Im Frühjahr 2001 reiste ich auf den Spuren von Bob Dylan durch die USA. Es war Frühling geworden, die Sonne schien, es war eine herrliche Recherche. Dylan wurde demnächst 60: Warum also nicht eine Reportage darüber, wie seine Karriere begann?

Ich besuchte alle Orte, an denen Dylan seine frühen Jahre verbrachte: die Stadt Duluth am Lake Superior, wo er geboren ist. Das Kaff Hibbing, wo er aufwuchs. Dann Minneapolis, wo er sich erstmals als Musiker versuchte, und schließlich New York, wo er Anfang der 1960er berühmt wurde.

Die ganze Reise war eine schöne, naive Idee. Ich habe Dylans poetische Songs mit ihren rätselhaften Texten immer geliebt, aber jeder Fan muss lernen, dass sich Kunst nicht durch Entstehungsbedingungen erhellen lässt. Auch nicht durch Gespräche mit alten Kumpels, die auf Dylans Talent guckten wie auf ein Rätsel.

Dann aber fuhr ich an einem Morgen von New York City nach Woodstock. Eine kleine, idyllisch gelegene Stadt, fast ein Dorf, in dem nichts an das Rockfestival von 1969 erinnert. Dylan ist dort nicht aufgetreten, aber er hat hier gelebt, nachdem er 1965 einen schweren Motorradunfall hatte.

Ich ließ mir von Einheimischen den Weg zu Dylans ehemaligem Wohnhaus erklären. Nachdem ich viele "Durchfahrt verboten"-Schilder missachtet hatte, kam ich zu einem großen Holzhaus mitten im Wald. Kein Klingelschild, keine Hausnummer. Drumherum hohe Bäume, die das Licht schluckten. Eine beklemmende Stille lag über allem, dabei schien das Haus bewohnt.

Es gibt einen Bruch in Dylans Schaffen nach dem Unfall, jeder Fan weiß das. Die Musik wird elegischer, entrückter. Als ich vor dem eleganten, aber düsteren Haus stand, begriff ich: Es gibt einen Genius Loci, eine Magie des Orts. Sie muss damals in Dylans Musik eingeflossen sein.

Näher als in diesem Moment bin ich Dylan auf meiner Reise nicht gekommen. Ich habe dann sogar geklopft, als erwartete ich tatsächlich, dass er gleich aus der Tür trete. Aber niemand öffnete.

Jörg Burger ist Redakteur im ZEITmagazin. Seine große Geschichte über Bob Dylan entstand für das Ressort Leben und erschien in ZEIT Nr. 21/01