Japanische Forscher untersuchen einen Minkwal im Hafen von Ishinomaki im April 2014 – nennenswerte Erkenntnisse hat Japan aus dem Walfang bisher nicht gewonnen. © REUTERS/Kyodo

Es ist ein freudloses Theater, das die mehr als zwei Dutzend Wissenschaftler, die dem Expertenkreis der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) angehören, Jahr für Jahr mitspielen: Japan reicht seinen Antrag auf Walfangrechte ein, es legt dar, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse es sich von der Jagd erhofft. Die Forscher des IWC machen Vorschläge, wie man das Wissen auf andere Weise erlangen könnte. Und am Ende schickt Japan seine Walfangflotte trotzdem los. Es ist eine einstudierte Zeremonie mit absehbarem Ausgang.

In der laufenden Fangsaison sollen 333 Minkwale getötet werden. Mit Explosivharpunen gehen die Jäger auf die Wale los. Die Geräte werden von fest installierten Kanonen abgeschossen, ihre Spitze gräbt sich durch den Blubber der Tiere, zwei ellenlange Widerhaken bohren sich ins Fleisch. Dann explodiert eine Sprengladung in ihrem Inneren. Anders gehe es nicht, sagt die Walfangnation Japan seit Jahrzehnten: alles im Dienste der Wissenschaft. Was für ein haarsträubender Blödsinn!

Tatsächlich erlaubt das IWC, Wale zu Forschungszwecken zu jagen. Aber Japan ist das einzige Land, das dieses Argument bemüht, um seine Anträge auf Walfang zu begründen. Norwegen und Island, die den Meeressäugern in ähnlichem Umfang nachstellen, machen sich keine Mühe, ihr Treiben zu verschleiern. Sie bezeichnen ihre Jagd als das, was sie ist: als kommerziell. Dafür kassieren sie Jahr für Jahr eine Protestnote vom IWC – die sie ignorieren. Sanktionen kann die Kommission nicht verhängen.

Auch in Japan landet das Walfleisch am Ende in Restaurants und Supermärkten. Jeder weiß, dass die angeführten wissenschaftlichen Zwecke nur ein Vorwand sind. 10.712 Minkwale haben die angeblichen Forscher in zehn Jahren getötet – und gerade einmal zwei Publikationen in Fachjournalen vorzuweisen. Die Forschungsprojekte – sofern man sie so nennen will – müssten mittlerweile einen immensen Datensatz zusammengetragen haben. Doch falls es ihn gibt, verhilft dieser der Fachwelt nicht zu neuen Erkenntnissen, denn die Forscher teilen ihre Ergebnisse de facto mit niemandem.

Und selbst wenn sie mehr Ergebnisse veröffentlichen würden, ließe sich das Harpunieren damit kaum rechtfertigen. Denn für die allermeisten Befunde müsste überhaupt kein Tier sterben. Wer wissen will, was die Wale fressen, muss ihnen nicht den Magen aufschneiden, sondern nur ein "poop net" hinter ihnen herziehen und die gesammelten Fäkalien untersuchen. Wer sie vermessen will, braucht ihren Körper nicht mit einem Kran an Bord zu hieven, sondern bloß eine Drohne aus der Luft Aufnahmen machen zu lassen. Wer ihr Alter bestimmen will, muss sie nicht zerlegen, um die DNA des Gewebes zu untersuchen, sondern stanzt einfach ein kleines Stück aus der Haut des Wals, wenn er an die Oberfläche kommt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Doch von solchen Alternativen wollen die japanischen Walfänger nichts wissen. Das Land reagiert empfindlich, wenn es das Gefühl hat, dass sich jemand in innere Angelegenheiten einmischt. Als der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag das Forschungsargument als Vorwand entlarvte und den Walfang verbot, stieg kurzzeitig der Konsum von Walfleisch an. Protest? Jedenfalls kein Zufall. Wenn es um den Walfang geht, sind die Japaner starrköpfig. Doch Tradition genügt als Erklärung nicht, der wahre Grund sind wirtschaftliche Interessen. Und die reichen weit über den Walfang hinaus. "Wenn erst einmal das Prinzip, Wildtiere als nachhaltige Ressource nutzen zu dürfen, verletzt wird, würde unser Recht, andere Fische und Tierprodukte auszubeuten, beeinträchtigt", wurde Joji Morishita, Japans oberster Walfänger und mittlerweile Vizechef der IWC, vor einigen Jahren in der New York Times zitiert. Soll also heißen: Wenn wir beim Walfang nachgeben, müssen wir bald auch beim Fischfang nachgeben.

Etwa beim Blauflossenthun. Kein Land isst mehr von diesem Raubfisch, er ist für Sushi und Sashimi höchst begehrt. Der Bestand ist in den vergangenen Jahrzehnten kollabiert. Würde Wissenschaft wirklich zählen, müsste man den Fang sofort einstellen. Genau auf solche Diskussionen will sich Japan nicht einlassen.

Der Streit um das Walfangprogramm ist ein Stellvertreterkrieg. Darin sollte sich kein Wissenschaftler verwickeln lassen. Jedes Jahr sterben Hunderttausende Wale, Delfine und andere Meeressäuger wie Robben in Netzen. Sie werden von Schiffen überfahren, stranden, können sich wegen des zunehmenden Lärms in den Ozeanen schlechter orientieren. Es gibt genug zu tun. Echte Forscher sollten ihre Zeit nicht mit Theaterspielen verschwenden.