DIE ZEIT: Wenn Sie, Theo Sommer, morgens in die ZEIT-Redaktion kommen, sehen Sie an einer Wand im Empfang die stark vergrößerte Titelseite der jeweils aktuellen ZEIT-Ausgabe hängen. Ärgern Sie sich dann, oder freuen Sie sich?

Theo Sommer: Das weiß ich erst, nachdem ich die Zeitung gelesen habe.

Charlotte Parnack: Können Sie denn mit unseren heutigen Themen etwas anfangen? Zum Beispiel mit "Wir und das Tier" oder "Wer bin ich wirklich?"?

Sommer: Die ZEIT muss sich anpassen an die veränderten Zeiten. Und das tut ihr. Das muss nicht unbedingt mein Geschmack sein, ich gehöre einer anderen Generation an. Aber wenn ich die Auflagenzahlen sehe, erkenne ich, dass die Zeitung ankommt.

Parnack: Gibt es Dinge, die zu Ihrer Zeit besser waren?

Sommer: Ich glaube, wir waren analytischer. Dafür schreibt ihr besser.

ZEIT: Wir glauben, Sie verklären da was. Wir waren in den neunziger Jahren selbst dabei. Wir haben miterlebt, dass Redakteure bevorzugt ins Archiv reisten, wenn sie etwas herausfinden wollten. Es gab nur eine Handvoll Reporter, die sich in der Welt umsahen. Wären Sie damals gern Redakteurin in diesem Haus gewesen, Charlotte Parnack?

Parnack: ... um die Welt aus dem Archiv heraus zu betrachten? Klingt nicht sehr verlockend. Außerdem weiß ich gar nicht, ob das vorstellbar war – für mich als Frau.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Sommer: Das ist doch Unsinn! Wir haben auch recherchiert, wir haben die Welt bereist, wir haben Porträts und Reportagen geschrieben. Und wenn Sie die Frauen erwähnen: Da drüben hängt eine, die war Chefredakteurin (zeigt auf ein Foto von Marion Gräfin Dönhoff).

Parnack: Die hatte aber keine Kinder.

Sommer: Nein, schwanger war sie nie, soweit ich weiß!

Parnack: Eben. Für eine junge Frau mit Kindern war es nicht vorgesehen, in der Redaktion mitzuarbeiten.

Sommer: Es war aber auch nicht ausgeschlossen.

Parnack: Gab es denn Mütter, die hier gearbeitet haben?

Sommer: Aber sicher. Jahrzehntelang war eine Frau und Mutter Geschäftsführerin der ZEIT: Hilde von Lang. Im Wirtschaftsressort arbeitete die Redakteurin Gunhild Freese. Überhaupt gab es im Wirtschaftsressort mehrere Frauen. Warum gerade dort? Weil Frauen, die Nationalökonomie studiert hatten, in der eigentlichen Wirtschaftswelt nicht ankamen, jedoch in den Redaktionen eine Chance fanden.

Parnack: Gut, das sind Einzelfälle. Heute sitzen in der großen Redaktionskonferenz oft mehr Frauen als Männer. Wie ist das für Sie?

Sommer: Frauen haben mich nie gestört. Wir hatten damals unsere große Reporterin Nina Grunenberg. Die wurde später sogar stellvertretende Chefredakteurin wie heute Sabine Rückert. Es war nicht so, dass Frauen bei uns ausgeschlossen waren.

ZEIT: In Wahrheit gab es sehr wenige. Nina Grunenberg muss in den Erzählungen ständig als Beleg herhalten – und natürlich Gräfin Dönhoff. Danach wird es schnell sehr dünn.

Sommer: Halt! Sie haben keine Ahnung. Da waren die Chefin des Reise-Ressorts, Erika Müller, die spätere Eka von Merveldt, und ihre Nachfolgerin Rosemarie Noack, dann die Ostberliner Korrespondentin Marlies Menge, außerdem die Kunstredakteurin Petra Kipphoff, ferner Anna von Münchhausen, Susanne Mayer, Viola Roggenkamp, Margrit Gerste, Gunhild Lütge, Constanze Stelzenmüller. Aber es wollten damals einfach weniger Frauen zu uns kommen. Wir hätten sie nicht abgelehnt, wenn sie gekommen wären.

Parnack: Warum wollten die denn nicht?

Sommer: Weil sie noch nicht so weit waren. Da würde ich die Schuld nicht nur bei uns suchen. So viele Bewerbungen von Frauen bekamen wir gar nicht. Ich wollte auch sehr früh schon türkische Kollegen in der Redaktion haben, das ging auch nicht. Als ich Ende 1992 die Chefredaktion abgab, waren die aufstrebenden Deutschtürken noch nicht durch Gymnasium, Abitur, Universität. Jetzt sind sie da, und jetzt haben wir sie auch.