ZEIT-Verleger Dieter von Holtzbrinck © Markus Hintzen für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr von Holtzbrinck, im Jahr 1996 haben Sie die ZEIT gekauft. Waren wir leicht zu kriegen?

Dieter von Holtzbrinck: Es war ein langwieriges Antichambrieren. Mitte der siebziger Jahre hatten wir von Gerd Bucerius die WirtschaftsWoche erworben. Wenige Jahre später signalisierte ich dem kinderlosen ZEIT-Verleger das Interesse unseres Hauses an einer Partnerschaft mit der ZEIT. Von da an dauerte es fast 15 Jahre, bis sich der als sprunghaft bekannte Bucerius für den Verkauf an uns entschieden hatte.

ZEIT: Im Grunde wollte Bucerius ewig leben und seine ZEIT für immer behalten.

von Holtzbrinck: Es ging um die Zukunft seines Lebenswerks, für ihn eine schwierige Entscheidung. Jahrelang wägte er vier Alternativen ab: Verkauf an Bertelsmann oder an unsere Verlagsgruppe, eine Stiftungslösung oder Verkauf an die ZEIT-Redaktion, der er schließlich ein Vorkaufsrecht einräumte.

ZEIT: Sie haben 15 Jahre lang verhandelt, und nie drang davon etwas nach außen?

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

von Holtzbrinck: Nein, nie. Dass Bucerius mit Bertelsmann sprach, kam damals raus. Aber die Gespräche mit uns wurden nicht bekannt. Das Gute war, mich kannte keiner.

ZEIT: Sie waren ein fremder Herr, den man bei seinen Besuchen in Hamburg nicht einordnen konnte. Man wusste nicht, wer Sie eigentlich sind. Ein bisschen wie beim früheren DDR-Spionagechef Markus Wolf, dem Mann, von dem es keine Fotos gab.

von Holtzbrinck: Vielleicht. Als ich Giovanni di Lorenzo Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal persönlich traf – es ging damals um die Besetzung der Chefredaktion beim Tagesspiegel –, sagte er bei der Begrüßung zu mir: "Ich dachte immer, es gibt Sie nicht."

ZEIT: War diese Anonymität Absicht?

von Holtzbrinck: Nein. Sie ergab sich, da ich keine PR für unser Haus machte. Wir verstehen uns nicht als Konzern, sondern als Holding einer dezentralen Mediengruppe, in der jeder einzelne Verlag seine eigene Öffentlichkeitsarbeit betreibt.

ZEIT: Aber die Anonymität nützte Ihnen?

von Holtzbrinck: Durchaus. Als nicht börsennotiertes Unternehmen muss man weder öffentliche Prognosen abgeben noch kurzfristige Auf- und Abwärtsbewegungen oder wichtige Personalien kommentieren und verteidigen. Viele Familienbetriebe gehen das erste Mal dann an die Öffentlichkeit, wenn sie beeindruckende Personalien oder Innovationen vorstellen können. Mit der Folge, sich fortan in den Fängen der Presse wiederzufinden.

ZEIT: In welchem Zustand war die ZEIT, als Sie den Verlag übernahmen?

von Holtzbrinck: Sie hatte ihren Zenit überschritten und war in eine Phase des Abschwungs geraten. Die meisten Brancheninsider gaben dem Blatt nur geringe Zukunftschancen.

ZEIT: Sie galten als waghalsig, weil Sie angeblich aufs falsche Pferd setzten.

von Holtzbrinck: Ja, nachdem bekannt wurde, dass der Kaufpreis 140 Millionen Deutsche Mark betragen hatte.

ZEIT: Sie haben die Entwicklung der ZEIT lange beobachtet und zu einem für Sie günstigen Zeitpunkt zugeschlagen – im geschäftlichen Niedergang. Waren Sie dann enttäuscht wegen der schwachen Renditen?

von Holtzbrinck: Nein, das war keine Überraschung. Wir haben von Beginn an an eine langfristig erfolgreiche "Wiederbelebung" geglaubt.

ZEIT: Was in der ZEIT war denn schiefgelaufen?

von Holtzbrinck: Es gab Verbesserungspotenzial beim Blatt und noch mehr im Verlag. Die Zeitung selbst war zu eintönig geworden. Formal fehlte dem Blatt die dramaturgische Spannung, inhaltlich wurde viel theoretisiert, und es gab meines Erachtens ein Übermaß an "Befindlichkeitsjournalismus". Das Layout war grau in grau, keine Farbe, keine Fotos, kein Weißraum. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag war auf ein Mindestmaß reduziert. Der Verlag selbst war schwach, vieles war outgesourct, Marketing war ein Fremdwort. Viel zu tun. Viel Potenzial.

"Mir schlugen Vorurteile entgegen"

ZEIT: Dann kam der Tag, an dem Sie sich der ZEIT persönlich vorgestellt haben. Wir erinnern uns noch gut. In der Kantine hatten sich damals alle Redakteure und Verlagsangestellten versammelt. Sie richteten ein paar Worte ans Publikum, danach waren die Hörer an der Reihe. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

von Holtzbrinck: Auch ich erinnere mich daran sehr gut. Es war alles dicht gedrängt, manche Redakteure saßen auf den Fensterbrettern. Aus dem Off kam plötzlich die Frage: "Glauben Sie, dass jetzt, nachdem Sie die ZEIT erworben haben, mehr Neuerscheinungen aus Ihren Buchverlagen Fischer, Rowohlt & Co. bei uns rezensiert werden?" Ich habe sinngemäß geantwortet: "Ich hoffe, dass man Bücher, die man spannend findet, auch weiterhin kritisch rezensiert." Daraufhin rief ein anderer: "Keine mehr!"

ZEIT: Gemeint war: Keine Bücher aus Holtzbrinck-Verlagen sollten in der ZEIT künftig rezensiert werden.

von Holtzbrinck: Ja, wir haben das dann über Monate verfolgt. Und wirklich: Unsere Verlage wurden längere Zeit boykottiert.

ZEIT: Das war eine Kriegserklärung.

von Holtzbrinck: Jedenfalls eine Provokation. Ich wurde damals von den Redakteuren auch gefragt: "Für wen machen wir die ZEIT?" Für interessierte Leser, habe ich geantwortet. "Falsch", hieß es da, "wir machen sie für uns!"

ZEIT: Das ging auf Marion Gräfin Dönhoff zurück, die einmal gesagt hatte: "Wir machen die Zeitung, die uns gefällt." Waren Sie damals enttäuscht von diesem Echo auf Ihren Auftritt?

von Holtzbrinck: Ich hatte ein bisschen damit gerechnet. Ich fand es aber wenig souverän. Ich wusste natürlich, dass viele Redakteure frustriert waren.

ZEIT: Die Redaktion war nicht begeistert, weil sie selbst die Möglichkeit diskutiert und geprüft hatte, die ZEIT zu kaufen. Die Redaktion hatte ein Vorkaufsrecht. Als daraus nichts wurde, war die Stimmung schlecht.

von Holtzbrinck: Das sehe ich auch so.

ZEIT: Als Sie nach Ihrem Auftritt zurück nach Stuttgart fuhren, hatten Sie bestimmt das Gefühl: Wie soll ich diesen Laden reformieren, wenn mir eine solche Blockadehaltung entgegenschlägt?

von Holtzbrinck: Nein, das war anders. Ich kannte solche Situationen. Ähnliches hatte ich schon nach dem Kauf des Rowohlt Verlages 1983 erlebt. Als wir dort Michael Naumann die verlegerische Führung anvertrauten, bekam er – sicherlich auch stellvertretend für uns – massiven Gegenwind von Lektoren und Autoren aus dem linken Lager. Sogar Drohanrufe bekam er. Der linke Naumann war vielen zu rechts.

ZEIT: Sie waren also Ärger gewohnt.

von Holtzbrinck: Nicht gewohnt, aber ich war vorbereitet.

ZEIT: Nicht geschockt? Nach dem Motto: Jetzt habe ich euch gerettet, und zum Dank haut ihr mir eins auf die Nuss.

von Holtzbrinck: Nein, ich hätte auch nie von Rettung gesprochen. Ich sah nur die Chancen für den Verlag.

ZEIT: Sie sind Schwabe. Wahrscheinlich dachte man: Der ist geizig, der wird uns die Etats kürzen.

von Holtzbrinck: Das waren Vorurteile, die mir entgegenschlugen, ja. Und es hieß: Haben die Holtzbrincks überhaupt schon mal bewiesen, dass sie es können? Wenn wir darauf entgegneten: Wir haben Regionalverlage saniert, dann hieß es: Regionalzeitung kann jeder, die ZEIT ist was anderes. Sie ist eine Institution.

ZEIT: Was hat Sie damals an diesem ältlichen, farblosen Fräulein ZEIT überhaupt interessiert?

von Holtzbrinck: Die Chance, aus dem kränkelnden Fräulein wieder eine vitale, attraktive Frau machen zu können. Die Marke ZEIT war noch unbeschädigt und stark, die journalistische Substanz glänzend. Die ZEIT neu zu komponieren, nach vorne zu bringen war eine tolle Aufgabe.

ZEIT: Waren Sie nicht an wachsenden Renditen interessiert?

von Holtzbrinck: Meine Geschwister und ich sind Verleger geworden, weil wir große Freude an der intellektuellen Herausforderung haben, die das Publizieren von Qualitätszeitungen und anspruchsvollen Buchprogrammen mit sich bringt. Dabei achten wir durchaus auf die finanzielle Stabilität der einzelnen Unternehmen, verfolgen aber keine Gewinnmaximierung, sondern eine langfristige Ausbaustrategie.

"Die Redaktion schwebte auf einer Wolke, fernab der Wirklichkeit"

ZEIT: 140 Millionen Deutsche Mark, umgerechnet rund 70 Millionen Euro, haben Sie 1996 für die ZEIT gezahlt. Was wäre sie heute wert?

von Holtzbrinck: Keine Ahnung, vielleicht das Doppelte.

ZEIT: Warum haben Sie die ZEIT gekauft, wenn Ihnen nichts am Gewinn lag?

von Holtzbrinck: Natürlich hofften wir, dass sich der Kaufpreis als gerechtfertigt herausstellen würde – was ja nun seit Jahren bewiesen ist. Hatte ich Freude am Kauf? Ja, große Freude. Wir drei Gesellschafter fühlen uns privilegiert, als Aufsichtsräte regelmäßig mit den Führungspersönlichkeiten aus Redaktion und Verlag über die ZEIT und den Zeitverlag diskutieren zu können.

ZEIT: Mögen Sie Journalisten?

von Holtzbrinck: Mich fasziniert deren geistige Unabhängigkeit, der Nonkonformismus, der Wissensdurst. Der offene Geist, die Neugierde. Mich fasziniert auch die Formulierungskunst vieler Journalisten. Was mich bei manchen Journalisten nicht ganz so fröhlich stimmt, ist ihr zuweilen überheblicher Auftritt.

ZEIT: Der erste Chefredakteur, den Sie einsetzten, war der Schweizer Wirtschaftsredakteur Roger de Weck. 1997 war das. Er sollte der Eisbrecher für Ihre Reformen sein, oder?

von Holtzbrinck: Er hat mit großem Engagement mit den Reformen begonnen, in der Tat. Und er stieß auf unglaubliche Widerstände in der Redaktion. Aber das wissen Sie besser als ich.

ZEIT: Der Neue galt als Ihr Handlanger.

von Holtzbrinck: Roger de Weck ist ein hochintelligenter, kluger und selbstbewusster Mann. Insofern hat ihn ein solcher Vorwurf sehr verletzt. Natürlich hatten wir den Reformkurs des Blattes mit ihm diskutiert und gemeinsam beschlossen. Daraus "Handlanger" abzuleiten ist infam.

ZEIT: Er führte sogenannte SMS-Artikel in 140 Zeichen ein, stellte sogar das DIN-A2-Format der ZEIT infrage. In den Augen mancher Kollegen wollte er den Geist der Zeitung zerstören.

von Holtzbrinck: Weder de Weck noch wir wollten den "Geist der Zeitung" zerstören, sondern die Zeitung nur interessanter machen. Nach de Wecks Ausscheiden haben wir eine doppelt-kraftvolle Chefredaktion etabliert: das Gespann Michael Naumann und Josef Joffe.

ZEIT: Die beiden gingen zunächst einen halben Reformschritt zurück, um die Redaktion abzuholen, danach mehrere Schritte nach vorn. Zum Beispiel führten sie konsequent Farbe im Blatt ein – was damals einer Kulturrevolution gleichkam.

von Holtzbrinck: Die beiden entwickelten den Reformkurs weiter und setzten ihre Ideen durch. Die Aufgabe war schwierig. Wir haben ja vor Kurzem beim Spiegel gesehen, wie eine Redaktion ihre Chefredaktion und Geschäftsführung ins Abseits stellen kann.

ZEIT: Welche Rolle spielte Marion Gräfin Dönhoff in den Jahren der Reformen?

von Holtzbrinck: Im Gegensatz zu ihrem Mitherausgeber Helmut Schmidt hatte die Gräfin – bei allen Verdiensten – wenig Verständnis für die Reformen. Sie war die Anlaufstelle für die Unzufriedenen in der Redaktion, die keine Veränderungen wollten.

ZEIT: Marion Dönhoff war die Gegenspielerin des Chefredakteurs de Weck.

von Holtzbrinck: Insofern war sie auch meine Gegenspielerin. Ich wurde ein paar Mal von de Weck, später auch einmal von Naumann gerufen: "Sie müssen mit der Gräfin sprechen, sonst kündigt sie." Das tat ich dann mit bescheidenem Erfolg. Da hat Helmut Schmidt mehrmals beschwichtigend eingegriffen.

ZEIT: Die Redakteure beschäftigten sich damals in einem fort mit dem Zustand der Redaktion, und die Stimmung war mies, wie am Beginn eines Kulturkampfes, bei dem es darum geht, eine Institution vor dem Zugriff feindlicher Mächte abzuschirmen.

von Holtzbrinck: Die Redaktion schwebte auf einer Wolke, fernab der Wirklichkeit. Seither ist unglaublich viel geschehen. Heute ist die Stimmung sehr gut, denke ich. Was auch mit dem großen Erfolg der Zeitung und des Verlages zu tun hat.

ZEIT: Fühlen Sie sich heute von der Redaktion akzeptiert?

von Holtzbrinck: Ich bin leider selten in Hamburg, weil es so gut läuft, aber ich habe den Eindruck, dass meine Geschwister und ich voll akzeptiert sind. Ich spüre jedenfalls keine Ressentiments.

ZEIT: Werden Sie von Managern anderer Medienhäuser gefragt, ob Sie sich nicht besser von der ZEIT trennen sollten, weil die gedruckte Zeitung angeblich ein Dinosaurier ist?

von Holtzbrinck: Nein. Gefragt werde ich nicht. Wie weit sich die Print-Auflagen der Zeitungen in Deutschland noch nach unten entwickeln oder ob Zeitungen vielleicht eine Renaissance erleben werden, weiß niemand. Doch Print wird es weiterhin geben. Daher kommt es nicht darauf an, in welcher Form eine Zeitung ihre Leser findet. Es gibt schon länger E-Paper, man kann neue Apps entwickeln. Die Darreichungsform ist auf Dauer sekundär. Die Reichweiten bei uns steigen, wenn ich die echt verkauften Print- und Digitalabonnements zusammenrechne.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

von Holtzbrinck: Den Lesern geht es in dieser globalisierten und unruhigen Welt immer mehr um Orientierung. Die erhält man nicht, wenn man sich nur aus der Masse der verfügbaren Informationen bedient. Man braucht auch Zeitungen und Medien, die Unwichtiges von Wichtigem trennen, die sauber recherchieren und treffend kommentieren. Das halte ich für viel, viel wichtiger als je zuvor. Viele Menschen sind heute durch das Trommelfeuer der Negativ-Nachrichten so verunsichert, dass ihnen jede Zuversicht fehlt oder dass sie gar Demagogen folgen. Qualitätsmedien kommt die große Aufgabe zu, der Bevölkerung bei der Einordnung der Probleme und Wirren zu helfen. Ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt.

ZEIT: Ärgern Sie sich manchmal bei der Lektüre der ZEIT ?

von Holtzbrinck: Dass mir nicht jeder Artikel gefällt, ist klar. Das gilt aber für jedes Blatt. Aber mich ärgern? Nein, das nicht. Ich würde mich ärgern, wenn in der Zeitung dumm provoziert oder fahrlässig recherchiert würde. Das ist in der ZEIT aber nicht der Fall.

ZEIT: Ihr Vorgänger Bucerius griff mit großer Selbstverständlichkeit ins Blatt ein und schrieb auch selber Artikel. Manchmal gegen die eigenen Redakteure. Würden Sie das hin und wieder auch gern einmal tun?

von Holtzbrinck: Das juckt einen, ja. Aber es gibt sehr unterschiedliche Verlegertypen. Rudolf Augstein war beim Spiegel de facto auch noch Chefredakteur. Dann gibt es Verleger, die sich als reine Kaufleute sehen. Denen ist es ziemlich gleichgültig, was die Redaktion tut. Ich sehe meine Rolle eher als die eines aktiven Aufsichtsrates, der dafür sorgt, dass das Unternehmen eine gut funktionierende Geschäftsführung und Chefredaktion hat.

ZEIT: Poetisch ausgedrückt – Sie verstehen sich als Gärtner, der Blumen gießt und sich überlegt, ob die Beete schön bepflanzt sind.

von Holtzbrinck: Das haben Sie schön ausgedrückt.

ZEIT: Ein Gärtner, der auch Bäume absägt, wenn sie zu großen Schatten werfen?

von Holtzbrinck: (lacht) Als Gärtner wäre ich vielleicht ungeeignet, aber im übertragenen Sinne: Ja, das stimmt. Ich bin von Hause aus kein Journalist, habe aber natürlich eine Meinung. Ich wäre jedoch sehr vorsichtig, sie als Zeitungsbeitrag zu äußern. Das kann schnell fehlinterpretiert werden als Eingriff des Verlegers. Da würde es heißen: Aha, der spielt jetzt Ober-Chefredakteur.

ZEIT: Wie blicken Sie auf die politische Linie der ZEIT? Sehen Sie Veränderungen?

von Holtzbrinck: Was die liberale Grundhaltung angeht, sehe ich keine Veränderungen. Ich sehe aber, dass die dogmatischen Gefechte, die früher in vielen Zeitungen stattfanden, zu Ende sind. Da war sehr viel Ideologie im Spiel, zum Teil noch aus den 68er-Zeiten.

ZEIT: In den siebziger Jahren war die ZEIT für Sie ein linkes Blatt?

von Holtzbrinck: Zum Teil schon: links und manchmal etwas naiv. Ein Beispiel: In jenen Jahren war ich verlegerischer Geschäftsführer beim Handelsblatt. Dort hatten wir einmal recherchiert, dass die DDR mehr als 100 Millionen Deutsche Mark pro Jahr für die ideologische Unterwanderung der Bundesrepublik ausgab. Dafür wurden wir – auch von der ZEIT – als "rechts von Springer" massiv attackiert, obwohl die Realität noch schlimmer aussah als beschrieben.

ZEIT: Wie ist es Ihnen gelungen, den Konzern Bertelsmann auszustechen, der damals ebenfalls hinter der ZEIT her war?

von Holtzbrinck: Bucerius hatte sich in seinen letzten Lebensjahren für uns entschieden. Dennoch zogen sich die Vertragsverhandlungen bis zu seinem Tode hin, sodass Hilde von Lang, seine Lebensgefährtin und Testamentsvollstreckerin, die Verhandlungen erst wenige Monate nach seinem Ableben zum Abschluss bringen konnte. Da aber die Titel- und Verlagsrechte der ZEIT in der gemeinnützigen ZEIT-Stiftung lagen, musste sie diese Rechte dort herauslösen. Das Kuratorium der ZEIT-Stiftung, dem auch Reinhard Mohn angehörte, genehmigte den Deal dann aber einstimmig.

ZEIT: In dieser Zeit lernten Sie auch Helmut Schmidt kennen.

von Holtzbrinck: Ja. Helmut Schmidt und die Gräfin mussten dem Verkauf der ZEIT laut Testament von Bucerius zustimmen. Deshalb kam Schmidt an einem Samstag zu mir nach Stuttgart. Der Bundeskanzler a. D. fuhr vor, setzte seine Prinz-Heinrich-Mütze auf, schaute sich um und sagte zu mir: "Was haben Sie sich da für eine Prunkvilla hingestellt!" Also erst einmal Attacke. Wir gingen dann ins Haus, in dem man als Erstes auf eine große Telefonzentrale zuläuft. Da erkannte er: "Ach, das hier ist gar nicht Ihr Privathaus?"

ZEIT: Da waren Sie vom üblen Verdacht befreit, Sie hätten sich eine Prunkvilla gebaut.

von Holtzbrinck: Ja, doch dann hat er mich stundenlang "gegrillt".

ZEIT: Was wollte er von Ihnen wissen?

von Holtzbrinck: Alles. Er wollte alles wissen: Privates, Berufliches, Schulzeit, politisches Denken, einfach alles.

ZEIT: Hat er Sie auch gefragt, ob Sie "gedient" haben?

von Holtzbrinck: Ja, aber ich hatte nicht gedient, da ich in meinen zwanziger Jahren überwiegend im Ausland lebte.

ZEIT: Nicht gedient? Da hatten Sie bei Schmidt gleich einen Malus.

von Holtzbrinck: Unter Umständen. Nachdem Schmidts Besuch beendet war, ließ er mich noch tagelang im Unklaren darüber, wie das Ergebnis der Prüfung ausgefallen war. Am Ende bin ich bestenfalls mit "ordentlich", vielleicht aber auch nur mit der Note Vier durchgekommen.