Als der Karneval die Hügel von Rio de Janeiro erreicht, verteilt Glauce Cerqueira antibakterielle Seife auf ihrer Haut. Sie wäscht sich jetzt laufend damit, mehrmals am Tag, denn die Moskitos sollen sie nicht riechen können. Zusätzlich trägt sie einen Mückenschutz auf, in ihrem Zimmer brennt eine Citronella-Kerze, und nachts bleibt ein Ventilator auf ihr Bett gerichtet. "Im Fernsehen haben sie empfohlen, dass Schwangere sogar mit langärmeligen Hosen und Hemden schlafen sollen", sagt die große Frau. "Aber das wäre doch viel zu heiß." Eine Klimaanlage gibt es in ihrem bescheidenen Zimmer nicht. Eine Klimaanlage, ja, die würde ihr wirklich helfen!

Glauce Cerqueira will das Baby schützen, das seit drei Monaten unter ihrer Bauchdecke wächst – ausgerechnet in diesen Tagen, wo sich draußen auf der Straße Hunderttausende Menschen vorbeischieben, tanzend, schwitzend, trommelschlagend, kaum bekleidet. In Rio wird der Karneval gefeiert, noch etliche Tage über Aschermittwoch hinaus. Cerqueira macht er in diesem Jahr Angst.

Als die 32-Jährige im Oktober schwanger wurde, wusste sie noch nichts von Zika, aber inzwischen ist sie über das Fernsehen informiert. Dort sagen die Experten: Das Zika-Virus könnte das Baby in ihrem Mutterleib deformieren. Es könnte mit einem winzigen Köpfchen geboren werden und lebenslang behindert sein. Zika werde von Aedes-aegypti-Mücken übertragen, Moskitos mit fein geringelten Beinen, die in Cerqueiras Wohngegend überall herumschwirren. Vor ein paar Tagen haben die Experten davor gewarnt, dass auch andere Mücken, sogar Speichel, Urin und Sexualkontakt die Seuche übertragen könnten. Und das zur Karnevalszeit.

Einen verlässlichen Schutz vor Zika gibt es nicht – vor allem nicht für jemanden wie Glauce Cerqueira. Nicht für eine Frau, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Auch nicht für ihren Lebensgefährten Jorge, der selbst genähte Hemden auf der Straße verkauft.

In Lateinamerika hat sich die brandneue Zika-Seuche mit einer viel älteren, hartnäckigen Geißel verbündet: mit der scharfen Trennung zwischen Arm und Reich, die trotz aller Sozialprogramme und jahrzehntelangen Wirtschaftswachstums offenbar nicht auszurotten ist. Wenn Brasiliens Minister jetzt erklären, dass seit Oktober in mehr als 4.000 Mutterleibern Babys mit einem Verdacht auf Zika-Schädigungen herangewachsen sind und dass 270 Kinder tatsächlich mit zu kleinen Köpfen geboren wurden, dann muss man nicht nur diese Zahlen hinterfragen. Nein, dann muss man auch sagen, dass es vor allem arme Menschen sind, die von dem Virus betroffen sind, und nicht so sehr die wohlhabenden Brasilianer, die Karnevalstouristen oder die künftigen Olympia-Besucher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016. Lesen Sie darin auch, wie genveränderte Mücken das Zika-Problem lösen sollen.

Vor dem Karneval haben Glauce Cerqueira und ihr Lebensgefährte eine Entscheidung getroffen: Schnell weg aus ihrem Häuschen! Das Paar wohnte an einem Waldstück am Hang, das die Bewohner der Favela Fallet seit Jahren als Müllplatz missbrauchen, wo der Regen in Coladosen, Autoreifen und Fernsehgehäusen verhängnisvolle Pfützen bildet – Kinderstuben für die widerstandsfähigen Larven von Aedes aegypti. "Wegen der Moskitoplage sind wir weggezogen", sagt Jorge.

Nun wohnt das Paar vorübergehend bei einer Freundin im benachbarten Stadtteil Santa Teresa, einer bürgerlicheren Gegend – und Karnevalshochburg. In ein Gästezimmerchen gepfercht, in das kaum eine Matratze passt, werden sie die Schwangerschaft nun durchstehen müssen. "Auch hier gibt es natürlich Moskitos", sagt Cerqueira, "aber viel weniger."

"Die meisten Mütter von Kindern mit den zu klein geratenen Köpfen kommen aus armen Bevölkerungsgruppen", bestätigt Claudio Maierovitch, im Gesundheitsministerium Direktor für Infektionskrankheiten. "Wir kennen bis jetzt noch nicht den Grund dafür. Es ist eine Beobachtung der Gesundheitsarbeiter vor Ort."

Ist der Grund wirklich so schwer zu erkennen? Warum gibt es in der Favela Fallet, warum gibt es in den Armenvierteln Brasiliens so viele unregulierte Müllhalden und so viele Pfützen voller Mücken? Kürzlich haben Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff und ihr Verteidigungsminister eine Generalmobilmachung gegen Aedes aegypti angekündigt: "Wir werden diesen Krieg gewinnen." 220.000 Soldaten sollen durch die Straßen ziehen, Wasserstellen trockenlegen, Insektizide sprühen, Flugblätter verteilen und sogar in unbewohnte Häuser einbrechen – ab Aschermittwoch. Warum erst nach dem Karneval? Warum erst 2016?