Wie kühl es plötzlich wurde, verwirrend kühl. Draußen in der spanischen Stadt Sevilla waren es an diesem Sommertag 43 Grad, wie sollte ich da klaren Kopfes mit Abdelwahab Meddeb über die Aufklärung und über Liebesgedichte reden? In seinem Buch Die Krankheit des Islam war ich zum ersten Mal der Kritik eines aufgeklärten arabischen Gelehrten an der eigenen Religion begegnet. Nun erschienen auf Deutsch seine Liebesgedichte, die hießen merkwürdigerweise Ibn Arabis Grab, eine Buchmesse nahte, bei der es um die arabische Welt gehen sollte. Und so hatte ich mich im Spätsommer 2004 auf den Weg gemacht. Sevilla glühte in der Hitze. Aber im Innenhof des Palastes Alfonso XIII., am verabredeten Treffpunkt, war die Außentemperatur kaum mehr zu spüren. Wasser rann die Keramikwände herab, die steinernen Säulen hatten Kühle gespeichert, die großflächigen Blätter der Palmen spendeten Feuchtigkeit, der ganze moderne Bau ahmte die andalusische Baukunst des Mittelalters nach. Und andalusisch, das heißt: arabisch.

Diesen Innenhof hatte der Philosoph und Dichter als Treffpunkt vorgeschlagen, hier wollte sich der damals 58-Jährige mit mir über die Spuren der arabischen Aufklärung unterhalten, die schon im Hochmittelalter blühte. Er erzählte über die Baukunst, das zivilisatorische Wunder der Vereinigung der Weltreligionen in Sevilla, über europäische arabische Gelehrte wie den Arzt und Aristoteles-Kommentator Averroes oder den Sufi-Gelehrten Ibn Arabi, die im Mittelalter den Islam in Europa repräsentierten. Seine eigenen neuen Liebesgedichte waren für ihn Gespräche mit Ibn Arabis philosophischer Mystik, die in Leib und Seele eintaucht und zu sprachlichen Zeichen wird. Meddeb sah diese mittelalterlichen Gelehrten "in einer Linie mit Dante und Goethe", er erkannte in ihnen Gegenkräfte zur Bedrohung durch den Islamismus der Gegenwart. Sevilla war für ihn: der toleranteste Ort europäischer Hochkultur.

Seit dem Einsturz der Türme des World Trade Center hatte sich Meddeb vielerorts in der arabischen Welt zu Wort gemeldet. Er pendelte deshalb fortgesetzt über das Mittelmeer. Nun war er gerade aus dem nordafrikanischen Tanger ins europäische Sevilla gereist, dort machte er Radiosendungen, und hier lehrte er an den Universitäten. Die arabische und die europäische Welt hingen in seiner Person natürlich zusammen. Meddeb, der Sohn einer alten sunnitischen Theologenfamilie, sprach als Muttersprache das tunesische Arabisch, als Vatersprache das gelehrte Hocharabisch, und hier in Sevilla sprach er mit mir die Sprache des in Paris geschulten europäischen Intellektuellen: Französisch. Paris war noch nicht zum Ort des islamistischen Verbrechens an Charlie Hebdo geworden.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich in diesem Gespräch je zu Wort kam. Vielleicht war es so: Ich trank fortgesetzt Wasser, er sprach fortgesetzt und machte nur dann eine winzige Pause, wenn er sich eine neue Zigarette ansteckte. Er erzählte, wie Sevilla seit dem 8. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft zur wichtigsten Stadt von al-Andalus, von Andalusien, aufgestiegen war, bis die christliche Reconquista die Stadt im 13. Jahrhundert zurückeroberte und etwa 300.000 Mauren in die Flucht nach Nordafrika und Granada trieb. Mit ihnen gingen die Wissenschaft und die Wirtschaftskraft: ein Braindrain fort aus Europa. Er sprach davon, wie Sevilla ähnlich durch die Vertreibung der Juden, ab 1492, kulturell verarmte. Je länger Meddeb erzählte, von dem lateinischen Dichter Vergil, vom arabisch geprägten Kaiser Friedrich II., dem Averroës-Kenner, von der sinnlichen Lyrik des Sufismus, der Notwendigkeit, die arabischen Bevölkerungen über die aufklärerische Kraft des Islams aufzuklären, desto mehr schien es, als wollte er Europa in seiner neuen Angst vor dem totalitären Islamismus daran erinnern, was es zu seinem Fortbestand braucht: arabische Vernunft.

Meddeb redete als ein glühender Europäer. "Europa ist in meinen Augen so kostbar, weil es auf das Neue ebenso viel Wert legt wie auf das Gespräch mit seinen Toten", sagte er. Er selbst sprach lesend mit den Toten, er brachte sie für andere zum Sprechen, Kant etwa, er hielt dessen Idee einer kosmopolitischen Weltregierung nicht für veraltet. In seinem letzten Gespräch mit der ZEIT, im September 2013, gut ein Jahr vor seinem Tod, hat Abdelwahab Meddeb über den Syrienkrieg im Licht von Kants Philosophie gesprochen, während die Flüchtlingsscharen Syrien längst verließen.

Er hielt Europa keineswegs für unsterblich. Das Europa, auf das er sich verlasse, sagte Abdelwahab Meddeb damals im Spätsommer 2004 in Sevilla zum Abschied, sei "das Europa der Einwanderung, der gestalteten, der gewünschten Durchdringung der Kulturen. Sie sind dazu bestimmt, sich zu mischen. Sonst wird Europa eines schönen Todes sterben."

Elisabeth von Thadden ist Redakteurin im Feuilleton. Ihre erste Begegnung mit Abdelwahab Meddeb erschien in der ZEIT Nr. 39/04