Es war, als stünden wir auf einem fremden Planeten. Mitten in der Lausitz. Vor uns endlose Weite aus Sand, Kohle, Abraumhalden. Ein ausgedienter Tagebau, nur drei riesige Braunkohlebagger standen noch auf dem menschenleeren Feld, Zeugen einer Zeit, die vorbei war. Neben mir in der Dämmerung ein kleiner, blasser Mann. Gerhard Gundermann. Kohlekumpel, Liedermacher, Rockpoet. Die dünnen blonden Haare zum Zopf gebunden, die klugen Augen hinter der viel zu großen Brille.

Ihn wollte ich treffen, seit ich das erste Lied von ihm gehört hatte. Kurz nachdem die Grenzen offen waren, im Wendejahr 1989, gab mir ein Freund eine Kassette mit Gundermanns Musik. Es war, als schaute mir einer in die Seele. Die nächsten Jahre waren Gundermanns Lieder meine Begleiter durch die neue Zeit, auf meinen Reisen aus Thüringen hinaus in die Welt.

Aber dort kannte ihn keiner. Das wollte ich ändern, 1998 als Hospitantin im Länderspiegel der ZEIT, wo man damals gern über die "neuen Länder" berichtete. Ich schlug vor, ein Porträt über Gundermann zu schreiben, ich wollte wissen, wie dieser scheue Baggerfahrer aus der Lausitz zu so rauen, radikalen und doch zärtlichen Zeilen kam. Man ließ mich fahren.

Gundermann stand am Bahnhof und brachte mich zu dieser Mondlandschaft, die 22 Jahre lang sein Leben war. "Meine Grube Brigitta ist pleite und die letzte Schicht lang schon verkauft", heißt es in einem seiner Lieder. Er war einer der Letzten, die damals entlassen wurden. Und als er seinen Spind abschloss, die Stiefel auszog und seinen Helm an den Haken hing, hatte Gundermann nicht mal mehr einen Beruf. Der "Maschinist für Tagebaugroßgeräte" stand auf der Liste von 160 Berufen, die im Westen nicht existierten.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Er hätte singen können, die Kunst zum Beruf machen. Doch das wollte er nie. Aus Angst davor, den Leuten irgendwann nach dem Mund zu singen. Aus Angst, wie andere DDR-Künstler zu enden, die auf Kreuzfahrtschiffen Touristen bei Laune hielten. Als wir uns trafen, kam er direkt aus einer Holzwerkstatt, wo er sich zum Tischler umschulen ließ. Aus seinem Kofferraum zog er einen Bühnenhocker, für den er gerade eine Fünf kassiert hatte.

Ich weiß noch, wie wir in seinem Wohnzimmer saßen, in einem kleinen Haus nahe am Tagebau. Wäre es nicht anders gekommen, hätten sich die Bagger bis hierhin durchgefressen, hatte Gundermann gesagt. "Nun hab ich mein Haus behalten und die Arbeit verloren." Es war nicht schwer, mit Gundermann ins Gespräch zu kommen, er war ein Vertrauter, ich kannte ihn aus seinen Liedern. Denn die erzählten von nichts anderem als diesem Leben zwischen Abschied und Aufbruch, zwischen Sehnsucht und Zerrissenheit. Ich höre ihn noch zu seiner kleinen Tochter Linda sagen: "Gut’ Nacht, meine Pampelmuse." Dann fuhren wir los zum Soloauftritt nach Görlitz.

Sechs Monate später war Gundermann tot. Er starb mit 43 Jahren, am 21. Juni 1998, zur Sommersonnenwende, über die er kurz zuvor bei seinem letzten Konzert philosophiert hatte. Morgens im Badezimmer brach er zusammen. Hirnschlag.