"Erst mal Klamotten runter", befiehlt Jörg. Ich kriege Angst. Das wird doch wohl nicht die erste Nacktwanderung meines Lebens? Aber ausziehen muss sein, wenn ich so marschieren will wie die Römer, denn meine Outdoorfunktionsbekleidung ist überhaupt nicht legionärskompatibel. "Na gut, Unterhose kann an bleiben", sagt der Zahntechniker Jörg in saarländischem Dialekt. Ich schlüpfe in ein sackähnliches Leinentuch mit Kopfloch, das für die nächsten Stunden meine Unterwäsche sein wird. "Darunter war der Römer blank", erklärt Jörg.

Die jahrhundertelange Vormachtstellung der Römer in Europa, Nordafrika und Kleinasien ist meines Wissens aber nicht auf die fehlende römische Unterhosenmode zurückzuführen. Eher war ein entscheidender Faktor der Straßenbau. Das Netz reichte von Portugal im Westen und den Britischen Inseln im Nordwesten bis in den Nahen Osten und nach Zentralasien hinein. Tausende Kilometer. Und diese Straßen waren nicht irgendwelche lehmigen und im Winter unpassierbaren Routen. Nein, der römische Straßenbau war große Ingenieurskunst, die Wege waren befestigt, unterfüttert, gepflastert, normiert. Es gab Meilensteine und in regelmäßigen Abständen Versorgungsstationen für Mensch und Vieh. Die Straßen waren das Rückgrat der römischen Zivilisation, befeuerten in der "römischen EU" den Handel, sorgten für einen von der Schifffahrt unabhängigen Warenverkehr. Aber der wichtigste Grund für das römische Wegenetz war die militärische Beweglichkeit: Falls nötig, konnten Truppen zügig Hunderte Kilometer verlegt werden.

Die Legionäre sind dabei immer Fußgänger gewesen. Offiziere ritten, Händler fuhren mit Ochsen- oder Pferdekarren, aber der gemeine Soldat marschierte. So, wie ich das heute vorhabe: Ich möchte ein Stück auf dem Ausoniusweg wandern, der zwischen Bingen am Rhein und Trier verläuft und weitgehend einer alten Römerstraße folgt. Zehn Kilometer habe ich mir vorgenommen. Ich fand aber die Vorstellung, alleine loszugehen, nicht sehr reizvoll, ein bisschen Gesellschaft wäre schon schön, am besten ein paar echte Römer.

Seit etlichen Jahren gibt es weltweit eine Szene, die sich mit Reenactment beschäftigt. Jeder hat schon einmal von einem Mittelaltermarkt gehört. Es gibt aber auch Menschen, die sich für andere Epochen begeistern. Und die "spielen" dann Hunnen, Kelten, Wikinger, Preußen oder eben Römer. Also beschloss ich, zumindest einen oder zwei Römer aufzutreiben, die mich als Legionäre auf meinem Marsch durch den Hunsrück begleiten. Und fand schließlich Jörg und seinen Bruder Christoph aus dem Saarland.

Wir treffen uns auf dem Parkplatz eines Hotels in der Nähe von Kirchberg. Die beiden sind mit dem Minibus gekommen. Als Erstes holt Christoph eine Digitalwaage aus einer Kiste im Kofferraum des Busses, die haben die Römer auch vor 1650 Jahren immer dabeigehabt. Ich soll zum Test mein Ausgangsgewicht dokumentieren: 91 Kilo. Dann streife ich das lange Unterhemd aus Leinen über, darüber wird eine Lederkordel festgezurrt. Jetzt muss ich das Hemd hochziehen, sodass es sich über der Kordel bauscht und unten meine Knie zu sehen sind: Der Legionär hat das Knie textilfrei zu tragen, alles andere würde beim Marschieren behindern. Als Nächstes ist das Schuhwerk an der Reihe. "Nicht ganz original römisch", gibt Jörg zu. Aber sie sehen schick aus, die Ledersandalen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Nun fehlt nur noch ein Kettenhemd, als Rüstung sozusagen. "Elf Kilogramm", grinst Christoph. "Spürt man aber gar nicht so, wenn man es trägt." Mit vereinten Kräften wird mir das Kleidungsstück aus Metall über den Kopf gewuchtet. Ich finde, dass man das Gewicht doch ein klein wenig spürt. Das ist aber erst der Anfang. Denn nun kommt der "richtige" Gürtel mit Messer und einem kurzen Schwert. Um den Hals schlinge ich ein scharlachrotes Tuch, das ist sehr praktisch, denn der fünf Kilo schwere Helm wird mir ebenfalls umgehängt, den trägt man nur im Gefechtsfall auf dem Kopf. Und ganz wichtig ist der Schild, er wird beim Marschieren wie ein Rucksack auf den Rücken genommen.

Dann noch das Marschgepäck: Unverzichtbar ist die zusammengerollte Decke. Bei großer Kälte wurde sie als Mantel benutzt. Außerdem brauche ich als Kantine to go eine Kelle, einen Kochtopf, einen Napf, alles aus schwerem Metall. Decke und Kochgeschirr werden zusammengebunden und an einem Kreuzstab festgemacht. Schließlich drückt mir Jörg noch das pilum, den Speer, in die Hand. Jetzt bin ich komplett ausgerüstet und steige ein weiteres Mal auf die Waage: 127 Kilo. 36 habe ich draufbekommen.

Nun kann es endlich losgehen. Nach 150 Metern erreichen wir über einen Zuweg den eigentlichen Ausoniusweg. Er ist breit genug, dass zwei Fußgänger nebeneinander Platz finden, aber eigentlich zu schmal für einen originalen Römerweg, auf dem auch Karren und Kutschen passierten. Wir gehen einige Schritte, dann machen wir Frühstückspause. Das muss jetzt echt sein, hat Jörg entschieden, denn die Einkleidungszeremonie hat ganz schön geschlaucht. Außerdem: Was man wegisst, muss man nicht mehr schleppen.

Also essen wir belegte Brötchen und Croissants, die ich besorgt habe. Jörg zaubert dazu einen original römischen Brotaufstrich aus seinem Bündel. Das grüne Zeug ist herzhaft, mit Schafskäse, Radieschen, Kräutern und viel Knoblauch – allerdings in einer Tupperdose verpackt, und damit römermäßig genauso unauthentisch wie meine Backwaren. Dabei ist "authentisch" eigentlich das Zauberwort der Reenactment-Szene: Je nach Veranstaltung wird darauf geachtet, dass es möglichst 100-prozentig echt zugeht.