Hitler malte gerne Blumenmotive. Dieses Aquarell trägt den Titel "Nelkenstrauss". © Getty/Christof Stache

Es gibt Phänomene, bei denen man auf Anhieb schwer sagen kann, ob sie brandgefährlich sind, skurril oder einfach bekloppt: Bei Amazon zum Beispiel belegt Mein Kampf am Wochenende Platz eins der Bestsellerliste in der Kategorie "Geschichte allgemein". Ein Kunde beschreibt seinen Leseeindruck mit den Worten: "Ich habe es erst bekommen und die ersten Seiten gelesen und wollte weiterlesen, musste aber aufhören, da ich fortgehen musste." Die 5.000 Exemplare der ersten Auflage waren bereits vor Erscheinen ausverkauft und wurden anschließend bei eBay tagelang für dreistellige Summen gehandelt.

Im Auktionshaus Weidler, einem Nachkriegsbau in der Nürnberger Altstadt, steht die "Sonderversteigerung A. H." auf dem Programm. Eine steile Treppe führt hinunter in den Auktionsraum im Keller, vorbei an nummerierten Gemälden, Messing und Porzellan. Im Katalog sieht man Häuseransichten in sonnigen Farben, Marktplätze mit kleinen Menschen und Berggehöfte in Aquarell, "sign. A. HITLER".

Der Führer geht immer, das wissen Verlagshäuser, das wissen Redaktionen, das weiß auch Auktionator Herbert Weidler, spätestens seit vergangenem Sommer, als bei ihm ein Hitler-Aquarell von Schloss Neuschwanstein für 100.000 Euro unter den Hammer kam. Für die versteigerten Bilder wurden damals insgesamt rund 500.000 Euro gezahlt. Die New York Times berichtete.

Nun zählt die Zeit, in der Adolf Hitler intensiv malte, zu den weltgeschichtlich weniger relevanten Phasen seines Lebens. Er selbst untersagte später Ausstellungen seiner Werke: "Da ich meine Bilder zum Broterwerb malte, sind diese nicht reif und würdig, in diesem Haus gezeigt zu werden."

Herbert Weidler scheint es ähnlich halten zu wollen. Die 29 Aquarelle und Zeichnungen – ein Teil stammt aus einem österreichischen Pastorenhaushalt – sind nur auf Anfrage unter Aufsicht in einem Hinterzimmer zu sehen. Unten im Auktionsraum haben sich auf Holzklappstühlen kaum mehr als 20 Leute versammelt. In der hintersten Reihe sitzen Männer in Wollpullovern und Funktionsjacken, Kunsthändler, die sich die vorletzte Versteigerung des Tages nur aus Neugier anschauen. In Deutschland, sagen sie, gebe es für diese Bilder sowieso keinen Markt, jedenfalls nicht zu diesen Preisen. Das Mindestgebot für Haus mit Brücke am Fluss etwa liegt bei 11.000 Euro. Es zeigt ein Haus mit Brücke am Fluss. National gesinnten Sammlern sind Bilder wie Blumenstillleben Rose (1.000 Euro) womöglich nicht hart, nicht zäh, nicht flink genug. Bei der letzten Auktion hätten vor allem Käufer aus dem Ausland geboten. Chinesen, sagen die Kunsthändler. "Die würden auch Aquarelle von Stalin kaufen, wenn’s welche gäbe."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Um 15 Uhr ruft Herbert Weidler, unaufgeregt, fränkisch, mit Fliege um den Hals, die Bilder auf.

"6701 Burg Neulengbach Österreich, schriftliches Vorgebot fünffünf zum Ersten, Zwoten, niemand mehr? Dann zum Dritten." Hammer.

"6704 Kirchenportal mit Kastanien, sechstausendfünfhundert – bietet das jemand?" Nein.

"6709 Haus mit Brücke am Fluss. Bietet jemand elftausend Euro?" Auch nicht.

"Wohl kein Sekt heute", murmelt ein Mitarbeiter und drückt ein Stück Luftpolsterfolie an seine Brust. Um 15.15 Uhr ist es vorbei. Nur zehn der 29 Bilder sind ersteigert worden, fast allesamt zum vierstelligen Mindestpreis. Die meisten Gebote, sagt Weidler, seien schon vor der Auktion eingegangen, schriftlich oder telefonisch.

Im Hinterzimmer klemmt sich ein Tscheche mit sportlicher Daunenjacke und Sohn die Stadtansicht (A. Hitler, dat. 1909) unter den Arm, für die er 5.000 Euro bezahlt hat, und verlässt das Haus mit einem Lächeln. Bei seinen Versteigerungen, sagt Weidler, sei noch nie jemand da gewesen, der "eine braune Gesinnung" gezeigt habe. Und der chinesische Professor, der im vergangenen Jahr das Neuschwanstein-Aquarell kaufte, "der wollte dem Adolf seine Malseele studieren".

Die unverkauften Bilder liegen in Kartons auf dem Boden. Für eine ältere Dame, die zu spät kam, platziert die Assistentin sie auf einer Staffelei, eins nach dem anderen. Marktplätze, Berggehöfte, ein Hirsch. "Also, Avantgarde war er nicht", sagt die Dame.

Draußen vor dem Auktionshaus scheint die Sonne auf den Albrecht-Dürer-Platz. In Dresden demonstriert zur selben Zeit Pegida am Elbufer. 8.000 Menschen. Manchmal ist "bekloppt" das Beste, was man über einen Tag sagen kann.