Thomas Nordegg in seinem Studio © Skating Dog Production/ Thomas Wendt

Der 70-jährige Herr sitzt auf einem Hocker, in der Hand eine Gitarre. Um ihn herum sind im Halbkreis Pedale, Effektgeräte, Verstärker und Lautsprecherboxen angeordnet. Er drückt einen Knopf auf dem Instrument, das Licht wird heruntergedimmt. Ein weiterer Knopfdruck, und alle elektrischen Geräte springen an. Die Punkte auf dem Griffbrett, die zur Orientierung des Musikers dienen, leuchten mit blauen LEDs auf. Thomas Nordegg greift in die Saiten – aber er spielt keinen Song. Ein paar langgezogene Töne, ein paar hingeworfene Akkorde und Melodiefetzen, er klimpert wie ein Jugendlicher, der im Musikgeschäft eine Gitarre ausprobiert und ein bisschen aufschneiden will. Nur dass der Wiener die feinste Technik vor sich am Boden liegen hat, die man auf diesem Planeten finden kann.

Thomas Nordegg ist eine Legende. Gitarrenvirtuosen aus aller Welt pilgern in seine Wohnung in Los Angeles, um sich beraten und mit neuester Technik ausstatten zu lassen. Er ist kein Musiker, eher ein gehobener Dilettant auf der Gitarre. Er ist kein Instrumentenbauer, auch wenn er jede E-Gitarre in ihre Einzelteile zerlegen und wieder zusammenbauen kann. Er ist kein Ingenieur, obwohl er einige wichtige technische Neuerungen mit entwickelt hat. Nordegg ist auf Tourneen einer der unscheinbaren Helfer, die zwischen den Songs auf die Bühne huschen und dem Star ein neues, frisch gestimmtes Instrument in die Hand drücken. Seit 1999 arbeitet er vor allem für Steve Vai, den Gitarrenvirtuosen und dreimaligen Grammy-Preisträger. In den Monaten zwischen den Konzertreisen entwickelt er neue Gitarren, er baut Technik in die Gitarren ein und vermittelt zwischen Herstellern und den Musikern, die zu ihm kommen.

Der Gitarrentüftler wohnt in Sherman Oaks, einem wenig glamourösen Stadtteil von Los Angeles. Das Gebäude erinnert an ein Motel, die Apartments sind aufeinandergeschachtelt und haben jeweils eine Tür nach draußen. Die Eingangstür führt, wie in vielen einfachen amerikanischen Wohnungen, direkt ins Wohnzimmer, das wie ein Showroom wirkt. Neben den technischen Geräten hängen etwa zehn elektrische Gitarren an der Wand, alles Spezialanfertigungen. Ein Mitbewohner, Nordegg nennt ihn house guest, schiebt sich unauffällig vorbei in Richtung seines Zimmers.

Gitarristen sind meist die eitelsten Mitglieder einer Band, die Poser, die exaltierten Selbstdarsteller. Sie kriegen die Mädchen. Nordegg ist das genaue Gegenteil. Man kann sein Leben als den steten Versuch beschreiben, bloß nicht im Rampenlicht zu stehen. Während viele Musiker im Alter des Gitarrentüftlers auf der Bühne den ewigen Jugendlichen spielen und nicht wahrhaben wollen, dass die Sonne ihres Erfolgs langsam verblasst, muss Thomas Nordegg keine Show machen. Die markanten Furchen in seinem Gesicht lassen ihn keinen Tag jünger aussehen als die 70 Jahre, die er hinter sich hat. Er arbeitet hart, hat keine Tantiemen aus früheren Hits, lebt ein bescheidenes Leben von Gig zu Gig. Das mit den Frauen ist sich auch irgendwie nie ausgegangen, "das hab ich verpasst". Sein einziger Luxus ist der 650er Suzuki-Roller, das schnellste Fortbewegungsmittel im Dauerstau von L.A.

In Wien wuchs Nordegg nach der Trennung der Eltern in der Wohnung seiner Großmutter auf, gleich um die Ecke vom Volkstheater. Die Matura machte er am Theresianum, dann studierte er Jus, brach ab, schrieb sich für Architektur ein. Die geplante bürgerliche Karriere geriet ins Wanken, als die Beatles nicht nur die Musikwelt aufmischten. Der junge Thomas spielte in einer Band, lernte 1965 einen "Zigeunergitarristen" kennen, wie man damals noch sagte: Karl Ratzer von der Band Slaves. "Den habe ich mir angeschaut, und da habe ich gedacht: Da muss ich gar nicht erst anfangen zu spielen", sagt Nordegg heute. Stattdessen bot er sich Ratzer als Manager an, und 1972 flogen die beiden zum ersten Mal nach Amerika.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 07 vom 11.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ratzer hatte Erfolg, spielte später mit der Band Rufus & Chaka Khan. Nordegg suchte sich einen neuen Partner, hinter dem er die Nummer zwei sein konnte: Peter Wolf, einen talentierten Wiener Pianisten, der später mit Filmmusiken reich wurde. Die beiden suchten sich in Los Angeles ein billiges Apartment direkt gegenüber einer Musikalienhandlung, in der sie ihre Zeit damit verbrachten, Gitarren und Keyboards auszuprobieren, bis eines Tages das Telefon klingelte.

"Hello, this is Frank Zappa, can I talk to Peter Wolf?" Zappa hatte über Umwege von Wolf gehört, und der musste noch am selben Tag vorspielen. Einen Tag später hatte er den Job als Tastenspieler in Zappas Band. Und Nordegg wurde sein Keyboardtechniker.

"Das war die beste Zeit meines Lebens", wiederholt Thomas Nordegg mehrfach. Sieben Jahre lang gehörte er zum Tross von Zappa, dem legendären Bandleader, Komponisten und Gitarristen, der 1993 starb.

Frank Zappa war 1976 auf der Höhe seines Erfolgs. Wer die Ehre hatte, in seine Band, die Mothers of Invention, aufgenommen zu werden, der ließ sich auf einen Knochenjob ein: Die komplexen, polyrhythmischen Kompositionen forderten von den Musikern das Äußerste. Zappa ließ alle Konzerte mitschneiden, und Thomas Nordegg entwickelte ein Faible für die Videokamera – er filmte nicht nur etwa 160 Auftritte, sondern hielt auch drauf, als die Polizei im Stadion von Palermo Tränengas auf die Fans abfeuerte oder ein mafiöser Konzertagent im Hinterzimmer Berge von Lire verschob.

In der Zeit zwischen den Tourneen war Thomas Nordegg Mädchen für alles im Zappa-Clan. Er stand der im vergangenen Jahr verstorbenen Ehefrau des Rockrebellen, Gail, zur Seite, die über die Geschäfte des Familienunternehmens wachte, und chauffierte die Kinder Moon Unit, Dweezil und Ahmet im Rolls-Royce zur Schule.

Zappa war ein perfektionistischer Diktator, der bei seinen Angestellten weder falsche Töne noch Drogenkonsum duldete, und Thomas Nordegg ist ein perfektionistischer Arbeiter. Die beiden passten zusammen. "Der Frank hat nicht ein Wort zu viel gesagt in seinem Leben", sagt Nordegg. Und Zappa sagte 1990 anerkennend: "Es gibt nur einen Thomas Nordegg."

Aus dem Kreis der Zappa-Alumni stammen die späteren Arbeitgeber Thomas Nordeggs: Warren Cuccurullo, mit dem er 15 Jahre bei der Popband Duran Duran verbrachte. Und auch Steve Vai, für den er seit 17 Jahren arbeitet, begann seine Karriere bei Zappa.

Bei Warren Cuccurullo beschäftigte sich Nordegg erstmals mit der Technik der elektrischen Gitarre. Der charakteristische, verzerrte Röhrensound der alten Rockgitarren wird heute fast ausschließlich mit elektronischen Schaltkreisen simuliert. Dazu kommen digitale Hall- und Echoeffekte, man kann mit modernen Gitarren auch Synthesizer ansteuern, deren Ton überhaupt keine Saitenschwingung mehr zugrunde liegt. Das Instrument selber ist die Schnittstelle des Musikers zu einer Batterie von Effekten. Thomas Nordegg hat es sich zur Berufung gemacht, seinen Auftraggebern nicht nur die neuesten technischen Gimmicks zur Verfügung zu stellen, sondern sie intuitiv bedienbar zu machen – möglichst direkt von der Gitarre aus. Die Elektronik soll immer noch der Kunst dienen.

Gitarristen sind Thomas Nordeggs Helden. Zappa ohnehin, aber auch die anderen: Warren Cuccurullo: "ein Genie". Zappas Sohn Dweezil: "der meistunterschätzte Gitarrist". Steve Vai: "ein Hohepriester". Nordegg hat sich eine Gitarre von 127 Musikern signieren lassen, vor allem von Gitarristen: Eric Clapton, George Harrison, Les Paul, Pat Metheny. Die will er irgendwann versteigern, das soll seine Altersvorsorge sein.

Mit Steve Vai geht er trotz seines Alters immer noch regelmäßig auf Tournee. Richtet ihm die fünf oder sechs Gitarren her, sodass der "nicht denken, sondern sich nur noch fallen lassen und spielen muss". Wichtig für den sparsamen Senior: Auf Tourneen gibt man praktisch kein Geld aus.

Im Januar ist Thomas Nordegg zum 27. Mal zur NAMM gegangen, der größten Branchenmesse in Anaheim. Das ist der von Technik besessene Gitarrentechniker. Aber er will künftig kürzertreten und sich jedes Jahr für ein paar Monate in die Wiener Mietwohnung zurückziehen, die er von der Großmutter geerbt hat und wo er für einen unschlagbar günstigen Friedenszins wohnt. Dieser Nordegg ist von einer großen Skepsis gegenüber der technischen Zivilisation durchdrungen und sieht die Menschheit von Google bedroht, der neuen Weltordnung. "Wenn ich in der Terroristengemeinschaft was zu sagen hätte", sagt Nordegg, "dann würde ich sagen: keine Waffen, keine Panzer – den Strom abdrehen! Dann ist alles aus."

Steve Vai weiß, was er an Thomas Nordegg hat: "Er verkörpert Leidenschaft bei allem, was er tut. Jedes neue Stück Gitarrentechnik wird von Thomas verspeist, als wäre es sein Lieblingsgericht." Wenn Nordegg ihm dann die Ergebnisse präsentiert, muss der Star nur noch den Daumen heben oder senken – was ihm nicht gefällt, wandert auf den Müll.