Kultur – dieses Wort steht meist für Theater, Konzerte, Museen. Ursprünglich bezeichnete es aber die Kunst, Äcker und Weiden zu pflegen. Von dieser Bedeutung ist wenig übrig geblieben. Das ist eine Katastrophe, zeigt eine aktuelle Studie. Sie beschäftigt sich mit dem Zustand der Böden dieser Welt, umfassend mit Daten von der Erde und aus dem All. Das Ergebnis ist erschreckend, die Forscher sprechen selbst von einem "schleichenden Riesenproblem". Was ist da los?

Allein in den vergangenen 30 Jahren seien ein Drittel allen Weidelands, ein Viertel aller Ackerböden und fast ein Viertel des Humus im Wald verweht, versalzen oder verhärtet, warnen die Experten des Bonner Zentrums für Entwicklungsforschung mit Kollegen aus aller Welt. Die Degradation gefährde die Ernährung von 3,2 Milliarden Menschen. Sie koste jährlich 300 Milliarden Dollar. Diese Summe addiert nicht nur lokale Ernteausfälle. Erstmals wurde auch der Verlust öffentlicher Güter berechnet, für die nur gesunde Böden sorgen: als Speicher für Artenvielfalt, sauberes Wasser, Kohlenstoff. Wer heute einen Dollar in den Erhalt des Bodens investiere, spare morgen fünf Dollar für Umweltkosten, mahnen die Forscher.

Solche Daten könnten lahme Regierungen endlich zu bodenpolitischen Programmen treiben. Doch wird die Natur mit reinen Wirtschaftlichkeitsrechnungen nicht noch stärker "in das System gepresst, das sie bei lebendigem Leib auffrisst", wie der britische Publizist George Monbiot einmal schrieb? Damit die Erneuerung der Böden ein Thema wird, muss auch das Wissen über das Fundament allen Lebens wachsen. Wir haben zu verstehen begonnen, wie wichtig Klima und Wasser für uns sind. Jetzt brauchen wir eine Kultur des Bodens.

Natürlich müssen wir uns dazu über das zerstörerische Regime der Kurzfristigkeit unterhalten, den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit, wie Alexander Kluge es ausdrückt. Boden wächst langsam – ausgelaugt und verdichtet ist er schnell. Ganz konkret sind Stadtplaner gefragt, die Boden ent- statt versiegeln; besonders in den Megacitys des Südens, die auf fruchtbarem Küstenschwemmland wachsen. Damit auch Erwachsene den Wert des Bodens begreifen, sollten Kommunen mehr Gartenflächen zur Verfügung stellen. Sie sollten Bürger, die nur Torf aus der Tüte kennen, beim Kompostieren beraten. Und wer schon im Kindergarten feuchte Weide unter den Fußsohlen spürt, den Duft lockerer Krume einsaugt und darin Saftkugler und Springschwänze zählt, dem prägt sich der Wert des "Drecks" mit allen Sinnen ein.