Denn Putins Strategie für Syrien, die Wiedererrichtung der Diktatur, wirft neue tragische Fragen auf: Wenn die Sunniten in Syrien dann keine Schutzmacht mehr haben außer dem IS, wieso sollten sie nicht (ähnlich wie im Irak geschehen) massenweise zum IS überlaufen? Und könnten die sunnitischen Mächte Türkei und Saudi-Arabien diesem Treiben tatenlos zusehen, ohne selbst direkt zu intervenieren? Und was wird dann aus einem Nato-Partner Türkei, der gleichzeitig in einem Bürgerkrieg mit den Kurden steckt, von Flüchtlingen überlaufen wird und möglicherweise bald militärisch im Nachbarland interveniert? Das Schweigen aus Washington ist schon sehr, sehr laut.

Es ist wirklich nicht leicht zu sagen, wie die Europäer mit dieser Situation umgehen sollen: Obamas Lethargie, Putins aufgeweckte Machtpolitik, die syrische Tragödie, der interne Streit über die Flüchtlinge.

Aber eines ist klar: Ohne den Abschied von den Illusionen über Wladimir Putin und ohne das Eingeständnis, dass Barack Obama sie verraten hat, versperren sich die Europäer den Blick auf die Wirklichkeit, in der aus dem Spiel um die Macht im Mittleren Osten schon längst das Spiel um die Zukunft der EU geworden ist. Und sie verstellen sich den Weg zu ihrer größten eigenen Stärke: der Solidarität.

Mitarbeit: Andrea Böhm und Alice Bota